Hunderte von Mitarbeitern des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns GE Aerospace an den Standorten Evendale, Ohio, und Erlanger, Kentucky, haben die Arbeit niedergelegt. Der Streik, der am 28. August 2025 begann, ist die Folge gescheiterter Tarifverhandlungen zwischen der Unternehmensleitung und der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW). Die Beschäftigten werfen der Firma vor, „beleidigende Gegenangebote“ gemacht zu haben, die eine erhebliche Erhöhung der Gesundheitskosten für die Arbeiter bedeuten würden. Der Arbeitskampf an den wichtigen Produktions- und Vertriebsstandorten droht die Lieferketten des globalen Konzerns zu stören und reiht sich in eine wachsende Zahl von Arbeitskonflikten in der Luftfahrt- und Rüstungsindustrie ein.
Der Streik wurde durch ein Abstimmungsergebnis vom 22. August 2025 mit einer überwältigenden Mehrheit von 84 Prozent der UAW-Mitglieder in Evendale und Erlanger autorisiert. Ihr Tarifvertrag war am 27. August um Mitternacht ausgelaufen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen die stark steigenden Gesundheitskosten, ein in den Vereinigten Staaten zentraler Streitpunkt in Tarifverhandlungen. Die Gewerkschaft gab an, daß die Vorschläge des Managements eine Steigerung der Gesundheitskosten für die Arbeitnehmer um 36 Prozent innerhalb von vier Jahren vorsehen würden.
Während die Geschäftsleitung von GE Aerospace behauptet, der Gewerkschaft ein umfassendes Angebot gemacht zu haben, das die Forderungen der Arbeiter adressiere, stellt die UAW die Angemessenheit der vorgeschlagenen Lohnerhöhungen in Frage, wenn sie durch höhere Gesundheitskosten aufgezehrt werden. Das von der Unternehmensleitung präsentierte Angebot sieht demnach eine allgemeine Lohnerhöhung von 12 Prozent über drei Jahre, drei beschleunigte Barzahlungen in Höhe von insgesamt 2500 Dollar sowie Erhöhungen beim bezahlten Urlaub und Krankengeld vor. Aus Sicht der Gewerkschaft reicht dies jedoch nicht aus, um die finanzielle Belastung durch die steigenden Krankenversicherungskosten zu kompensieren.
United Auto Workers im Luftfahrtsektor: Ein neuer Schauplatz des Arbeitskampfes
Der Streik bei GE Aerospace ist bemerkenswert, da die Gewerkschaft United Auto Workers traditionell vor allem die Autoindustrie in den Vereinigten Staaten vertritt. Nach den erfolgreichen und vielbeachteten Arbeitskämpfen gegen die Grossen Drei der US-Autohersteller – General Motors, Ford und Stellantis – hat die UAW ihren Fokus verstärkt auf die Organisierung von Arbeitern in anderen Sektoren gelegt. Die UAW-Gewerkschaftsorganisation hat in den letzten Jahren eine aggressive Strategie verfolgt, um ihren Einfluß auf die gesamte amerikanische Industrie auszuweiten.
Der Erfolg der UAW bei der Durchsetzung ihrer Forderungen in der Automobilindustrie hat eine Signalwirkung auf andere Bereiche. Die Arbeiter bei GE Aerospace, die am Standort in Evendale unter anderem Marine- und Industrie-Triebwerke für die US-Marine fertigen und am Standort in Erlanger als wichtiges Vertriebszentrum für GE-Anlagen weltweit fungieren, sehen sich als Teil dieser Bewegung. Sie sind entschlossen, „solange für den Arbeitskampf zu streiken, wie es nötig ist, um den Vertrag zu gewinnen, den sie verdienen“, wie die Gewerkschaft in einem Statement mitteilte.
Bilanz und Bilanzen: Die Diskrepanz zwischen Konzernprofiten und Arbeiterlöhnen
Ein zentraler Bestandteil der Argumentation der Gewerkschaft ist die angebliche Diskrepanz zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens und den Entschädigungen für die Arbeitnehmer. Die UAW verweist darauf, daß GE Aerospace in den Jahren 2022 bis 2024 Rekordeinnahmen von über 100 Milliarden Dollar und Aktionärsausschüttungen von mehr als 16 Milliarden Dollar erzielt habe. Im selben Zeitraum habe der Geschäftsführer des Konzerns, Larry Culp, allein im Jahr 2024 ein Einkommen von 89 Millionen Dollar erzielt – das 1200-fache des durchschnittlichen Jahreseinkommens eines Arbeitnehmers.
Diese Zahlen dienen als rhetorische Waffe im Arbeitskampf und zielen darauf ab, die öffentliche Meinung auf die Seite der streikenden Arbeiter zu ziehen. Die Gewerkschaft argumentiert, daß die Angestellten, die durch ihre Arbeit massgeblich zu diesem Erfolg beigetragen haben, nun an den Früchten ihres Einsatzes beteiligt werden sollten. Die Diskrepanz zwischen den Gehältern von Managern und Arbeitern ist in den USA ein emotionales und politisch aufgeladenes Thema, das die Gewerkschaften strategisch nutzen, um ihre Forderungen zu untermauern.
Gegenseitige Vorwürfe: Die Kommunikationsstrategie der beiden Seiten
Die Reaktion der beiden Parteien auf den Streik zeigt eine klassische Kommunikationsstrategie im Arbeitskampf. GE Aerospace äusserte sich in einer Stellungnahme „tief enttäuscht“, daß die UAW-Führung in Detroit die Arbeiter zum Streik aufgerufen habe, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, über das jüngste Angebot des Unternehmens abzustimmen. Diese Aussage zielt darauf ab, einen Keil zwischen die Gewerkschaftsführung und die Mitglieder zu treiben, indem die Loyalität der Arbeiter direkt angesprochen wird.
Die Gewerkschaft hingegen wirft der Geschäftsleitung vor, mit beleidigenden Angeboten die Verhandlungen unnötig erschwert zu haben. Zuvor hatten die Arbeiter bereits mit sogenannten „Solidaritätsmärschen“ an beiden Standorten, die jeden Mittwoch stattfanden, auf die Verhandlungen aufmerksam gemacht und ihre Entschlossenheit demonstriert. Der Arbeitskampf ist somit auch ein Wettstreit um die öffentliche Wahrnehmung und die Legitimität der jeweiligen Positionen.
Die breitere Welle des Protests: Ein Trend in der Luftfahrtindustrie Der Arbeitskampf bei GE Aerospace ist kein Einzelfall, sondern ein Teil einer breiteren Welle von Arbeitskonflikten, die derzeit die Luftfahrtindustrie erschüttern. Angestellte bei großen Herstellern wie Boeing und Airbus sowie bei Fluggesellschaften wie Air Canada haben in jüngster Zeit gestreikt oder mit Streiks gedroht, um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen zu fordern. Die Arbeitsmärkte in den Industriestaaten sind angespannt, die Inflation erhöht den Druck auf die Realeinkommen der Arbeiter, während viele Unternehmen in den letzten Jahren Rekordgewinne verzeichneten. Die Beschäftigten sehen sich in einer guten Verhandlungsposition und sind zunehmend bereit, sich für ihre Forderungen einzusetzen. Dieser Trend stellt eine grosse Herausforderung für die Unternehmensführungen dar, die nun mit einer zunehmend organisierten und selbstbewussten Arbeitnehmerschaft konfrontiert sind.