Boeing 737-800, betrieben von Buzz (Foto: Jan Gruber).
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Spaniens Flughäfen vor Streikchaos: Ryanair-Tochter Azul Handling von massiven Arbeitsniederlegungen bedroht

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Die spanische Luftfahrtbranche steht vor einer turbulenten zweiten Jahreshälfte. Die Gewerkschaften UGT und CGT haben für die Ryanair-Tochter Azul Handling, die Bodenabfertigungsdienste in Spanien erbringt, 22 Streiktage angekündigt. Die erste Welle der Arbeitsniederlegungen soll bereits am 15. August 2025 beginnen, mitten in der Hauptreisezeit.

Die Streiks, die sich über Feier- und Brückentage bis in den Dezember ziehen, könnten den Flugbetrieb an den wichtigsten Flughäfen Spaniens erheblich beeinträchtigen. Die Gewerkschaften begründen ihren Schritt mit massiven Vorwürfen gegen das Unternehmen, darunter prekäre Beschäftigungsverhältnisse, erzwungene Überstunden und die Blockade der gewerkschaftlichen Arbeit. Die Situation wird durch eine interne Spaltung innerhalb der Arbeitnehmervertretung erschwert, da eine dritte Gewerkschaft, CCOO, den Streik ablehnt.

„Ryanair rechnet nicht mit Beeinträchtigungen des Flugbetriebs aufgrund dieser Streiks von Drittabfertigungsunternehmen in Spanien“, erklärt ein Sprecher der Fluggesellschaft Ryanair auf Anfrage.

Die Wurzeln des Konflikts: Prekäre Arbeitsbedingungen und Zwang zur Mehrarbeit

Die von den Gewerkschaften UGT und CGT erhobenen Vorwürfe gegen Azul Handling sind schwerwiegend. Laut der spanischen Nachrichtenagentur EFE wird die Situation an den Standorten als „gravierend“ beschrieben. Im Zentrum der Kritik stehen die sogenannten „horas complementarias“, also die ergänzenden Stunden, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über ihre reguläre Arbeitszeit hinaus leisten müßten. Wer sich weigere, diese Stunden zu arbeiten, werde sanktioniert – in Einzelfällen mit bis zu 36 Tagen ohne Lohn. Dieses System, so die Gewerkschaften, sei ein zentrales Problem für die Angestellten, da es eine verläßliche Arbeitsplanung unmöglich mache und die finanzielle Sicherheit gefährde.

Ein weiterer Hauptkritikpunkt ist die systematisch auf prekäre Verhältnisse ausgelegte Beschäftigungspraxis. Die Gewerkschaften werfen dem Unternehmen vor, durch befristete Verträge eine betriebliche Bindung und den Aufbau von Arbeitnehmerrechten zu erschweren. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten keine langfristige berufliche Perspektive. In einer Branche, die saisonalen Schwankungen unterworfen ist, sind befristete Verträge zwar nicht unüblich, jedoch argumentieren die Gewerkschaften, daß der Umfang und die systematische Anwendung dieser Verträge bei Azul Handling über das übliche Maß hinausgehe.

Gewerkschaftliche Arbeit unter Druck: Blockade und Disziplinarmaßnahmen

Der Konflikt beschränkt sich nicht nur auf die Arbeitsbedingungen der Angestellten, sondern umfaßt auch den Umgang mit den Gewerkschaften selbst. UGT und CGT werfen Azul Handling vor, die gewerkschaftliche Arbeit gezielt zu behindern. Dem Betriebsrat werde regelmäßig der Zugang zu relevanten Informationen verweigert, was dessen Handlungsfähigkeit blockiere. Zudem gebe es gezielte Disziplinarmaßnahmen gegen Mitarbeiter, die sich gewerkschaftlich engagierten. Die Missachtung rechtskräftiger Urteile und eine ungleiche Bezahlung von Teilzeitkräften werden ebenfalls als Gründe für den Streik genannt.

Dieses Vorgehen von Arbeitgebern gegen die gewerkschaftliche Arbeit ist in der spanischen Arbeitswelt ein wiederkehrendes Thema. Unternehmen, insbesondere in Dienstleistungsbereichen, stehen oft unter dem Druck, die Kosten zu senken, was zu Auseinandersetzungen mit den Arbeitnehmervertretungen führen kann. Die Strategie der Gewerkschaften, sich nun zu 22 Streiktagen zu entschließen, ist ein deutliches Zeichen für die Frustration über die aus ihrer Sicht mangelnde Kompromißbereitschaft des Unternehmens.

