Philipp Hochmair (Foto: Stephan Brückler).
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Kafka und K.: Philipp Hochmair erweckt den „Prozess“ im revitalisierten Jugendstiltheater zum Leben

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Anlässlich des hundertsten Jahrestags der Erstveröffentlichung von Franz Kafkas unvollendetem Romanfragment „Der Prozess“ im Jahr 1925, setzt der gefeierte österreichische Schauspieler Philipp Hochmair dem Jahrhundertwerk ein neues Denkmal.

Im Rahmen der Wiedereröffnung des historischen Jugendstiltheaters im Wiener Otto-Wagner-Areal präsentiert Hochmair seinen eindringlichen Monolog, der die zeitlose Brisanz von Kafkas Allegorie über die Ohnmacht des Individuums gegenüber einer undurchdringlichen Bürokratie herausstellt. Die Aufführung markiert nicht nur einen kulturellen Höhepunkt, sondern auch einen Meilenstein in der Revitalisierung des denkmalgeschützten Areals.

Die zeitlose Relevanz des „Prozesses“

Der Roman, der mit dem berühmten Satz „Jemand musste Josef K. verläumdet haben…“ beginnt, erzählt die Geschichte des Bankprokuristen Josef K., der an seinem 30. Geburtstag grundlos verhaftet wird und sich in einem undurchsichtigen Gerichtsverfahren verliert, dessen Gesetze und Anschuldigungen ihm bis zu seiner Hinrichtung am Vorabend seines 31. Geburtstags verborgen bleiben. Kafkas Werk, das zwischen August 1914 und Januar 1915 entstand, wurde erst nach dem Tod des Autors von seinem Freund Max Brod gegen Kafkas testamentarischen Wunsch im Verlag Die Schmiede in Berlin veröffentlicht.

Die zentrale Thematik des „Prozesses“ – die existenzielle Verzweiflung und Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber einem unfassbaren, anonymen Apparat – hat ein Jahrhundert nach der Erstpublikation nichts von ihrer Aktualität verloren. Im Gegenteil, Hochmair und Kritiker sehen Kafkas Text angesichts heutiger geopolitischer Konflikte, globaler Machtverschiebungen, der Dominanz gewinnorientierter Tech-Giganten und der wachsenden Einflussnahme Künstlicher Intelligenz als brisanter denn je. Die Groteske, die Kafka mit radikaler Sachlichkeit beschreibt, trifft den Nerv einer modernen Gesellschaft, in der bürokratische Willkür und der Verlust individueller Kontrolle allgegenwärtig erscheinen. Der Begriff „kafkaesk“ ist zum geflügelten Wort geworden, das genau diese bedrohliche, verwirrende und absurde Grundsituation beschreibt.

Persönliche und historische Entstehungsbedingungen

Die Entstehungszeit des Romans fällt in eine prägnante und turbulente Lebensphase Franz Kafkas. Das Fragment entstand nur wenige Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und unmittelbar nach der Auflösung seiner Verlobung mit Felice Bauer. Das Schreiben des Romans war für Kafka auch eine Verarbeitung zutiefst persönlicher Erlebnisse. Die Szene der Verlobungsauflösung im Hotel Askanischer Hof in Berlin im Juli 1914 beschrieb Kafka in seinem Tagebuch als eine Art öffentliches Tribunal, ein Gefühl, unschuldigerweise vor Gericht gestanden zu haben. Diese persönlichen Krisenmomente sowie die allgemeinen gesellschaftlichen Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts – gekennzeichnet durch Industrialisierung, Urbanisierung und eine zunehmende Bürokratisierung – prägten die Thematik des Werkes maßgeblich. Der Roman wird literarisch oft dem Expressionismus zugeordnet, insbesondere aufgrund seiner Betonung von Identitätsverlust und der chaotischen, verwirrenden Stimmung.

Hochmair als Interpret der Moderne

Philipp Hochmair, bekannt für seine kompromisslose Bühnenpräsenz und intensive Auseinandersetzung mit literarischen Klassikern, gilt als idealer Interpret für die vielschichtigen Werke Kafkas. Seine Annäherung an den Stoff ist dabei alles andere als neu: Hochmair publizierte „Der Prozess“ bereits 2004 als Hörstück, dem ein Jahr später das Fragment „Amerika“ folgte. Die Darstellungsform als vielstimmiger Monolog ermöglicht es ihm, Josef K. als modernen Zeitgenossen zu präsentieren, der sich in Selbstinszenierungen und Fantasiebildern verliert, anstatt sich dem Wesentlichen zu stellen oder Verantwortung zu übernehmen – eine Interpretation, die Josef K.s Scheitern als Geschichte einer Verweigerung deutet.

Hochmairs künstlerisches Schaffen ist geprägt von der Vertonung und Inszenierung literarischer Meisterstücke. So beschäftigte er sich unter anderem mit Adalbert Stifters „Der Hagestolz“ (2003), Johann Wolfgang von Goethes „Werther“ (erstmals 2003) und Georg Büchners „Lenz“ (2003). Seine Fähigkeit, die Dissonanz zwischen der oft beamtendeutschen, sachlichen Ausdrucksweise Kafkas und dem unbegreiflichen Wahnsinn der kafkaesken Handlung zu verkörpern, wird von Kritikern hervorgehoben. Diese intensiven Interpretationsleistungen brachten ihm zahlreiche Auszeichnungen ein, darunter mehrfach die Kurier Romy (2019, 2022), den Deutschen Fernsehpreis (2022) und den Grimme-Preis (2023). Erst kürzlich erschien die von Katharina von der Leyen verfasste Biografie „Hochmair, wo bist du?“, die der Schauspieler im Anschluss an die Aufführung signieren wird.

Das Jugendstiltheater in neuem Glanz

Die Aufführung findet in einem Ambiente statt, das die historische Dimension des Werks mit einem Blick in die Zukunft verbindet: dem Jugendstiltheater auf dem Otto-Wagner-Areal. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde ursprünglich als Gesellschaftshaus für kulturelle und therapeutische Zwecke der ehemaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalt am Steinhof errichtet.

Nach einer behutsamen Revitalisierung dient das Jugendstiltheater heute als moderne Spielstätte für Kulturveranstaltungen und Events, ausgestattet mit neuer Technik. Es ist Teil eines umfassenderen Umbauprojekts der Otto Wagner Areal Revitalisierung GmbH (ein Unternehmen der Wien Holding), das darauf abzielt, das gesamte Areal von einem ehemaligen Krankenhaus in einen Campus für Bildung, Kultur, Wissenschaft und Forschung zu transformieren.

Ein Meilenstein dieser Entwicklung ist der Einzug der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK), die rund 15 der Jugendstil-Pavillons für studentisches Wohnen, Lernen und künstlerische Lehre nutzen wird. Parallel dazu beleben Zwischennutzungen das Areal, wie etwa das Projekt „West“, das Studios und Ausstellungsräume im ehemaligen Direktionsgebäude eröffnet, oder der Kulturverein Kollektiv Kaorle, der im Pavillon 21 für gemeinschaftliche Kulturarbeit sorgt. Auch im Pavillon 18 entsteht mit dem Atelierhaus Wien ein neuer Kunst- und Kulturstandort. Die Verbindung von historischer Architektur, die einst der Menschenwürde verpflichtet war (Otto Wagners Entwurfsmaßstab), und zukunftsweisenden Bildungs- und Kulturprojekten unterstreicht die Transformation des Areals zu einem pulsierenden Zentrum in Wien. Die Veranstaltung mit Philipp Hochmair wurde von Krispl Art Inspirations im Auftrag des Otto-Wagner-Areals realisiert.

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