Die Fluggesellschaft ITA Airways hat mit einem ungewöhnlichen Anblick für Aufsehen in der Luftfahrtbranche gesorgt. Einer ihrer Airbus A330-200-Großraumflieger ist seit Wochen im regulären Flugbetrieb, obwohl ihm eine der charakteristischen Tragflächenspitzen, ein sogenanntes Winglet, fehlt.
Obwohl die Maschine ohne dieses Bauteil nach Angaben von Experten vollkommen sicher und flugfähig ist, gewährt der Fall einen aufschlußreichen Einblick in die operativen Abwägungen moderner Fluggesellschaften. Es handelt sich um eine pragmatische Entscheidung, bei der die operative Verfügbarkeit eines Flugzeugs Priorität vor einem geringfügigen Leistungsmangel hat, um einen reibungslosen Flugbetrieb zu gewährleisten.
Fehlende Tragfläche: Ein alltägliches Phänomen in der Luftfahrt
Das Flugzeug mit dem Kennzeichen EI-EJP wurde in den vergangenen Wochen auf verschiedenen Langstreckenflügen von seinem Heimatflughafen Rom-Fiumicino aus gesichtet, darunter nach New York, Toronto, Washington und Delhi. Fotos von Beobachtern zeigen die Maschine mit der fehlenden Tragflächenspitze auf der rechten Seite. Es wird angenommen, daß das Winglet zu einem früheren Zeitpunkt beschädigt und aus Sicherheitsgründen entfernt wurde, eine Ersatzlieferung jedoch noch aussteht. Der Flugbetrieb mit fehlenden Winglets ist in der Branche kein Novum, und auch bei ITA Airways wurden in der Vergangenheit bereits ähnliche Fälle bei anderen Maschinen beobachtet.
Für den Flugbetrieb sind die Winglets, die an den Enden der Tragflächen montiert sind, nicht zwingend erforderlich. Ein Flugzeug kann, wie im Falle der A330-200, die ursprünglich ohne diese Bauteile konzipiert wurde, vollkommen normal und sicher ohne sie fliegen. Die fehlende Spitze wirkt sich nicht auf die Flugsicherheit aus, da sie nicht Teil der primären Flugsteuerung ist. Stattdessen sind die Winglets eine zusätzliche aerodynamische Komponente, deren Hauptzweck in der Verbesserung der Flugleistung und der Senkung der Betriebskosten liegt.
Was sind Winglets und warum sind sie wichtig?
Um die betriebliche Abwägung von ITA Airways zu verstehen, ist es wichtig, die technische Funktion von Winglets zu kennen. An den Enden einer Flugzeugtragfläche entstehen im Flug sogenannte Randwirbel. Diese Wirbel erzeugen einen negativen Effekt, den sogenannten induzierten Widerstand, der die aerodynamische Effizienz des Flugzeugs mindert und den erforderlichen Auftrieb beeinflussen kann. Winglets, die wie kleine aufgerichtete Flügelspitzen aussehen, dienen dazu, die Entstehung dieser Randwirbel zu reduzieren. Durch die Verringerung des induzierten Widerstands wird die aerodynamische Leistung des Flugzeugs gesteigert.
Airbus selbst beziffert die Leistungssteigerung durch Winglets bei der A330-Familie auf eine Verbesserung der Flugleistung im Bereich von ein bis zwei Prozent. Bei neueren Flugzeugtypen wie der A320neo-Familie kommen modernere, größere Winglets zum Einsatz, die sogenannten „Sharklets“, welche die Leistung um bis zu vier Prozent steigern können. Jede Form der Leistungssteigerung, mag sie auch noch so gering sein, wirkt sich auf die Betriebskosten aus, da sie den benötigten Schub und somit den Treibstoffverbrauch senkt.