Interne Uneinigkeit: Die Spaltung der Arbeitnehmervertretung

Eine Besonderheit dieses Arbeitskampfes ist die Uneinigkeit innerhalb der Arbeitnehmervertretung. Während UGT und CGT, die gemeinsam die Mehrheit im neunköpfigen Betriebsrat stellen, den Streik als notwendiges Mittel ansehen, hat sich die Gewerkschaft CCOO klar dagegen ausgesprochen. CCOO, die mit drei Sitzen im Betriebsrat vertreten ist, hatte im April einen Tarifvertrag mit Azul Handling unterzeichnet, den UGT und CGT als unzureichend ablehnen. Diese Spaltung in der Arbeitnehmerschaft könnte die Wirksamkeit des Streiks beeinträchtigen und die Position der Gewerkschaften schwächen.

Trotzdem wird der Streikkalender, der bis zum Jahresende reicht, die Betroffenen vor erhebliche Herausforderungen stellen. Die Arbeitsniederlegungen sind strategisch auf Brücken- und Feiertage gelegt, an denen das Passagieraufkommen besonders hoch ist. Die Streiks sind für den 15., 16. und 17. August, das erste Wochenende im September, sowie für Termine im Oktober, November und Dezember geplant. Dies erhöht den Druck auf das Unternehmen und die spanischen Behörden, eine Lösung zu finden.

Die Rolle des spanischen Verkehrsministeriums: Mindestdienste und mögliche Auswirkungen

Die Ankündigung der Streiks erfordert nun ein Eingreifen des spanischen Verkehrsministeriums. Um den Betrieb an kritischen Reisetagen aufrechtzuerhalten, wird das Ministerium sogenannte „servicios mínimos“ festlegen müssen. Diese Mindestdienste stellen sicher, daß zumindest ein Teil des Flugverkehrs aufrechterhalten werden kann, um eine vollständige Lähmung des Reisegeschehens zu verhindern. Die Festlegung dieser Mindestdienste ist oft ein Kompromiß, der die Rechte der streikenden Arbeitnehmer mit den Interessen der Öffentlichkeit in Einklang bringen soll.

Die Auswirkungen des Streiks könnten sich nicht nur auf die Passagiere von Ryanair beschränken, sondern auch den gesamten Flugverkehr an den betroffenen Flughäfen beeinträchtigen. Die Liste der spanischen Flughäfen, an denen Ryanair präsent ist, liest sich wie ein Reiseführer durch das Land: Madrid, Barcelona, Valencia, Sevilla, Málaga, Alicante, Ibiza, Palma de Mallorca, Girona, Teneriffa Süd, Lanzarote und Santiago de Compostela. Diese Standorte sind während der Hauptreisezeit extrem frequentiert.

Ein harter Arbeitskampf vor der Hochsaison

Der angekündigte Streik bei Azul Handling ist ein Beispiel für einen harten Arbeitskampf, der in der spanischen Dienstleistungsbranche immer wieder aufflammt. Die Gewerkschaften UGT und CGT haben sich zu einem drastischen Schritt entschlossen, um die Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder zu verbessern und der Prekarität entgegenzuwirken. Die strategische Platzierung der Streiktage während der Hochsaison und an Feiertagen ist ein klares Zeichen für die Entschlossenheit der Gewerkschaften.

Ob die Streiks tatsächlich die gewünschten Veränderungen herbeiführen, hängt von mehreren Faktoren ab: dem Ausgang der Verhandlungen mit dem Unternehmen, der Wirksamkeit der von der Regierung verhängten Mindestdienste und dem Zusammenhalt der Belegschaft trotz der Spaltung im Betriebsrat. Ryanair hat sich bisher nicht öffentlich zu dem Konflikt geäußert. Der Ausgang dieses Arbeitskampfes wird die Arbeitsbeziehungen in der spanischen Luftfahrt maßgeblich beeinflussen und könnte auch für andere Unternehmen in der Branche Signalwirkung haben.

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