Airbus A220-300 und ATR72-600 (Foto: Amely Mizzi).
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Finanzielle Notlandung: Tunisair versucht Rettung durch milliardenschwere Anleiheemission

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Die tunesische Staatsairline Tunisair steuert inmitten tiefgreifender finanzieller Turbulenzen auf eine Kapitalerhöhung zu. Die Aktionärsversammlung genehmigte am 10. September 2025 die Ausgabe einer Anleihe im Wert von 150 Millionen tunesischen Dinar (umgerechnet rund 51,5 Millionen US-Dollar).

Diese Maßnahme, die in einer oder mehreren Tranchen über einen Zeitraum von zwölf Monaten erfolgen soll, ist ein verzweifelter Versuch, die Liquidität des angeschlagenen Unternehmens zu sichern und den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten. Die tunesische Regierung hat der nationalen Fluggesellschaft Anfang 2025 ultimative Fristen für die Vorlage eines umfassenden Sanierungsplans gesetzt, was den enormen Druck auf das Management verdeutlicht. Das Unternehmen kämpft seit Jahren mit chronischen Verlusten und einem massiven Eigenkapitaldefizit, dessen Wurzeln bis zum „Arabischen Frühling“ von 2011 zurückreichen.

Die Chronik des finanziellen Niedergangs

Die finanzielle Schieflage von Tunisair ist ein seit Langem bekanntes Problem, das weit über normale wirtschaftliche Schwankungen hinausgeht. Die offengelegten Zahlen zeichnen ein düsteres Bild: Der kumulierte Eigenkapitalfehlbetrag der Airline überschritt zuletzt die Marke von 1,8 Milliarden tunesischen Dinar (etwa 620 Millionen US-Dollar). Bereits zum Stichtag des 31. Dezember 2021 lag das Eigenkapital der Fluggesellschaft unter der Hälfte des Grundkapitals. Allein für das Geschäftsjahr 2021 verbuchte Tunisair einen Nettoverlust von 266 Millionen Dinar (91,5 Millionen US-Dollar).

Diese prekäre Lage, die die bilanzielle Überschuldung der staatlichen Fluggesellschaft manifestiert, zwingt das Management zu drastischen Schritten. Die nun genehmigte Anleiheemission soll die finanziellen Ressourcen stärken, um dringende Verpflichtungen zu erfüllen. Die Ermächtigung zur Festlegung der genauen Konditionen wurde dem Verwaltungsrat übertragen.

Im Zuge der Bemühungen zur Wiederherstellung der Transparenz hat Tunisair die Bestellung von Wirtschaftsprüfern für die Geschäftsjahre 2022, 2023 und 2024 bestätigt, da die Berichterstattung in den vergangenen Jahren stockte.

Kontinuierliche Kritik und Management-Turbulenzen

Die finanziellen Probleme von Tunisair sind eng mit operativen Mängeln und Management-Instabilität verbunden. Die Fluggesellschaft wird seit Jahren von hohen Schulden, einer aufgeblähten Mitarbeiterzahl und einer schlechten Pünktlichkeit heimgesucht. Im Jahr 2024 wurde Tunisair in einem internationalen Ranking als schlechteste Fluggesellschaft von 109 bewerteten Airlines eingestuft, basierend auf Faktoren wie Kundenzufriedenheit, Pünktlichkeit und der Bearbeitung von Entschädigungsansprüchen. Solche Bewertungen schaden dem Ansehen und der Wettbewerbsfähigkeit massiv.

Die Unregelmäßigkeiten im Flugbetrieb haben in der Vergangenheit wiederholt zu Chaos an Flughäfen geführt, was Reisende aus wichtigen Märkten wie Frankreich und Italien betraf. Die Folge waren Verspätungen, Annullierungen und die Notwendigkeit, Ersatzflugzeuge anzumieten. Diese Pannen sind nicht nur ein Ärgernis für Passagiere, sondern führen auch zu erheblichen Zusatzkosten für die Airline. Tunesiens Präsident Kais Saied selbst hatte in der Vergangenheit Sonderinteressen und „kriminelle Handlungen“ innerhalb des Unternehmens für die Krise verantwortlich gemacht und damit die tiefe interne Zerrüttung und politische Dimension des Problems verdeutlicht. Die Turbulenzen reichten bis in die Spitze des Unternehmens: Im Juli 2024 wurde der damalige Vorstandsvorsitzende von Tunisair festgenommen, was die anhaltende Verwaltungskrise unterstrich.

