Die amerikanische Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) hat Berichten zufolge die Freigabe für die nächste Phase der Flugerprobung der Boeing 777X erteilt. Dies ist ein entscheidender Fortschritt für das Großraumflugzeug, dessen Zulassungsverfahren seit langem von technischen Problemen und Terminverschiebungen geprägt ist.
Mit der Genehmigung zur Durchführung der Phase 2D-Tests kann der Flugzeugbauer nun wichtige Lärmmessungen durchführen. Die Entscheidung der FAA sendet ein positives Signal an die wartenden Fluggesellschaften und die gesamte Branche. Sie beweist, daß das Programm trotz aller Rückschläge vorankommt und die Ziellinie der Zertifizierung in Sichtweite rückt.
Der langwierige Weg zur Zulassung: Zwischen technischen Hürden und Fristenchaos
Der Weg des Boeing 777X-Programms ist eine Chronik technischer und logistischer Herausforderungen. Ursprünglich sollten die ersten Maschinen bereits im Jahr 2020 ausgeliefert werden, doch eine Reihe von Problemen hat den Zeitplan um Jahre zurückgeworfen. Einer der ersten grossen Rückschläge ereignete sich bereits im Jahr 2020, als ein unbefohlener Nickvorfall (uncommanded pitch event) die Testflotte lahmlegte. Bei diesem Vorfall hob sich die Flugzeugnase unerwartet ohne Pilotenbefehl, was das gesamte Flugsteuerungssystem in Frage stellte und eine umfassende Überprüfung der Software und der technischen Architektur nach sich zog.
Diese Anomalie erforderte jahrelange Entwicklungsarbeit und eine komplette Neugestaltung des betroffenen Systems. Ein weiterer schwerer Schlag traf das Programm im August 2024, als bei Flugtests Risse in den Schubstreben (thrust links) der Triebwerksaufhängung entdeckt wurden. Diese kritischen Komponenten, die die massiven Lasten der Triebwerke auf die Tragflächenstruktur übertragen, wiesen Ermüdungserscheinungen auf. Die gesamte Testflotte wurde daraufhin vorübergehend stillgelegt. Nach einer vier Monate langen Pause und intensiver Zusammenarbeit mit dem Triebwerkshersteller GE Aerospace gelang es Boeing, eine überarbeitete Version der Schubstreben zu entwickeln, die im Frühjahr 2025 in die Testflugzeuge eingebaut wurde. Zusätzlich zu diesen technischen Problemen musste der Konzern im vergangenen Jahr auch mit den Folgen eines Arbeitsstreiks fertigwerden, der die Produktion und die Fortschritte bei den Zulassungstests weiter behinderte.
Ein wichtiger Schritt: Was die Freigabe für Phase 2D bedeutet
Die Freigabe der FAA für die Phase 2D-Tests markiert den Beginn eines neuen, kritischen Abschnitts im Zertifizierungsprozess. Bei den Tests dieser Phase geht es in erster Linie um die Lärmmessung, die in einer für solche Tests ausgewiesenen Umgebung, wie beispielsweise in Glasgow, Montana, durchgeführt wird. Dies ist ein entscheidender Schritt, da Flugzeuge strenge internationale Lärmstandards erfüllen müssen, bevor sie kommerziell betrieben werden dürfen. Die Erteilung der sogenannten Type Inspection Authorization (TIA) ist ein Signal dafür, daß die FAA die bisherigen Tests und die Behebung der technischen Probleme als zufriedenstellend erachtet und das Programm nun in der Lage ist, die nächsten Schritte zu bewältigen.
