Boeing 787-8 (Foto: Flughafen Wien AG).
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Air India untersucht Kraftstoffschalter nach tragischem 787-Absturz und dementiert Vorkommnisse

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Im Zuge der fortgesetzten Untersuchungen zum verheerenden Absturz von Air India Flug 171 hat die Fluggesellschaft mitgeteilt, daß vorsorgliche Überprüfungen der Verriegelungsmechanismen an den Kraftstoffkontrollschaltern ihrer gesamten Flotte von Boeing 787- und 737-Flugzeugen keine Mängel ergeben haben.

Diese Bekanntgabe erfolgte am 22. Juli 2025, nachdem erste Ermittlungsergebnisse gezeigt hatten, daß die Schalter an Flug AI171 kurz vor dem Unglück in Ahmedabad in der „Abschalt“-Position waren. Während der vorläufige Untersuchungsbericht der indischen Flugunfallbehörde AAIB keine vorherigen Defekte am Flugzeug oder den Triebwerken feststellte, konzentrieren sich die Ermittler nun auf die Aktionen der Piloten im Cockpit, insbesondere auf einen kritischen Dialog, der die Frage aufwirft, ob die Abschaltung der Triebwerke absichtlich oder unabsichtlich erfolgte.

Die tragischen Umstände von Flug AI171 und erste Befunde

Der Absturz von Air India Flug 171 am Tage des Unglücks bleibt ein schmerzhaftes Kapitel in der jüngsten Geschichte der Luftfahrt, dessen Ursache mit akribischer Sorgfalt ermittelt wird. Der Vorfall, der sich in Ahmedabad ereignete und bei dem zahlreiche Menschen ihr Leben verloren, hat die Sicherheitsstandards und die Betriebsabläufe der Fluggesellschaft sowie die Rolle der Besatzung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt.

Der vorläufige Untersuchungsbericht des Aircraft Accident Investigation Bureau (AAIB) Indiens, veröffentlicht am 12. Juli 2025, lieferte erste entscheidende Hinweise. Demnach wurden keine vorherigen Defekte an den Triebwerken oder den Kraftstoffkontrollschaltern des Flugzeugs festgestellt. Dies ist ein wichtiger Punkt, da er die Möglichkeit eines technischen Versagens als alleinige Ursache zunächst unwahrscheinlicher macht. Jedoch ergaben die frühen AAIB-Befunde, daß beide Kraftstoffkontrollschalter des Fluges AI171 innerhalb von Sekunden nach dem Abheben von der Position „RUN“ (Betrieb) auf „CUTOFF“ (Abschaltung) gestellt wurden, was zu einem vollständigen Abschalten beider Triebwerke führte. Der Bericht schrieb diese Aktion jedoch keinem der Piloten direkt zu.

Air India reagierte auf diese Befunde umgehend. Die Fluggesellschaft teilte in einer Erklärung vom 22. Juli 2025 mit, daß sie bereits am 14. Juli 2025, also noch vor der Veröffentlichung des vorläufigen AAIB-Berichts, mit freiwilligen Inspektionen der Kraftstoffschalter begonnen hatte. Diese Überprüfungen wurden innerhalb des von Indiens Generaldirektion für Zivilluftfahrt (DGCA) gesetzten Zeitrahmens abgeschlossen und erstreckten sich nicht nur auf die Boeing 787-Flotte, sondern auch auf die Boeing 737-Flugzeuge, die von ihrer Billigflugtochter Air India Express betrieben werden. Die Airline betonte, „keine Probleme“ mit dem Verriegelungsmechanismus der Kraftstoffkontrollschalter gefunden zu haben und hat die Aufsichtsbehörde über die abgeschlossenen Prüfungen informiert. Air India bekräftigte in ihrer Stellungnahme ihr Engagement für die Sicherheit von Passagieren und Besatzungsmitgliedern.

