Boeing 737-800 Winglet (Foto: Jan Gruber).
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Ryanair fordert EU-Kommissionspräsidentin zum Handeln auf

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Die anhaltenden Verzögerungen und Annullierungen im europäischen Flugverkehr haben eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die irische Fluggesellschaft Ryanair hat die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, in scharfer Form aufgefordert, die Mängel in den nationalen Flugsicherungsdiensten (air traffic control, ATC) umgehend zu beheben oder andernfalls von ihrem Amt zurückzutreten.

Anlass ist die Veröffentlichung der internen „ATC Delays League“ des Unternehmens, die für den Zeitraum vom 1. Januar bis zum 29. September des laufenden Jahres erhebliche Leistungsunterschiede zwischen den europäischen ATC-Dienstleistern aufzeigt. Ryanair wirft den betroffenen Regierungen vor, die Probleme durch mangelnde Personalbesetzung und ineffizientes Management zu verschärfen, was Millionen von Passagieren betreffe. Die Forderung zielt auf eine rasche und tiefgreifende Reform der europäischen Luftraumsteuerung ab, um den reibungslosen Ablauf des Flugverkehrs im EU-Binnenmarkt zu gewährleisten.

Interne Rangliste enthüllt Leistungsgefälle

Die von Ryanair veröffentlichten Zahlen, die sich auf die eigenen Flüge und Passagiere beziehen, zeichnen ein deutliches Bild der größten Problembereiche im europäischen Luftraum. Mit über 57.000 verspäteten Flügen und mehr als 10 Millionen betroffenen Passagieren führt Frankreich die Rangliste der schlechtesten Flugsicherungsdienste mit erheblichem Abstand an.

ATCVerspätete Flüge (Ryanair)*Verspätete Passagiere (Ryanair)*
Frankreich57.10910.279.620
Spanien34.1456.146.100
Deutschland16.1322.903.760
Vereinigtes Königreich7.4291.337.220
Griechenland6.7381.212.840
*Verspätungen vom 1. Jan. bis 29. Sept. 2025

Zum Vergleich: Die „besten“ ATC-Dienste verzeichnen deutlich niedrigere Zahlen. Bulgarien liegt laut den Daten des Unternehmens mit 112 verspäteten Flügen und rund 20.000 betroffenen Passagieren an der Spitze der Positivliste, gefolgt von der Slowakei, den Niederlanden, Belgien und Dänemark.

Ryanair argumentiert, dass die niedrigen Verspätungs- und Ausfallquoten in diesen Ländern den Beweis liefern, dass ein effizienter Betrieb ohne die in anderen Staaten beklagten Probleme möglich sei. Der Kontrast zwischen den Spitzenreitern der Verzögerungen – allen voran Frankreich, oft aufgrund von wiederkehrenden Streiks der Fluglotsen, aber auch Deutschland und Spanien – und den effizienteren Diensten verdeutlicht die unterschiedliche Betriebsstabilität und Personalpolitik der nationalen Flugsicherungen. Die Fluggesellschaft schlussfolgert, dass die Verweigerung einer angemessenen Personalbesetzung und das Missmanagement der nationalen Regierungen für die gravierenden Auswirkungen auf den Flugverkehr verantwortlich seien.

Die Kernforderungen an Brüssel

Die Fluggesellschaft wiederholt im Zuge der Veröffentlichung der Verspätungsstatistik ihre langjährigen Forderungen an die Europäische Kommission. Michael O’Leary, der Chef von Ryanair, sieht in den Verzögerungen ein Versäumnis der EU, den freien Flugverkehr im Binnenmarkt zu schützen. Er beziffert die Gesamtzahl der von Verzögerungen und Ausfällen betroffenen EU-Passagiere im laufenden Jahr bereits auf über 30 Millionen.

