Flughafen Moskau-Domodedowo (Foto: Joergsam).
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Aeroflot zerlegt Boeing-Flugzeuge zur Aufrechterhaltung des Flugbetriebs

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Die russische Luftfahrtindustrie sieht sich infolge der umfassenden westlichen Sanktionen in eine beispiellose Krise gezwungen, deren jüngstes und drastischstes Zeichen die sogenannte Kannibalisierung von Flugzeugen ist. Berichten zufolge bereitet die russische Flaggschiff-Airline Aeroflot die Zerlegung von insgesamt acht Boeing-Flugzeugen vor, um Ersatzteile für die restliche Passagierflotte zu gewinnen.

Der kolportierte Vorgang soll im Rahmen eines Geschäfts im Wert von rund zehn Milliarden russischen Rubeln ($130 Millionen) erfolgen und die Notwendigkeit unterstreichen, die Flugsicherheit und Einsatzbereitschaft der russischen Flotte aufrechtzuerhalten, nachdem der Zugang zu Originalersatzteilen und zertifizierter Wartung durch die Sanktionen praktisch unterbunden wurde. Bei den betroffenen Maschinen handelt es sich um sechs Frachtflugzeuge vom Typ Boeing 737-800BCF der ATRAN und zwei Boeing 747-400 der Air Bridge Cargo, beides ehemalige oder noch bestehende Tochtergesellschaften der Charter-Frachtfluggesellschaft Volga-Dnepr Airlines.

Beschaffung aus dem eigenen Lager: Der Mechanismus der Kannibalisierung

Die Zerlegung intakter Flugzeuge zur Gewinnung von Ersatzteilen, bekannt als Kannibalisierung, ist eine extreme Maßnahme in der zivilen Luftfahrt. Sie wird angewandt, um kurzfristig funktionstüchtige Komponenten aus älteren oder stillgelegten Flugzeugen zu entnehmen und in aktive Maschinen einzubauen. Dies spart zwar Zeit und Geld im Vergleich zur langwierigen und in Russland derzeit unmöglichen Beschaffung von Originalteilen der Hersteller Boeing und Airbus, birgt jedoch erhebliche langfristige Nachteile.

Der Vorgang in Russland wäre laut Berichten der erste, bei dem passagierführende Fluggesellschaften wie Aeroflots Ultra-Low-Cost-Carrier Pobeda und die auf St. Petersburg gestützte Rossiya Russian Airlines aktiv Frachtflugzeuge für Ersatzteile zerlegen. Die acht Spenderflugzeuge sollen im Rahmen von Leasingverträgen mit Mitteln aus dem Nationalen Wohlfahrtsfonds Russlands erworben werden. Dieser Fonds, ursprünglich als finanzielle Pufferzone aus Öl- und Gaseinnahmen aufgebaut, droht laut Ökonomen bei anhaltenden wirtschaftlichen Trends bis 2026 erschöpft zu sein.

Die Spenderflotte: Fracht-Jets im Stillstand

Die zur Zerlegung vorgesehenen Flugzeuge stammen aus dem Dunstkreis der Volga-Dnepr Airlines Gruppe, einem einstigen globalen Schwergewicht im Luftfrachtverkehr.

  • Air Bridge Cargo (ABC): Die Gesellschaft stellte ihren Betrieb im Jahr 2022 aufgrund der Sanktionen ein, da ihre westlich gebaute Flotte unbrauchbar wurde. Die meisten Maschinen mussten an die Leasinggeber zurückgegeben werden. Die nun zur Kannibalisierung vorgesehenen Boeing 747-400 Frachter gehörten zur Flotte, die zeitweise auf Boeing 737-400SF, 747-200F, 747-300SF, 747-400F, 747-8F und 777F basierte.
  • ATRAN: Die Frachtfluggesellschaft bleibt formal operativ, hat aber ihre Boeing 737-Flotte bereits im Jahr 2022 stillgelegt, als die Sanktionen in Kraft traten. Sie fliegt seither nur noch mit Antonov An-12BP Flugzeugen Frachtcharter innerhalb Russlands und der GUS-Staaten (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten).