Der kritische Dialog im Cockpit und die Selbstmordthese

Während die technischen Überprüfungen der Schalter durch Air India keine Defekte ergaben, rückt der Fokus der Ermittlungen immer stärker auf die menschliche Komponente und die Ereignisse im Cockpit unmittelbar vor dem Absturz. Ein Bericht des „Wall Street Journal“ vom 16. Juli 2025, der sich auf Informationen aus dem Cockpit Voice Recorder (CVR) beruft, brachte eine brisante Information ans Licht: Der Bericht legt nahe, daß der Kapitän kurz nach dem Start die Kraftstoffzufuhr des Flugzeugs im Cockpit absichtlich unterbrochen haben könnte.

Der CVR soll ein Gespräch aufgezeichnet haben, in dem der Erste Offizier den Kapitän fragt, warum er die Kraftstoffkontrollschalter auf „Abschaltung“ gestellt habe. Der Kapitän soll daraufhin geantwortet haben, daß er dies nicht getan habe. Während der AAIB-Bericht diesen Dialog ebenfalls erwähnt, wird darin nicht explizit genannt, welcher Pilot die Bemerkungen machte oder wer die Schalter bedient haben könnte. Dies läßt Raum für Interpretationen und die Notwendigkeit weiterer Ermittlungen, um die genauen Umstände dieses Wortwechsels zu klären.

Dieser aufgezeichnete Dialog hat Ermittler Berichten zufolge dazu veranlaßt, sich intensiv auf die Aktionen des Piloten zu konzentrieren, um zu ergründen, warum die Schalter aktiviert wurden und ob diese Handlung versehentlich oder absichtlich erfolgte. Die „Selbstmordthese“, die bereits von der US-Transportsicherheitsbehörde NTSB in einer unveröffentlichten Einschätzung favorisiert wurde, gewinnt durch diese CVR-Aufzeichnungen an Gewicht. Solche Fälle sind in der Luftfahrtgeschichte selten, aber tragische Beispiele wie der Absturz von Germanwings Flug 9525 im Jahre 2015 oder EgyptAir Flug 990 im Jahre 1999 haben gezeigt, daß eine absichtliche Handlung eines Piloten eine Flugzeugkatastrophe verursachen kann. Diese These ist jedoch hochsensibel und bedarf einer zweifelsfreien Beweisführung, um die Reputation der Piloten nicht vorschnell zu schädigen.

Die indische Behörde AAIB hatte sich zuvor öffentlich gegen „spekulative und verfrühte“ Festlegungen zur Absturzursache aus dem Ausland gewehrt und betont, in alle Richtungen zu ermitteln. Die jüngsten Erkenntnisse aus dem CVR zwingen die Ermittler jedoch dazu, die Möglichkeit einer vorsätzlichen Handlung ernsthaft zu prüfen, ohne andere potenzielle Ursachen auszuschließen.

Die Rolle der Kraftstoffkontrollschalter und der Ausbildung

Die Kraftstoffkontrollschalter sind ein kritischer Bestandteil der Flugzeugsysteme, die für die Zufuhr von Treibstoff zu den Triebwerken verantwortlich sind. Ihre Betätigung von „RUN“ auf „CUTOFF“ führt unweigerlich zu einem Abschalten der Triebwerke. Die Tatsache, daß Air India vorsorgliche Inspektionen an den Verriegelungsmechanismen dieser Schalter durchgeführt hat, obwohl der AAIB-Bericht keine Defekte feststellte, unterstreicht die Sensibilität dieses Aspekts der Untersuchung. Es ist denkbar, daß die Inspektionen durchgeführt wurden, um auszuschließen, daß ein mechanisches Problem oder eine Fehlfunktion des Verriegelungsmechanismus zu einer unbeabsichtigten Betätigung der Schalter geführt haben könnte. Die Bestätigung von Air India, daß „keine Probleme“ gefunden wurden, würde die technische Unversehrtheit dieses speziellen Mechanismus untermauern.

