In einem juristischen Schritt haben der Flugzeugbauer Boeing und die Insolvenzverwalter der inzwischen liquidierten südafrikanischen Fluggesellschaft Comair einen jahrelangen Rechtsstreit beigelegt. Der Fall, in dem die Comair-Masse Schadensersatz in Höhe von 83 Millionen US-Dollar gefordert hatte, endete mit einer außergerichtlichen Einigung. Die Bedingungen dieser Einigung, die vor einem US-Bundesgericht verhandelt wurden, sind streng vertraulich.
Die Beilegung des Rechtsstreits markiert einen wichtigen Abschluß für die Comair-Gläubiger, deren Zahlungskonto maßgeblich vom Ausgang des Verfahrens abhing. Gleichzeitig ist es ein weiterer Schritt für Boeing, die rechtlichen Folgen der globalen Krise um die Boeing B737 Max zu bewältigen.
Der Hintergrund: Eine Klage wegen Betrugs und Vertragsbruchs
Die Klage von Comair gegen Boeing, die im Februar 2023 eingereicht wurde, war das Ergebnis einer komplexen Kette von Ereignissen, die zur Liquidation der 76 Jahre alten südafrikanischen Fluggesellschaft führten. Comair, die als Franchisenehmer von British Airways und Eigentümer der Billigflugmarke Kulula Air operierte, hatte acht Boeing B737 Max 8-Flugzeuge bestellt. Sie hatte bereits Vorauszahlungen in Höhe von 45 Millionen US-Dollar für sieben Maschinen geleistet und eine bereits ausgelieferte B737 Max vollständig bezahlt.
Die Probleme begannen mit den tragischen Abstürzen von Lion Air im Jahre 2018 und Ethiopian Airlines im Jahre 2019, bei denen insgesamt 346 Menschen ums Leben kamen. Untersuchungen ergaben, daß das automatisierte Manoeuvring Characteristics Augmentation System (MCAS) der B737 Max die Flugzeuge aufgrund fehlerhafter Sensordaten in einen Sinkflug zwang. Die Piloten hatten keine ausreichenden Informationen über das System erhalten, um es zu kontrollieren. Nach den beiden Abstürzen wurde der Flugzeugtyp weltweit für 20 Monate gegroundet, was Comair, das zu dieser Zeit ohnehin mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfte, in eine prekäre Lage brachte.
Comair behauptete in ihrer Klageschrift, daß Boeing die Fluggesellschaft über die Sicherheit und die Funktionsweise der B737 Max getäuscht habe. Als die Flugzeuge gegroundet wurden, sei Boeing nicht bereit gewesen, die geleisteten Anzahlungen zurückzuerstatten. Dieser Umstand, so die Comair-Masse, habe maßgeblich zum finanziellen Zusammenbruch und zur Insolvenz der Fluggesellschaft im Juni 2022 beigetragen.
Boeing wies alle Vorwürfe zurück und reichte seinerseits Gegenklagen ein, in denen das Unternehmen Schadensersatz für den Rücktritt von Comair von der Bestellung forderte.
Ein zäher Rechtsstreit: Streit um Beweismittel und Dokumente
Der Rechtsstreit zwischen Comair und Boeing war von intensiven Auseinandersetzungen über die Beweismittel geprägt. Im Mittelpunkt stand ein umstrittenes „letter of comfort“, ein angebliches Komfortschreiben, das Comair vorgelegt hatte. Die Fluggesellschaft behauptete, dieses Schreiben garantiere eine Rückerstattung der Anzahlungen. Boeing stellte jedoch die Echtheit des Dokuments in Frage und verwies auf zahlreiche Unstimmigkeiten: Das Schreiben sei mehr als ein Jahrzehnt nach dem angeblichen Versandtermin eingereicht worden, enthalte widersprüchliche Formulierungen und die Metadaten deuteten darauf hin, daß es erst im Januar 2024 erstellt wurde. Dies führte zu Spekulationen über die Glaubwürdigkeit der von Comair vorgelegten Beweise.