Die Abwägung: Betriebsbereitschaft vor Leistungseinbuße
Der Fall der ITA Airways-Maschine zeigt eindrucksvoll die Realität hinter den Kulissen einer Fluggesellschaft. Die betriebswirtschaftliche Logik hinter der Entscheidung, ein Flugzeug mit einem fehlenden Winglet im Dienst zu behalten, ist klar und kompromißlos. Zwar entstehen durch den erhöhten Widerstand zusätzliche Kosten – nach Branchenangaben können dies pro Langstreckenflug Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Dollar sein –, doch diese Ausgaben sind gering im Vergleich zu den potentiellen Verlusten, die durch die Stilllegung des Flugzeugs entstehen würden.
Die Konsequenzen, ein Flugzeug für Tage oder Wochen aus dem Verkehr zu ziehen, bis ein Ersatzteil eintrifft, wären weitreichend. Die Fluggesellschaft müßte Flüge streichen und wertvolle Einnahmen aufgeben. Kunden würden enttäuscht, was den Ruf des Unternehmens schädigt und sie dazu verleiten könnte, künftig bei der Konkurrenz zu buchen. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung, die operative Verfügbarkeit der Maschine zu gewährleisten, gewiß die ökonomisch sinnvollere. Das Flugzeug erfüllt seine Kernaufgabe, Passagiere sicher von A nach B zu befördern, auch wenn es dies mit einer minimalen Leistungseinbuße tut.
ITA Airways: Eine Fluggesellschaft im Wandel
Der Vorfall ist auch im Kontext der Unternehmensgeschichte von ITA Airways zu sehen. Die Fluggesellschaft wurde erst im Jahre 2020 gegründet und hat den Flugbetrieb im Oktober 2021 als Nachfolger der in Konkurs gegangenen nationalen italienischen Fluggesellschaft Alitalia aufgenommen. ITA Airways hat einen Teil der Flotte und der Routen von Alitalia übernommen. Dies schließt auch die A330-200-Flugzeuge ein, die mit einem Durchschnittsalter von rund 14 Jahren zu den älteren Maschinen im Bestand gehören.
Seit ihrer Gründung verfolgt ITA einen aggressiven Plan zur Modernisierung ihrer Flotte. Das Unternehmen, das eine reine Airbus-Flotte betreibt, hat bereits in neuere Modelle wie die A220, A320neo und A330-900 investiert. Die Flotte umfaßt aktuell fünf der älteren A330-200-Modelle, von denen drei bereits ausgemustert wurden. Die gleichzeitige Betreibung der neueren A330-900neo, von denen die Fluggesellschaft bereits elf in der Flotte hat und insgesamt 17 bestellt sind, unterstreicht die langfristige Vision. Der Vorfall mit der fehlenden Tragflächenspitze steht somit im Kontrast zum langfristigen Bestreben, eine moderne und leistungsstarke Flotte aufzubauen.
Langfristige Vision: Die Modernisierung der Flotte
Die Entscheidung, die älteren Maschinen mit einem fehlenden Winglet weiter zu betreiben, ist eine kurzfristige, pragmatische Lösung, während die Gesamtstrategie auf eine umfassende Erneuerung ausgerichtet ist. Das Unternehmen hat es sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2027 90 Prozent seiner Flotte auf moderne, „next-generation“-Flugzeuge umzustellen.
Dies zeigt, daß die aktuelle Herausforderung mit der Ersatzteilbeschaffung als vorübergehend betrachtet wird und die langfristigen Ziele gewiß nicht gefährdet sind. ITA Airways steht für eine neue Ära der italienischen Luftfahrt. Die Fluggesellschaft muß sich am Markt behaupten und gleichzeitig die schwierigen Altlasten der Vergangenheit bewältigen. Die Entscheidung, ein Flugzeug mit einem kleineren Mangel im Dienst zu halten, ist ein Zeichen dafür, daß die neue Führung bereit ist, schwierige, aber notwendige Entscheidungen zu treffen, um die operative Stabilität und die finanzielle Gesundheit des Unternehmens zu sichern. Der Fall zeigt, daß in der Luftfahrt nicht immer das Ideal, sondern oft die betriebliche Realität den Ausschlag gibt.