Die italienische Fluggesellschaft Neos hat ihre Direktverbindung zwischen dem indischen Amritsar und Toronto (Kanada) auf unbestimmte Zeit eingestellt. Als Begründung nannte das Unternehmen die „aktuelle internationale geopolitische Instabilität“ in Verbindung mit einem drastischen Rückgang der Buchungszahlen.
Die Route, die erst im April 2023 eingeführt wurde, war primär darauf ausgerichtet, die große panjabische Gemeinschaft in Kanada anzusprechen. Mit einer unzureichenden Auslastung, die die betriebliche Rentabilität nicht mehr gewährleisten konnte, zieht sich Neos ab dem 8. Oktober 2025 vollständig aus dem kanadischen Markt zurück. Die Aussetzung dieser Langstreckenverbindung, die über das Drehkreuz Mailand Malpensa führte und mit dem modernen Boeing 787-9 Dreamliner bedient wurde, verdeutlicht, wie schnell politische Spannungen globale Handels- und Verkehrsadern unterbrechen und damit strategische Investitionen von Fluggesellschaften gefährden können.
Der diplomatische Konflikt als wirtschaftlicher Faktor
Die Entscheidung von Neos, die Verbindung Amritsar-Mailand-Toronto einzustellen, ist eng mit den angespannten diplomatischen Beziehungen zwischen Indien und Kanada verknüpft, die sich seit dem Jahr 2023 erheblich verschlechtert haben. Die diplomatische Krise, ausgelöst durch schwere Vorwürfe Kanadas gegen die indische Regierung in Bezug auf die Tötung eines kanadischen Sikh-Aktivisten, führte zu einer Eskalation mit gegenseitigen Ausweisungen von Diplomaten und einer kurzzeitigen Aussetzung der Visa-Bearbeitung durch Indien.
Diese geopolitischen Spannungen haben eine direkte Auswirkung auf den Flugverkehr und das Reiseverhalten der Bevölkerung. Obwohl Indien und Kanada im Jahr 2022 ihr bilaterales Luftverkehrsabkommen aktualisierten und unbegrenzte Flüge zwischen den Ländern zuließen, was zu einem Höchststand von rund 40 wöchentlichen Flügen führte, ist die Frage, ob dieses Niveau gehalten oder weiter ausgebaut werden kann, angesichts des angespannten Klimas berechtigt. Insbesondere die Reiselust aus der nordindischen Region Punjab, aus der ein Großteil der kanadischen Diaspora stammt, ist Berichten zufolge merklich zurückgegangen. Ein instabiles politisches Umfeld, das sogar zu falschen Bombendrohungen auf Flügen führte, wie im Fall einer Air India-Maschine, schafft ein Umfeld der Unsicherheit, das die Nachfrage nach internationalen Flugreisen dämpft. Die von Neos beklagten niedrigen Auslastungsfaktoren auf der Amritsar-Toronto-Route sind damit ein direktes ökonomisches Spiegelbild dieser anhaltenden politischen Instabilität.
Hohe Kosten und mangelnde Attraktivität der Zwischenlandung
Neben dem Rückgang der Passagierzahlen, der durch die politische Großwetterlage bedingt ist, sah sich die Route auch mit operativen und wettbewerbsspezifischen Herausforderungen konfrontiert. Die Verbindung Amritsar (Indien) nach Toronto (Kanada) war als Ein-Stopp-Flug über Mailand (Italien) konzipiert.
Die Flugzeit von Neos belief sich auf etwa 16 Stunden reine Flugzeit, ergänzt durch einen zeitaufwendigen Aufenthalt von rund fünf Stunden in Mailand. Diese Gesamtreisedauer stellte einen klaren Nachteil gegenüber den Angeboten der Konkurrenz dar. Insbesondere die Fluggesellschaft Qatar Airways bietet eine Alternative über ihr Drehkreuz Doha an. Mit täglichen Verbindungen von Amritsar nach Doha und weiter nach Toronto (und Montreal) kann Qatar Airways aufgrund kürzerer Zwischenstopps eine kürzere Gesamtreisezeit realisieren.
