Die Bilder von Raketen, die am Abendhimmel über der jordanischen Wüste Wadi Rum auf dem Weg in ein Nachbarland ihre Spuren ziehen, sind eine schmerzhafte Metapher für die aktuelle Lage in Jordanien. Das Königreich, das für seine gastfreundliche Kultur und seine unvergleichlichen historischen Stätten bekannt ist, befindet sich inmitten einer existenzbedrohenden Tourismuskrise – nicht durch eigene Fehler, sondern als unverschuldetes Opfer regionaler Spannungen.
Der Ausbruch des Gaza-Krieges nach dem Überfall der Hamas auf Israel führte praktisch über Nacht zu einem dramatischen Einbruch der Besucherzahlen. Malia Asfour von der jordanischen Tourismusbehörde Visit Jordan fasst die Situation drastisch zusammen: „Wir sind von einem ‚Overtourism‘ zu einem ‚No Tourism‘ übergegangen.“ Die Konsequenzen für die jordanische Wirtschaft sind verheerend und zeigen, wie fragil der internationale Reiseverkehr im Nahen Osten auf geostrategische Ereignisse reagiert.
Wirtschaftlicher Schock: Bis zu 90 Prozent Besucherverlust
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache des Schocks: Bis zu 90 Prozent der internationalen Besucher sind seit Beginn der Kampfhandlungen im Nachbarland ausgeblieben. Diese Abwärtsspirale trifft das Land ins Mark, da der Tourismus für Jordanien eine Schlüsselindustrie und laut der Jordanien-Werberin Asfour „unser Öl“ ist.
Besonders drastisch zeigt sich das Ausmaß des Einbruchs in der weltberühmten Felsenstadt Petra, einem UNESCO-Welterbe. Wo in der Hochsaison teils über 20.000 Besucher täglich den berühmten Siq durchquerten, um zum Schatzhaus zu gelangen, sind es aktuell nur noch wenige Hundert pro Tag. Die gähnende Leere in der einst überlaufenen archäologischen Stätte spiegelt die wirtschaftliche Not der Einheimischen wider. Souvenirverkäufer und Betreiber von Erfrischungsständen entlang der Hauptwege kämpfen ums Überleben. Das Angebot, 40 Postkarten für umgerechnet nur einen Euro zu erwerben, verdeutlicht die Verzweiflung vieler kleiner Akteure in der Branche.
Der Wegfall der Touristenströme hatte sofortige und dramatische Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Schätzungen zufolge gingen mit Kriegsbeginn 70.000 Arbeitsplätze in der Tourismusbranche und den angeschlossenen Sektoren verloren. Angesichts einer ohnehin angespannten Situation ist heute laut Berichten jeder dritte Jordanier arbeitslos. Die Krise bedroht nicht nur die Existenz vieler Familien, sondern stellt die gesamte soziale und wirtschaftliche Stabilität des Landes auf die Probe.
Die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität
Die Hauptursache für den massiven Besucherschwund ist nicht eine akute Sicherheitslage in Jordanien selbst, sondern eine Verzerrung der geografischen Wahrnehmung in den wichtigen Quellmärkten Europas und Nordamerikas. Reiseleiter Zuhair Zuriqat von G Adventures in Jordanien bringt es auf den Punkt: „Wir sind Opfer von Missverständnissen.“
Tatsächlich gilt Jordanien als sicheres Reiseland. Die jordanische Bevölkerung wird als traditionell gastfreundlich und weltoffen beschrieben. Offizielle Stellen, wie das Auswärtige Amt, sprechen keine Reisewarnung für das Königreich aus. Die ohnehin geltenden, aber schon lange existierenden, dringenden Abratungen von Reisen in die Grenzgebiete zu Syrien und dem Irak sind für den gängigen Tourismus irrelevant, da sie außerhalb der üblichen Rundreisewege liegen. Die touristischen Attraktionen sind von diesen Zonen geografisch weit entfernt.
Ein weiteres Problem ist, dass viele internationale Reiseveranstalter Jordanien traditionell in Kombination mit Stätten in Israel angeboten haben. Mit dem Stopp dieser kombinierten Reisen entfällt Jordanien automatisch aus vielen Reiseplänen, selbst wenn es als Einzelziel sicher erreichbar ist. Die psychologische Hemmschwelle vieler Reisender, den gesamten Nahen Osten zu meiden, ist in der aktuellen geopolitischen Lage jedoch immens hoch.
Jordanien als Stand-alone-Ziel: Eine Fülle von Attraktionen
Die Botschaft der jordanischen Tourismusvertreter ist klar: Es gibt keinen Grund, eine Reise abzusagen oder zu verschieben. Jordanien bietet eine Fülle an Attraktionen, die das Land zu einem attraktiven eigenständigen Reiseziel machen, ohne dass eine Kombination mit Nachbarländern notwendig wäre.
Neben dem ikonischen Petra finden Besucher in Jordanien eine beeindruckende Vielfalt an Kulturerbe und Naturwundern:
- Jerash: Die riesige Ausgrabungsstätte zählt zu den am besten erhaltenen römischen Provinzstädten weltweit und blickt auf eine durchgängige Besiedlungsgeschichte seit dem 2. Jahrhundert vor Christus zurück. Die antike Stadt besticht mit Kolonnaden, Tempeln und Theatern.
- Totes Meer: Als tiefster Punkt der Erde (430 Meter unter dem Meeresspiegel) bietet das Tote Meer die einzigartige Erfahrung, ohne eigenes Zutun im salzhaltigen Wasser zu schweben.
- Wadi Rum: Die dramatische Wüstenlandschaft mit ihren bizarren Felsformationen und roten Sanddünen zieht Besucher in ihren Bann und ist ideal für Wüstensafaris und Übernachtungen in Beduinen-Camps.
- Rotes Meer: Im südlich gelegenen Aqaba lockt das Rote Meer mit Bademöglichkeiten und Tauchrevieren.
- Amman: Die quirlige Hauptstadt fungiert als kulturelles und modernes Zentrum des Landes.
Mit über 40.000 historischen Stätten verfügt Jordanien über mehr als genug Anziehungspunkte für eine mehrtägige oder mehrwöchige Rundreise. Die logistische Anbindung ist gesichert: Es gibt ausreichende Flugverbindungen, beispielsweise mit Royal Jordanian von Deutschland, die eine Reisezeit von nur vier Stunden ermöglichen.
Vor der Krise hatte Jordanien sogar eine Strategie entwickelt, um dem Phänomen des übertourismus (Overtourism) entgegenzuwirken. Geplant war eine Entzerrung der Besucherströme, um die Konzentration auf die Hauptattraktionen zu verringern und weniger bekannte, aber ebenso lohnenswerte Orte zu fördern. Angesichts der aktuellen Lage ist Overtourism jedoch zu einem unerreichbaren Luxusproblem geworden, und das Land kämpft schlichtweg um die Rückkehr seiner Besucher.