Staatliche Rettungsbemühungen und Sanierungsfristen

Die tunesische Regierung betrachtet die nationale Fluggesellschaft als strategisch wichtig und hat trotz der massiven Schulden erklärt, entschlossen zu sein, Tunisair zu retten und wieder wettbewerbsfähig zu machen. Eine Privatisierung wurde bisher abgelehnt, obwohl Vorschläge zur Umwandlung von Schulden in Eigenkapital und zur Beteiligung eines strategischen Partners mit einem Anteil von bis zu 30 Prozent diskutiert wurden.

Angesichts der Dringlichkeit ordnete das tunesische Verkehrsministerium Anfang 2025 sofortige Maßnahmen zur Stabilisierung der Airline an. Verkehrsminister Rachid Amri setzte eine Frist bis Oktober 2025 für die Vorlage eines umfassenden Sanierungsplans. Die Kernziele dieses Plans sind:

  • Verbesserung der Flottenverfügbarkeit: Die Instandsetzung und Einsatzbereitschaft der Flugzeuge muss gewährleistet werden.
  • Steigerung der Servicequalität und Sicherheit: Die Reputation der Airline muss durch operative Zuverlässigkeit wiederhergestellt werden.
  • Netzwerkerweiterung: Ausbau des Streckennetzes zur Steigerung des Marktanteils.

Die Bemühungen um eine Sanierung sind nicht neu. Bereits in den Jahren zuvor wurden Restrukturierungspläne diskutiert und eingeleitet, die unter anderem einen Abbau von 1.000 bis 1.700 Stellen vorsahen sowie die Stilllegung von acht bis zwölf älteren Flugzeugen. Diese Pläne zielten darauf ab, die Kosten zu senken, unter anderem durch eine Reduzierung des Personals im Ausland und die Schließung von Betriebsstätten.

Die Anleihe: Ein finanzieller Strohhalm

Die nun beschlossene Anleiheemission über 150 Millionen Dinar ist ein kurzfristiges Finanzinstrument, das die dringend benötigte Liquidität bereitstellen soll. Ein ehemaliger tunesische Handelsminister hatte zuvor vorgeschlagen, die Ausgabe von Wandelanleihen zu prüfen, um die Refinanzierung mit einer potenziellen Eigenkapitalstärkung zu verbinden. Die Möglichkeit, die Anleihe in eine Tranche von 30 Millionen Dinar zu unterteilen, mit einem Zinssatz von 10 Prozent p.a. und einer Laufzeit von sieben Jahren, zeigt die Bemühungen des Managements, die Finanzierung zu strukturieren, um die Zahlungsfähigkeit in der aktuellen kritischen Phase zu sichern.

Trotz der tiefgreifenden Probleme gibt es Anzeichen von Erholung im operativen Geschäft. Provisorische Zahlen aus dem Jahr 2024 zeigten einen Anstieg des Passagieraufkommens und einen Umsatzanstieg von 4,62 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, was einem Gesamtumsatz von über 1,66 Milliarden Dinar entspricht. Zudem meldete die Airline für den Zeitraum von Oktober 2024 bis März 2025 einen sechs-prozentigen Anstieg der beförderten Passagiere und eine Verbesserung des Auslastungsfaktors. Diese positiven operativen Signale geben dem Management die Hoffnung, dass eine finanzielle und strukturelle Neuausrichtung erfolgreich sein kann, sofern der notwendige Kapitalzufluss gesichert ist. Die erfolgreiche Umsetzung des Sanierungsplans bis zur gesetzten Oktoberfrist bleibt jedoch entscheidend für die langfristige Existenz der Airline.

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