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Fehler im Handbuch: Airbus-Flugzeuge von technischem Mangel an wichtigen Sensoren betroffen

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Die Luftfahrtindustrie sieht sich mit einem ungewöhnlichen Problem konfrontiert, das die Sicherheit von Tausenden von Flugzeugen berühren könnte: Der Flugzeugbauer Airbus hat einen Fehler in einem Online-Handbuch entdeckt, der die Wartung und den Austausch der sogenannten Anstellwinkelsensoren (Angle of Attack, AoA) betrifft.

Der Fehler, der sich über mehr als 15 Jahre in technischen Zeichnungen befand, zwingt nun Fluggesellschaften, weltweit Inspektionen an den Maschinen der A330-, A330neo– und A340-Familie durchzuführen. Obwohl die europäischen Luftfahrtbehörden die Dringlichkeit betonen, sorgen die in modernen Flugzeugen eingebauten Redundanzsysteme für ein hohes Maß an Sicherheit. Der Fall unterstreicht die akribische Sorgfalt, die in dieser Industrie vonnöten ist, da selbst kleine Fehler in der Dokumentation die potentielle Fähigkeit haben, weitreichende Konsequenzen auszulösen.

Die Wichtigkeit des Anstellwinkels: Ein Blick auf die Aerodynamik

Der Anstellwinkel (AoA) ist für jedes Flugzeug, das sich in der Luft befindet, eine derart entscheidende Variable, daß er als Lebensversicherung des Fluges bezeichnet werden kann. Der Anstellwinkel beschreibt den Winkel zwischen der Anströmrichtung der Luft und der Profilsehne des Flugzeugflügels. Er ist nicht zu verwechseln mit dem Neigungswinkel der Maschine. Ein einfaches Beispiel kann die Bedeutung veranschaulichen: Hält man seine Hand aus einem fahrenden Auto und neigt sie leicht nach oben, spürt man den erzeugten Auftrieb. Neigt man sie zu stark, geht der Auftrieb verloren, und die Hand „fällt“. Im Flugbetrieb ist dieser plötzliche Verlust des Auftriebs als Strömungsabriß (Stall) bekannt, ein aerodynamischer Zustand, der die Kontrolle über das Flugzeug gefährden kann. Um den AoA kontinuierlich und präzise zu messen, sind die Flugzeuge mit speziellen Außensensoren ausgestattet. Diese meist kleinen, flügelförmigen Messgeräte, die sich typischerweise im Bugbereich des Flugzeuges befinden, liefern die entscheidenden Daten in Echtzeit an die Bordsysteme und die Piloten.

Fehlerhafte Daten: Das Ausmaß des Problems und die Reaktion der Behörden

Die europäische Luftfahrtaufsicht EASA hat in einer jüngst veröffentlichten Lufttüchtigkeitsanweisung, der sogenannten Airworthiness Directive (AD), das Ausmaß des Problems dargelegt. Zwischen dem 1. Januar 2008 und dem 31. Januar 2024 veröffentlichte Airbus in einem Online-Handbuch technische Zeichnungen, die „fehlerhafte Daten“ zu den Rückplatten der AoA-Sensoren enthielten. Diese Rückplatten, die für die korrekte Installation der Sensoren unerläßlich sind, könnten infolge der falschen Angaben in den Wartungshandbüchern falsch montiert oder gewartet worden sein. Das wiederum könnte, so die EASA, die korrekte Funktionsweise der Sensoren beeinträchtigen.

Eine AD ist kein einfacher Wartungshinweis, sondern eine bindende rechtliche Anweisung der Aufsichtsbehörde an alle Betreiber eines bestimmten Flugzeugtyps, in diesem Fall der Airbus-Familien A330, A330neo und A340. Die Anweisung fordert die Fluggesellschaften nun auf, zu überprüfen, ob die sensiblen Bauteile nach dem fehlerhaften Datenblatt gewartet oder ausgetauscht wurden. Da das fehlerhafte Dokument über einen Zeitraum von mehr als anderthalb Jahrzehnten zur Verfügung stand, muß die Überprüfung bei einer signifikanten Anzahl von Flugzeugen durchgeführt werden, die weltweit im Dienst sind. Airbus hat bereits entsprechende Wartungshinweise herausgegeben, um die Betreiber zu unterstützen.

Die Lektion von Rio-Paris: Warum Sensoren entscheidend sind

Die immense Bedeutung korrekter Messdaten für die Flugsicherheit wurde der Weltöffentlichkeit auf tragische Weise durch den Absturz von Air France Flug 447 im Jahr 2009 vor Augen geführt. In diesem Fall spielten vereiste AoA-Sensoren eine entscheidende Rolle. Zwar waren die primären Sensoren, die sogenannten Pitot-Sonden, vereist und lieferten fehlerhafte Geschwindigkeitsdaten, doch die nachfolgenden, fatalen Reaktionen der Piloten wären bei korrekten AoA-Werten vielleicht zu verhindern gewesen.

Ohne verläßliche Informationen über den Anstellwinkel war die Crew nicht in der Lage, die Situation richtig einzuschätzen. Die Maschine geriet in einen Strömungsabriß, der sich für die Piloten mangels korrekter Daten nicht eindeutig als solcher erkennen ließ und nicht mehr zu korrigieren war. Die Katastrophe von Rio-Paris steht gewiß als Mahnung dafür, wie das Versagen eines scheinbar kleinen Bauteils zu einer Verkettung von Ereignissen führen kann, die letztlich in einem Desaster endet.

Sicherheit durch Redundanz: Das Mehrfach-System moderner Flugzeuge

Trotz der potenziellen Risiken, die von fehlerhaften Messdaten ausgehen, sind moderne Verkehrsflugzeuge nach dem Prinzip der Redundanz gebaut. Dieses Prinzip bedeutet, daß kritische Systeme, wie die AoA-Sensoren, stets mehrfach vorhanden sind. Eine A330 beispielsweise ist mit drei dieser Sensoren ausgestattet. Der Flugcomputer vergleicht kontinuierlich die einlaufenden Daten von allen Sensoren. Sollte einer der Sensoren einen abweichenden Wert liefern, erkennt das System die Diskrepanz und kann den fehlerhaften Sensor als ungültig markieren. Dieses Mehrfach-System stellt sicher, daß selbst bei einer Fehlfunktion eines einzelnen Bauteils die Piloten und die Bordsysteme weiterhin auf verläßliche Daten zugreifen können. Diese Redundanz, ein zentraler Pfeiler der modernen Flugsicherheit, ist auch im Falle des aktuellen Mangels ein entscheidender Faktor, der die operative Sicherheit der Flugzeuge gewährleistet.

Der Vorfall, obwohl er sich um einen Mangel in einem Handbuch und nicht in der Hardware selbst handelt, unterstreicht die immensen Sicherheitsstandards und die akribische Sorgfalt, die in der Luftfahrtindustrie gelten. Die schnelle und transparente Reaktion von Airbus und EASA zeugt von der Bedeutung, die der Sicherheit oberstes Gebot ist. Es ist ein Beispiel dafür, daß selbst ein kleiner Fehler in der Dokumentation das Potential hat, eine globale Sicherheitsüberprüfung auszulösen. Die betroffenen Fluggesellschaften werden nun die erforderlichen Inspektionen durchführen müssen, um die Betriebssicherheit der Flugzeugflotten zu garantieren. Für die Passagiere bleibt die Gewißheit, daß die Luftfahrt nach wie vor einer der sichersten Transportwege der Welt ist, weil die Branche aus jedem noch so kleinen Fehler lernt und die Sicherheitsstandards unermüdlich überprüft und anpaßt.

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