Die Passagiere, insbesondere die panjabische Diaspora, die schnelle und bequeme Verbindungen zwischen ihrer Heimatregion und den kanadischen Großstädten suchen, tendieren zu Routen mit optimalen Transitzeiten. Die Route über Mailand konnte diese Anforderung offensichtlich nicht in ausreichendem Maße erfüllen, was die ökonomische Tragfähigkeit der Strecke zusätzlich untergrub.
Flottenprobleme und Betriebssicherheit: Zusätzlicher Druck auf Neos
Die Einstellung der lukrativen Langstreckenverbindung ist nicht nur auf externe geopolitische und wettbewerbsbedingte Faktoren zurückzuführen, sondern steht möglicherweise auch im Zusammenhang mit betrieblichen Herausforderungen innerhalb der Fluggesellschaft Neos.
Triebwerksprobleme und Kapazitätsengpässe
Neos betreibt eine Flotte von sechs Boeing 787-9 Dreamlinern, das Flugzeugmuster, welches auch auf der nun eingestellten Route zum Einsatz kam. Wie andere Betreiber dieses Typs musste auch Neos in den letzten Monaten mit erheblichen Problemen an den Triebwerken kämpfen. Diese technischen Schwierigkeiten, die zu unerwarteten Wartungszeiten führten, zwangen die italienische Fluggesellschaft zur Anmietung von Fremdkapazität (wet-lease). So wurden beispielsweise zwei Airbus A340 der rumänischen Legend Airlines temporär eingesetzt, um die ausgefallenen Dreamliner zu ersetzen und somit auch die Amritsar-Toronto-Route bedienen zu können.
Solche Ad-hoc-Lösungen durch das Anmieten von Flugzeugen sind in der Regel kostspielig und können die Zuverlässigkeit des Flugplans beeinträchtigen. Die Kombination aus geringer Auslastung, bedingt durch politische Spannungen, und den zusätzlichen operativen Kosten und Herausforderungen durch die Flottenprobleme, erhöhte den finanziellen Druck auf die Route erheblich. Die Entscheidung zur sofortigen Einstellung des Flugbetriebs nach Kanada ist somit auch als eine Maßnahme zur Rationalisierung der Flottennutzung und zur Kostenkontrolle zu interpretieren. Die Flugzeuge vom Typ 787-9, die bis zu 359 Passagiere befördern können, benötigen eine konstante und hohe Auslastung, um die hohen Betriebskosten einer Langstreckenverbindung zu decken.
Neos‘ Strategie im Langstreckensegment
Obwohl Neos nun vollständig aus dem kanadischen Markt ausscheidet, hält die Fluggesellschaft an ihrer Präsenz in Indien fest. Die Verbindungen von Rom Fiumicino und Verona nach Amritsar bleiben vorerst bestehen. Die Flotte von Neos ist eine reine Boeing-Flotte, die neben den 787-9 Dreamlinern auch Boeing 737-800 und 737 MAX 8 umfasst, was eine Spezialisierung auf das US-amerikanische Flugzeugbauunternehmen impliziert.
Experten sehen die Einstellung der Toronto-Route als ein klassisches Beispiel für die strategische Anpassungsfähigkeit, die Fluggesellschaften in einem von geopolitischer Volatilität geprägten globalen Markt zeigen müssen. Angesichts des gesunkenen Buchungsverhaltens in einem politisch sensiblen Korridor und den internen Herausforderungen bei der Bereitstellung der 787-Flotte ist die temporäre Marktbereinigung durch die Aussetzung der Route eine logische betriebswirtschaftliche Reaktion. Es bleibt abzuwarten, ob die diplomatischen Beziehungen zwischen Indien und Kanada in absehbarer Zeit eine Erholung zulassen und ob Neos dann eine Rückkehr in den kanadischen Markt in Betracht ziehen wird. Die Lücke im Passagiertransport zwischen Punjab und Kanada wird nun vorerst primär von anderen globalen Akteuren mit günstigeren Umsteigeverbindungen, wie Qatar Airways, sowie den direkten, wenn auch als überlastet geltenden, Verbindungen von Air Canada und Air India ab Delhi gefüllt werden.