Die Fassade bröckelt. Was die Konzernzentrale der Lufthansa in Frankfurt als „zukunftsweisende Umstrukturierung“ deklariert, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein alarmierendes Manöver mit verheerenden Folgen für die österreichische Luftfahrt. Ein Kommentar.
Die jüngsten Pläne des deutschen Luftfahrtriesen deuten nicht nur auf einen Einflussverlust der Austrian Airlines (AUA) hin, sondern auf eine systematische Aushöhlung, die das Ende der nationalen Fluggesellschaft, wie man sie kennt, bedeuten könnte. Die vor kurzem bekanntgegebene Reorganisation ist weit mehr als eine organisatorische Anpassung; sie ist ein Vabanquespiel, bei dem die Lufthansa die AUA als bloße Randfigur opfert, um ihre eigenen strategischen Interessen durchzusetzen.
Ausverkaufsstrategie unter falscher Flagge
Seit der Übernahme durch die Lufthansa-Gruppe hat die AUA sukzessive ihre Autonomie verloren. Einkauf, Vertrieb, sogar die Netzplanung – alle Schlüsselbereiche sind längst nach Deutschland verlagert. Die jüngsten Pläne sind der Höhepunkt dieser Entmachtung. Die AUA soll, so die Befürchtung von Branchenkennern, zu einem reinen Feeder-Flugbetrieb für die profitablen Drehkreuze in Frankfurt und München degradiert werden.
Während Lufthansa-Vertreter beschwichtigen, dass die AUA ein „wichtiger Pfeiler“ bleibe, zeigt die Realität ein anderes Bild. Daniel Liebhart, ein scharfer Kritiker und Experte der Gewerkschaft vida, warnt unmissverständlich: „Wir dürfen uns nicht täuschen lassen. Wenn die AUA weiter an Bedeutung verliert, sind die österreichischen Arbeitsplätze direkt bedroht.“ Dies ist keine leere Drohung, sondern die logische Konsequenz einer konzerninternen Politik, die Österreich lediglich als Sprungbrett für den lukrativen Langstreckenverkehr betrachtet.
Wetlease: Der Trojaner für heimische Arbeitsplätze
Eines der schärfsten Instrumente in diesem Zerstörungsprozess ist die hemmungslose Anwendung des sogenannten Wetlease. Was ursprünglich als Notbehelf für unvorhergesehene Ausfälle gedacht war, hat sich zu einem skrupellosen Werkzeug entwickelt, um die heimischen Arbeitskräfte zu unterlaufen. Unter dem Deckmantel der Flexibilität werden immer häufiger Flugzeuge samt ausländischer Besatzung angeheuert. Wo AUA draufsteht, ist in Wahrheit längst nicht mehr AUA drin.
Diese Praxis ist ein direkter Angriff auf die österreichischen Arbeits- und Sozialstandards. Während die AUA-Mitarbeiter an Kollektivverträge gebunden sind, entziehen sich die externen Crews oft jeglicher geregelten Bezahlung und sozialen Absicherung. Liebhart prangert diese Zustände an: „Damit verlieren österreichische Beschäftigte Stück für Stück ihre Einsatzmöglichkeiten.“ Jede Wetlease-Flugstunde ist eine, die dem österreichischen Personal vorenthalten wird. Dies führt nicht nur zu Einbußen im Einkommen der Mitarbeiter, sondern höhlt auch die Grundlage der österreichischen Luftfahrtindustrie aus.
Ein Staat als naiver Handlanger
Die größte Tragödie in dieser Geschichte ist die Rolle des österreichischen Staates. Während der Pandemie, als die AUA am Rande des Abgrunds stand, wurden hunderte Millionen Euro an Steuergeldern in die Rettung der Airline gepumpt. Es war eine Nothilfe, die das Überleben sichern sollte. Doch im Gegensatz zu Deutschland, das sich im Zuge der Lufthansa-Rettung ein Mitspracherecht sicherte, verzichtete die Republik Österreich auf jegliche Beteiligung oder Einflussnahme.
