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Gericht entscheidet für Boeing: US-Riese darf in Brasilien Ingenieure ohne Beschränkungen anwerben

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In einem vielbeachteten Rechtsstreit hat ein brasilianisches Bundesgericht eine Klage zweier einheimischer Industrieverbände gegen den amerikanischen Flugzeughersteller Boeing abgewiesen. Die Entscheidung erlaubt es Boeing, seine Anwerbepraxis für Ingenieure in Brasilien ohne Einschränkungen fortzusetzen.

Die Kläger, die brasilianische Vereinigung der Verteidigungs- und Sicherheitsmaterialindustrien (Abimde) und die brasilianische Luft- und Raumfahrtindustrie-Vereinigung (AIAB), hatten versucht, die Einstellung von Ingenieuren zu limitieren, da sie einen „Aderlaß“ an hochqualifizierten Fachkräften und eine Gefährdung der nationalen Sicherheit befürchteten. Die richterliche Entscheidung verdeutlicht den fundamentalen Konflikt zwischen dem Schutz nationaler Industrieinteressen und den Prinzipien der freien Marktwirtschaft und der Freizügigkeit von Arbeitskräften.

Ein juristischer Sieg für Boeing: Das Gericht stützt die Marktfreiheit

Der Richter Renato Barth Pires wies die von den Industrieverbänden Abimde und AIAB eingereichte Klage zurück. Die Verbände hatten versucht, Boeing zu untersagen, mehr als sechs Prozent der Ingenieure von einer einzelnen brasilianischen Firma pro Jahr einzustellen. Für jeden Verstoß gegen diese Obergrenze sollte eine Strafe von einer Million Dollar verhängt werden. In seiner Urteilsbegründung erkannte Richter Pires an, daß Boeing eine „aggressive Anwerbepolitik“ verfolge und daß der schnelle Verlust von Schlüsselpersonal Entwicklungsabläufe stören und langwierige Vakanzen verursachen könne. Dennoch kam er zu dem Schluß, daß die Anwerbung nicht rechtswidrig sei und eine gerichtliche Intervention daher nicht gerechtfertigt wäre.

Pires betonte, daß die Anstellung von Ingenieuren durch Boeing, auch von jenen, die ihren Abschluß in der Partnerschaft zwischen Embraer und dem Aeronautics Institute of Technology (ITA) erworben haben, zwar „gewiß frustrierend“ sei, jedoch nicht ungesetzlich. Brasilien, so der Richter, habe ein System der freien Marktwirtschaft, das es Fachkräften erlaube, nach besserer Bezahlung und besseren Möglichkeiten zu suchen. Eine Beschränkung dieser beruflichen Freizügigkeit sei „mit großer Vorsicht“ anzuwenden. Mit diesem Urteil stellt das Gericht das Recht des Individuums, seinen Arbeitsplatz frei zu wählen, über die kollektiven Interessen der Industrie.

Die Beschwerde der Industrie: Sorgen um einen Aderlaß an Fachkräften

Die Industrieverbände sehen in Boeings Vorgehen eine existenzielle Bedrohung für die brasilianische Luft- und Raumfahrtindustrie. Laut ihren Angaben hat Boeing bereits fast 500 Ingenieure von brasilianischen Unternehmen abgeworben, noch bevor das neue Technikzentrum in São José dos Campos im Oktober 2023 offiziell eröffnet wurde. Zahlreiche dieser Fachkräfte stammen von Embraer, einem der größten Flugzeughersteller der Welt und zugleich das Herzstück der brasilianischen Luftfahrtindustrie.

Die Kläger argumentierten, daß die betroffenen Ingenieure oft an öffentlichen Bildungseinrichtungen wie dem ITA, der UFMG und der UFSCar ausgebildet wurden und über Fachkenntnisse verfügen, die für die „nationale Souveränität“ als entscheidend gelten. Viele von ihnen waren in strategischen Verteidigungs- und Sicherheitsprojekten tätig und hatten Zugang zu als geheim eingestuften Informationen. Der Präsident von Abimde, Roberto Gallo, warnte vor einem „signifikanten“ Einfluß der Abwerbung und erklärte, daß einige Firmen bis zu 70 Prozent ihres Teams in für das Geschäft wichtigen Bereichen verloren hätten.