Nach erfolgreichem Abschluss der Phase 2D wird Boeing mit der Phase 3-Prüfung fortfahren. Diese Phase umfasst eine breite Palette an Bewertungen, die alle Aspekte des Flugzeugs abdecken. Dazu gehören Tests der Hilfsenergieanlage (Auxiliary Power Unit, APU) unter verschiedenen Bedingungen, die Überprüfung der Flugstabilität und der Steuerungseigenschaften zur Gewährleistung einer sicheren Handhabung sowie P-Statik-Tests, die sicherstellen sollen, daß die Systeme des Flugzeugs vor Staub- und Niederschlagsaufbau geschützt sind. Mit über 1.500 Flügen und beinahe 4.200 Flugstunden, die bereits von der 777X-Testflotte absolviert wurden, ist die Freigabe für die nächste Phase ein beruhigendes Zeichen für die Geduld der Fluggesellschaften.
Die Hoffnungen der Kunden: Lufthansa als Erstkunde und die jüngsten Bestellungen
Die Verzögerungen im 777X-Programm haben die Geduld der Kunden weltweit auf eine harte Probe gestellt. Umso wichtiger ist die jüngste Freigabe als Zeichen des Fortschritts. Die deutsche Fluggesellschaft Lufthansa soll der Erstkunde für das neue Flugzeug werden. Sie hat insgesamt 20 Maschinen des Passagiervariante Boeing 777-9 und sieben des 777-8F-Frachters für ihre Lufthansa Cargo Sparte bestellt. Der 777-9 soll die in die Jahre gekommene Boeing 747-400-Flotte und Teile der Airbus A340-600-Flotte ersetzen und ist ein zentraler Baustein der Langstreckenstrategie von Lufthansa.
Während die Lufthansa als Erstkunde auf die Auslieferung wartet, konnte Boeing jüngst weitere bedeutende Bestellungen sichern, die das Vertrauen in das Programm stärken. Im Mai 2025 verzeichnete der Hersteller mehrere grosse Aufträge. So bestellte Qatar Airways eine umfangreiche Flotte von 210 Großraumflugzeugen, die 30 777-9 und 130 787 Dreamliner umfasste. Ebenfalls im Mai schloss Etihad Airways einen Vertrag über eine Mischung aus 28 Boeing 787 und 777X-Maschinen ab. Die taiwanische Fluggesellschaft China Airlines wurde zudem zum jüngsten Kunden in Ostasien und bestellte 23 777X-Flugzeuge. Diese Bestellungen sind ein klares Votum für die Leistungsfähigkeit des 777X-Programms, trotz der jüngsten Rückschläge.
Im Spannungsfeld der Märkte: Der Boeing 777X und seine Rivalen
Die Boeing 777X-Familie, bestehend aus den Varianten 777-8, 777-8F und 777-9, ist das direkte Gegenstück zur Airbus A350-Familie. Die 777-9 kann mit einer Kapazität von bis zu 426 Passagieren in einer Zwei-Klassen-Konfiguration mehr Reisende befördern als die Airbus A350-1000, was sie besonders für Fracht– und Passagierrouten mit hohem Aufkommen attraktiv macht. Die 777X ist mit dem GE9X-Triebwerk ausgestattet, dem leistungsstärksten Strahltriebwerk, das jemals für ein Verkehrsflugzeug entwickelt wurde.
Während die 777X mit ihrer Größe und Kapazität punktet, hat die Konkurrenz, insbesondere der Airbus A350, bereits eine große Anzahl von Kunden und eine solide Zertifizierungshistorie. Für die Fluggesellschaften sind Betriebskosten, Reichweite und Zulassungsstatus entscheidende Faktoren bei der Auswahl ihrer Flotte. Die anhaltenden Verzögerungen bei der 777X haben zweifellos dazu beigetragen, daß einige Fluggesellschaften den A350 als Alternative in Betracht gezogen haben, aber die jüngsten Bestellungen und die Fortschritte im Zulassungsprozess zeigen, daß das Vertrauen in das Flugzeug wiederhergestellt wird. Die Zukunft des Langstreckensegments wird maßgeblich von diesem Wettkampf zwischen den beiden Flugzeugherstellern bestimmt.