Das, so Liebhart, sei ein „Racheakt der Naivität“. Man hat eine Airline mit den schwer verdienten Steuern der Bürger vor dem Ruin bewahrt, um dann zuzusehen, wie derselbe Konzern, der nun die Geschicke leitet, die geretteten Arbeitsplätze gezielt aushöhlt. Österreich hat die Zeche gezahlt, doch das Mitspracherecht über die Zukunft des Unternehmens liegt in Frankfurt. Es ist eine unfassbare Situation, in der die österreichische Regierung als stiller Komplize der Lufthansa fungiert und zuschaut, wie das eigene Tafelsilber Stück für Stück verramscht wird.
Der langsame Tod durch Flottenpolitik
Ein weiterer Schritt in Richtung Desintegration ist die von der Lufthansa vorangetriebene Flottenpolitik. Die Ausflottung kleinerer, in Wien stationierter Flugzeuge zugunsten grösserer Airbusse mag aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll erscheinen, ist jedoch ein weiterer Sargnagel für den Standort Österreich. Weniger Flugzeuge in Wien bedeuten unweigerlich weniger Arbeitsplätze – sowohl in der Luft als auch am Boden.
Die AUA ist nicht nur ein Symbol, sondern ein zentraler Arbeitgeber, der direkte und indirekte Jobs sichert. Doch die Strategie des Mutterkonzerns zielt auf eine Zentralisierung in Deutschland ab, wobei die kleineren, regionalen Netze der Töchter ausgedünnt werden. Die Folge: weniger Arbeit für österreichisches Personal und mehr Auslagerung ins Ausland. Die Lufthansa nutzt die AUA, um ihre eigenen Langstreckennetze zu füllen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für den Standort, der sie in ihrer größten Krise gerettet hat.
Es ist fünf nach zwölf für die österreichische Luftfahrt. Die Zeit drängt, um dem Ausverkauf entgegenzuwirken. Die Forderung nach gezielten Investitionen und einer klaren Zusage zur Sicherung der Arbeitsplätze ist nicht länger eine Option, sondern eine absolute Notwendigkeit. Andernfalls droht die AUA, nach der Rettung durch das Volk, durch die Hand ihres eigenen Mutterkonzerns in die Bedeutungslosigkeit zu fallen.
Faktencheck durch Austrian Airlines
Hinweis: Austrian Airlines hat am 25. August 2025 mit der Betreffszeile „Faktencheck“ nachstehendes Statement an zahlreiche Medien in Österreich verschickt. Dieses wird im Sinne einer transparenten Berichterstattung wortwörtlich dargestellt: „Die Lufthansa Group arbeitet seit 2016 in einer sogenannten „Matrix“ Struktur, in der die Prozesse konzernweit abgestimmt und geordnet sind. Innerhalb von Konzernen, die aus eigenständig agierenden Unternehmen bestehen, ist dies absolut übliche Praxis. Über die letzten zehn Jahre wurden diese Strukturen – so wie auch jetzt wieder – in mehreren Schritten weiterentwickelt.
Fokus dieser Arbeitsweise ist ein hohes Maß an Kollaboration mit dem Ziel, die Stärken jeder einzelnen Gesellschaft so zu nutzen, dass schließlich ein übergreifendes Optimum für den Konzern erreicht wird. Umgekehrt: Wenn der Konzern effizienter wird, kommt dies auch den Airlines in der Gruppe zugute – und letztlich dem Kunden.
Daher ist auch ein Vorstandsmitglied jeder Airline – so auch Austrian Airlines – in allen Gremien vertreten, in denen übergreifende Airline-Entscheidungen getroffen werden und das wird auch künftig so sein. Es geht also nicht um den Verlust von Einfluss, sondern um bessere Koordination, immer unter Beteiligung des Austrian Airlines Vorstands. Dass sich dies auf Austrian Airlines positiv auswirken kann, haben wir bereits bei Themen wie Nachbarschaftsverkehr gesehen. Auch dass man sich bei Verkauf und Netzwerk abstimmt, ist nichts Neues. Einerseits kann man dadurch Synergien nutzen und Doppelgleisigkeiten vermeiden und hat zudem den Vorteil eines breiteren Angebots eines internationalen Airline Netzwerks – sowohl für unsere Endkunden als auch für unsere Vertriebspartner.
Wir stehen der Weiterentwicklung der Konzernstruktur daher positiv gegenüber und erwarten uns dadurch schnellere und effizientere Entscheidungen, auch im Sinne der Standortstrategie von Austrian Airlines.“
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