Die Verbände äußerten auch die Befürchtung, daß die Abwerbung die Kapazitäten der brasilianischen Verteidigungsindustrie schwächen und somit ein ernsthaftes Sicherheitsrisiko darstellen würde. In den Augen der Kläger wird die brasilianische Industrie ihres wertvollsten Guts beraubt: ihrer hochqualifizierten Arbeitskräfte, die über Jahre hinweg mit öffentlichen Mitteln ausgebildet wurden.

Die Vorgeschichte: Vom gescheiterten Deal zur aggressiven Anwerbung

Der Ursprung dieses Rechtsstreits liegt in einem gescheiterten Geschäftsabschluß, der die Beziehung zwischen Boeing und der brasilianischen Luftfahrtindustrie nachhaltig prägte. Im Jahre 2018 kündigte Boeing Pläne an, die Zivilluftfahrtsparte von Embraer in einem 4,2 Milliarden Dollar schweren Geschäft zu übernehmen. Dieser Deal hätte Boeing einen starken Fuß in der Tür des Regionaljet-Marktes verschafft und Embraer den Zugang zum globalen Vertriebsnetz des amerikanischen Giganten ermöglicht.

Im April 2020 zog Boeing jedoch überraschend von dem geplanten Kauf zurück. Zu dieser Zeit befand sich der Konzern in einer tiefen Krise. Die finanzielle und operative Belastung durch das weltweite Flugverbot für die 737 MAX-Modellreihe hatte die Bilanz des Unternehmens bereits massiv angespannt und die Produktion empfindlich gestört. Hinzu kam die sich rapide verschlechternde Marktlage zu Beginn der COVID-19-Pandemie. Unter diesen Umständen entschied sich Boeing gegen die Fortführung der Übernahme.

Nur wenige Monate nach dem Scheitern des Deals begann Boeing, eine eigene Präsenz in Brasilien aufzubauen. Man gründete eine Tochtergesellschaft und eröffnete im Oktober 2023 schließlich ein eigenes Ingenieur- und Technologiezentrum in São José dos Campos, dem brasilianischen „Silicon Valley“ der Luftfahrtindustrie. Die darauffolgende aggressive Anwerbung von Ingenieuren wird von vielen Beobachtern als eine direkte Konsequenz des gescheiterten Übernahmeversuchs gewertet – ein strategischer Schritt, um sich Zugang zu denselben Fachkräften zu verschaffen, die das Unternehmen zuvor mit dem Kauf von Embraer hatte sichern wollen.

Das Epizentrum São José dos Campos: Ein globales Talentzentrum

Die Auseinandersetzung konzentrierte sich auf die Region um São José dos Campos, die als das Zentrum der brasilianischen Luft- und Raumfahrtindustrie gilt. Die Stadt beheimatet nicht nur Embraer, sondern auch eine Vielzahl von kleineren Unternehmen, Zulieferern und Forschungseinrichtungen. Die enge Zusammenarbeit zwischen der Industrie und hochrangigen Bildungseinrichtungen wie dem ITA hat hier ein einzigartiges Ökosystem für Innovation und Fachkräfteentwicklung geschaffen. Die Ingenieure, die aus diesen Institutionen hervorgehen, sind nicht nur gut ausgebildet, sondern verfügen auch über wertvolles praktisches Wissen.

Der Vorwurf der Industrieverbände, Boeing würde dieses Talentbecken „leersaugen“, ist daher für die gesamte Region von großer Brisanz. Der Verlust von Fachkräften an einen globalen Großkonzern kann die Wettbewerbsfähigkeit der lokalen Unternehmen schwächen und die Innovationskraft der gesamten Region gefährden. Die Entscheidung des Richters, dieses Risiko als „lediglich potenziell“ zu bewerten, wird von den Klägern scharf kritisiert. Abimde und AIAB haben bereits angekündigt, die Möglichkeit einer Berufung zu prüfen, um gegen die Entscheidung vorzugehen. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist daher noch nicht gesprochen.

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