Die aus diesen stillgelegten Frachtern gewonnenen Teile – von Fahrwerkskomponenten über Avionik bis hin zu Triebwerksteilen – sollen nun die fliegenden Boeing-Flugzeuge der Passagier-Airlines versorgen.

Die Konsequenzen der globalen Sanktionen

Die Sanktionen gegen Russland, die im Zuge des Russland-Ukraine-Krieges verhängt wurden, haben die Luftfahrtindustrie des Landes hart getroffen und ihre Funktionsfähigkeit fundamental verändert.

Ausschluss von der Versorgungskette

Vor der Einführung der Sanktionen konnten russische Fluggesellschaften Ersatzteile für ihre westlichen Flugzeuge (vor dem Krieg wurden schätzungsweise 1.500 bis 1.800 Flugzeuge westlicher Bauart in Russland betrieben) direkt von den Herstellern Boeing und Airbus oder deren zertifizierten Zulieferern beziehen. Die Sanktionen der Europäischen Kommission verbieten nun den Export, Verkauf, die Lieferung oder den Transfer von Flugzeugen, Teilen oder Ausrüstung nach Russland. Auch Drittländer werden von einem solchen Verhalten abgehalten. Gleichzeitig untersagte das US-Handelsministerium amerikanischen Unternehmen die Wartung von Boeing-Flugzeugen russischer Betreiber.

Dieser vollständige Ausschluss von der offiziellen Versorgungskette hat russische Betreiber gezwungen, alternative Maßnahmen zu ergreifen, um die Lufttüchtigkeit ihrer Flotte zu gewährleisten, da ohne zertifizierte Teile die Einhaltung internationaler Sicherheitsstandards nicht mehr garantiert werden kann. Die Kannibalisierung ist eine dieser Notmaßnahmen.

Sicherheitsbedenken und Luftraumsperrungen

Die weitreichenden Sanktionen haben auch direkte Auswirkungen auf den internationalen Flugbetrieb. Russische Fluggesellschaften stehen seit der Verhängung der Sanktionen auf der schwarzen Liste der Europäischen Union und sind aus Sicherheitsgründen vom Flugbetrieb im oder über dem EU-Luftraum ausgeschlossen. Zudem ist es ihnen untersagt, den Luftraum vieler anderer Länder zu nutzen. Die Tatsache, dass viele Flugzeuge in Russland neu registriert werden mussten, nachdem internationale Leasinggeber ihre Rückgabe gefordert hatten, verkompliziert die Rechtslage und die Einhaltung internationaler Lufttüchtigkeitsstandards zusätzlich.

Ob die Flugzeuge, von denen nun Teile entnommen werden, jemals wieder in den aktiven Flugbetrieb zurückkehren können, ist fraglich. Die Kannibalisierung führt zwar zu kurzfristiger Flottenbereitschaft, erhöht jedoch die langfristigen Kosten für die Flotte und stört die Logistikplanung erheblich.

Die Zukunft der russischen Zivilluftfahrt

Die Notwendigkeit, intakte Frachtflugzeuge zu demontieren, um Passagierflugzeuge in der Luft zu halten, verdeutlicht die schwere technologische Isolierung Russlands. Das Land setzt verstärkt auf die Entwicklung und Produktion eigener Flugzeugtypen, wie die Irkut MS-21 und die Suchoi Superjet 100, um die Abhängigkeit von westlichen Herstellern zu beenden. Diese Programme stehen jedoch selbst vor Herausforderungen in Bezug auf die Produktion und die Verfügbarkeit von westlichen oder gleichwertigen Ersatzkomponenten, insbesondere im Bereich der Avionik und Triebwerke.

Das Zerlegen der Boeing 737 und 747 markiert einen tiefen Einschnitt in die russische Luftfahrtgeschichte und signalisiert, dass das russische Passagierflugwesen auf unbestimmte Zeit in einen Notfallmodus übergegangen ist. Solange die Sanktionen in Kraft bleiben und der Zugang zu den globalen Lieferketten verwehrt ist, wird die russische Luftfahrtindustrie gezwungen sein, auf unorthodoxe und kostspielige Methoden zurückzugreifen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, wobei die Sicherheit der Flüge aufgrund der fehlenden zertifizierten Wartung zunehmend in den Fokus rückt.

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