Zusätzlich geriet die Dokumenten- und Datenverwaltung von Boeing ins Visier. Comair warf Boeing vor, Daten von zwei wichtigen Mitarbeitern gelöscht zu haben, die in den Kaufvertrag involviert waren und das Unternehmen in den Jahren 2015 und 2018 verlassen hatten. Boeing verteidigte sich mit dem Argument, daß dies im Einklang mit den Unternehmensrichtlinien geschehen sei und keine Verpflichtung bestanden habe, die Daten aufzubewahren, da zum Zeitpunkt des Ausscheidens der Mitarbeiter keine Klagen absehbar gewesen seien.
Der Fall war zudem von kontroversen Streitigkeiten über die sogenannte „discovery“, die Beweisaufnahme, geprägt. Boeing kritisierte die „begrenzte“ Anzahl der von Comair vorgelegten elektronischen Dokumente und Emails. Darüber hinaus sei die Comair-Masse nicht auf die Vorladungen ehemaliger Führungskräfte eingegangen, die als Zeugen aussagen sollten. Comair wiederum wies die Vorwürfe als „discovery on discovery“ zurück und betonte, man habe keine Beweise falsch gehandhabt oder vernichtet.
Ein stiller Schlußstrich: Außergerichtliche Einigung
Nach jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen, die am 6. Oktober 2025 in einer Hauptverhandlung ihren Höhepunkt hätten finden sollen, haben beide Parteien nun eine außergerichtliche Einigung erzielt. Ein US-Bundesrichter hat dies am 1. August in einem Gerichtsdokument bestätigt und den für Oktober angesetzten Gerichtstermin sowie alle weiteren Anträge aufgehoben. Die genauen Bedingungen der Einigung, einschließlich der Höhe der Zahlungen, bleiben jedoch unter Verschluß.
Diese Einigung ist von großer Bedeutung, nicht nur für die beiden Unternehmen, sondern auch für die 2.200 Gläubiger von Comair. Der Ausgang des Rechtsstreits mit Boeing galt als entscheidend für die Höhe der Rückzahlungen an die Gläubiger. Die gemeinsamen Liquidatoren von Comair hatten aus diesem Grund im September 2024 eine Fristverlängerung für die Einreichung des abschließenden Liquidations- und Verteilungsberichts beim südafrikanischen Hohen Gericht beantragt. Die Beilegung des Falls ermöglicht nun die weitere Bearbeitung der Liquidation und die endgültige Verteilung der Vermögenswerte.
Boeing und die Nachwirkungen der Krise
Für Boeing ist die Einigung mit Comair ein weiterer Versuch, die juristischen und finanziellen Folgen der B737 Max-Krise zu bewältigen. Das Unternehmen hat sich bereits mit zahlreichen Familien der Absturzopfer geeinigt und ist mit weiteren Klagen von Fluggesellschaften konfrontiert, die finanzielle Verluste geltend machen. Die vertraulichen Bedingungen der Einigung mit Comair könnten darauf hindeuten, daß beide Seiten eine weitere medienwirksame und langwierige Verhandlung vermeiden wollten, die das Ansehen beider Unternehmen weiter beschädigt hätte.
Für Comair und seine Gläubiger, die sich in einer schwierigen finanziellen Lage befanden, ist die Einigung ein Abschluß, der nun eine abschließende Regelung ermöglicht. Die Insolvenz der Fluggesellschaft, die unter anderem durch die Folgen der Pandemie und das grounding der B737 Max ausgelöst wurde, findet damit einen rechtlichen Schlußpunkt. Der Fall zeigt beispielhaft, wie die Sicherheitsmängel bei einem Flugzeugtyp weitreichende finanzielle Konsequenzen für Fluggesellschaften weltweit haben können.