Die Fragen, die sich nun stellen, betreffen vor allem die menschliche Interaktion mit diesen Schaltern:

  • War es eine versehentliche Betätigung? Denkbar wäre eine unbeabsichtigte Berührung der Schalter in einer Streßsituation oder eine Verwechslung mit anderen Bedienelementen, obwohl dies bei gut ausgebildeten Piloten als unwahrscheinlich gilt. Moderne Cockpits sind so konzipiert, daß kritische Bedienelemente vor versehentlicher Betätigung geschützt sind (z.B. durch Abdeckungen oder spezielle Mechanismen).
  • War es eine absichtliche Handlung? Diese Hypothese erfordert die Prüfung der mentalen Verfassung der Piloten und anderer Faktoren, die zu einer solchen Entscheidung führen könnten. Solche Untersuchungen sind äußerst komplex und beinhalten die Auswertung von persönlichen Aufzeichnungen, medizinischen Befunden und Zeugenaussagen.
  • Lag ein Mißverständnis im Cockpit vor? Der aufgezeichnete Dialog deutet auf eine Kommunikation hin, die auf eine Diskrepanz zwischen den Handlungen und dem Verständnis der Situation schließen läßt. Dies könnte auf eine mangelhafte Kommunikation (Crew Resource Management, CRM) oder eine akute Streßsituation zurückzuführen sein, die zu Fehlinterpretationen führte.

Die Untersuchungen werden sich daher nicht nur auf die technischen Aspekte konzentrieren, sondern auch auf die Ausbildung und die Notfallverfahren der Piloten. Es wird geprüft werden, ob die Besatzung ausreichend für solche extremen Situationen geschult war und ob die im Handbuch vorgesehenen Prozeduren korrekt angewendet oder verfehlt wurden.

Der Weg zum Abschlußbericht und die Erwartungen

Die Flugunfalluntersuchung ist ein langwieriger Prozeß, der höchste Präzision und Gründlichkeit erfordert. Ein endgültiger Bericht der AAIB wird innerhalb von 12 Monaten erwartet. Bis dahin werden die Ermittler weiterhin alle verfügbaren Daten analysieren, Wrackteile untersuchen, Zeugen befragen und technische Simulationen durchführen.

Die Zusammenarbeit zwischen nationalen und internationalen Behörden, wie der indischen AAIB und der amerikanischen NTSB, ist dabei von entscheidender Bedeutung, kann aber auch zu Reibungen führen, wenn unterschiedliche Auffassungen über die Ursache bestehen. Das öffentliche Ärgernis der AAIB über „spekulative und verfrühte“ Festlegungen zeigt die Sensibilität solcher Ermittlungen und die Notwendigkeit, ein abschließendes Urteil erst nach Vorliegen aller Fakten zu fällen.

Der Abschlußbericht wird weitreichende Konsequenzen haben, nicht nur für die beteiligte Fluggesellschaft und die Angehörigen der Opfer, sondern auch für die globale Luftfahrt. Sollte sich eine absichtliche Handlung bestätigen, hätte dies Auswirkungen auf Sicherheitsverfahren im Cockpit und die psychologische Überprüfung von Piloten. Sollte sich eine technische Fehlfunktion oder ein unabsichtlicher Fehler herausstellen, könnten daraus Lehren für die Flugzeugkonstruktion, die Pilotenausbildung oder die Betriebsabläufe gezogen werden, um zukünftige Unglücke zu verhindern.

Der tragische Absturz von Air India Flug 171 und die laufenden Ermittlungen beleuchten die komplexe Natur von Flugunfällen, bei denen oft menschliche Fehler und technische Aspekte miteinander verwoben sind. Während Air India nach eigenen Angaben keine Probleme mit den Verriegelungsmechanismen der Kraftstoffkontrollschalter festgestellt hat, deutet der kritische Dialog im Cockpit auf eine mögliche Fehlbedienung hin, deren Natur – ob absichtlich oder unabsichtlich – noch geklärt werden muß. Die indische Flugunfallbehörde AAIB steht vor der immensen Aufgabe, alle verfügbaren Informationen zu analysieren und ein endgültiges Urteil zu fällen. Bis zur Veröffentlichung des Abschlußberichts in den nächsten Monaten bleibt die Frage nach der genauen Absturzursache offen, doch die Erkenntnisse werden zweifellos wichtige Lehren für die zukünftige Flugsicherheit weltweit liefern.

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