Die Forderungen von Ryanair an die Kommission zur Behebung der Mängel sind zweigeteilt und zielen auf eine unmittelbare Verbesserung der Betriebsabläufe sowie einen Schutz des europäischen Luftraums während nationaler Arbeitskämpfe ab:

  1. Vollständige Personalbesetzung am Morgen: Nationale Flugsicherungsdienste sollen verpflichtet werden, die erste Welle der morgendlichen Flüge vollständig zu besetzen. Bei Nichterfüllung dieser Pflicht sollen Geldstrafen verhängt werden. Dies soll die Hauptursache vieler Dominoeffekte im Flugplan beheben, die sich über den gesamten Tag ziehen.
  2. Schutz von Überflügen bei Streiks: Die EU-Kommission soll Maßnahmen ergreifen, um Überflüge (Flüge, die das streikende Land nur überqueren, ohne dort zu starten oder zu landen) sowie den gesamten Binnenmarkt während nationaler Flugsicherungsstreiks zu schützen. Diese Forderung ist eine Reaktion auf die Praxis, dass Flüge, die beispielsweise von Irland nach Griechenland führen und den französischen Luftraum passieren, bei einem französischen Streik umgeleitet oder annulliert werden müssen.

Mit dieser vehementen Stellungnahme setzt Ryanair die EU-Kommission unter erheblichen politischen Druck. Die Fluggesellschaft ruft zudem die Passagiere direkt dazu auf, sich über eine eigens eingerichtete Webseite an von der Leyen zu wenden und von ihr ein dringendes Einschreiten zu verlangen. Diese Vorgehensweise markiert eine Verlagerung der Debatte vom nationalen auf das europäische Parkett.

Der Kontext der europäischen Luftraumsteuerung

Die Debatte um die Reform der Flugsicherung in Europa ist nicht neu. Seit vielen Jahren ist das Projekt eines einheitlichen europäischen Luftraums (Single European Sky, SES) das zentrale strategische Ziel der EU. Das Hauptanliegen des SES ist es, die Zersplitterung des europäischen Luftraums in 27 nationale Flugsicherungssysteme zu überwinden, um die Effizienz zu steigern, Kapazitäten zu erhöhen und die Betriebskosten zu senken. Die Verzögerungen bei der Umsetzung des SES sind jedoch beträchtlich, was laut Experten und Fluggesellschaften maßgeblich zur aktuellen Kapazitätsproblematik beiträgt.

Die einzelnen nationalen Flugsicherungsdienste, wie die Deutsche Flugsicherung (DFS), Enaire in Spanien oder die französische Direction des services de la navigation aérienne (DSNA), operieren weitgehend autonom und sind nur bedingt in der Lage, Engpässe und Störungen in benachbarten Lufträumen auszugleichen. Insbesondere die Arbeitskämpfe der Fluglotsen, die in einigen Ländern, vor allem in Frankreich, häufig stattfinden, legen regelmäßig große Teile des europäischen Flugverkehrs lahm. Kritiker werfen der EU-Kommission vor, nicht entschlossen genug gegen diese fragmentierte Struktur und die daraus resultierenden Störungen vorzugehen.

Ryanairs Kampagne nutzt die Frustration der Passagiere, um eine Beschleunigung der Reformbemühungen zu erzwingen. Die harsche Wortwahl des Unternehmenschefs unterstreicht die Dringlichkeit aus Sicht der Luftverkehrswirtschaft, die die Betriebsstabilität des eigenen Geschäftsmodells durch die aktuellen Mängel bedroht sieht. Die Tatsache, dass das Vereinigte Königreich in der Rangliste erscheint, obwohl es nicht mehr zur EU gehört, unterstreicht, dass die operativen Probleme grenzüberschreitender Natur sind und eine europäische Lösung erfordern. Die politische Forderung nach einem Rücktritt der Kommissionspräsidentin ist dabei das schärfste Mittel, um die notwendige Aufmerksamkeit für eine zügige Lösung der langwierigen Probleme in der europäischen Luftraumsteuerung zu generieren.

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