Boeing 737 Max (Foto: Jan Gruber).
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Zurückhaltung im Himmel: Boeing und Airbus bremsen Erwartungen an neue Schmalrumpfflugzeuge

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Die beiden dominierenden Flugzeughersteller der Welt, Boeing und Airbus, haben auf einer kürzlich in Prag abgehaltenen Industriekonferenz die Erwartungen an einen kurzfristigen Start von völlig neu konzipierten Schmalrumpfflugzeugen (Narrowbodies) gedämpft.

Führungskräfte beider Unternehmen signalisierten, dass die Entwicklung eines Nachfolgemodells für die überaus erfolgreichen Baureihen A320neo und 737 max noch Jahre entfernt liegt. Diese strategische Zurückhaltung, die auf technologischen Hürden, hohen Entwicklungskosten und den aktuellen Prioritäten der Hersteller basiert, zementiert die aktuelle Wettbewerbssituation auf dem wichtigsten Marktsegment der kommerziellen Luftfahrt bis weit in die 2030er Jahre hinein.

Die Aussagen der Top-Manager, insbesondere die von Boeings Marketingchef Darren Hulst, verdeutlichen, dass der Schwerpunkt derzeit auf der Fertigstellung und Zertifizierung der bereits in der Entwicklung befindlichen Projekte liegt. Für Boeing bedeutet dies die vorrangige Bearbeitung der ausstehenden Varianten der 737 max-Familie sowie des Langstrecken-Großraumflugzeugs 777x und seiner Frachtversion 777xf. Airbus hingegen hält an der Bedingung fest, dass ein neues Modell eine signifikante Effizienzsteigerung von mindestens 25 Prozent gegenüber der aktuellen Generation bieten muss, ein technologischer Sprung, dessen Machbarkeit unter den gegenwärtigen Umständen als unsicher gilt.

Boeings Fokus: Schuldenabbau und Zertifizierungslast

Die Zurückhaltung von Boeing bei der Ankündigung eines Nachfolgers für die 737 max ist vor dem Hintergrund der aktuellen Unternehmenslage zu verstehen. Das US-Unternehmen ist mit einer erheblichen Verschuldung von rund 50 Milliarden US-Dollar belastet, die unter anderem aus den Konsequenzen der Sicherheitsprobleme der 737 max resultiert. In dieser finanziellen Situation wird die Konzentration auf die Stabilisierung der laufenden Programme als die primäre Geschäftsstrategie angesehen.

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der 777x-Familie, deren Zertifizierung wiederholt verschoben wurde. Jüngste Berichte, unter anderem Analysen von Bloomberg, deuten darauf hin, dass die kommerzielle Indienststellung des Langstreckenjets, der ursprünglich für 2020 geplant war, nun sogar auf Anfang 2027 rutschen könnte. Diese mehrjährige Verzögerung ist mit Kostenüberschreitungen von über 11 Milliarden US-Dollar verbunden und zieht voraussichtlich weitere hohe bilanzielle Abschreibungen nach sich. Die anhaltenden Verzögerungen des 777x-Programms, das durch intensivere behördliche Prüfungen nach den 737 max-Vorfällen gekennzeichnet ist, führen zu Anpassungen der Flottenpläne bei Großkunden wie der Lufthansa und Emirates.

Trotz der aktuellen Zurückhaltung zeigen Gespräche des Boeing-Managements mit Triebwerksherstellern wie Rolls-Royce, dass das langfristige Interesse an der Erforschung von Spitzentechnologie für die nächste Flugzeuggeneration weiterbesteht. Diese Aktivitäten scheinen jedoch derzeit keine unmittelbare Verbindung zu einer konkreten neuen Produktankündigung zu haben.

Die Airbus-Strategie: Hohe Anforderungen an den technologischen Fortschritt

Airbus, derzeit in einer komfortableren Marktposition im Schmalrumpfsegment, nutzt diesen Vorteil, um eine hohe Messlatte für die Entwicklung eines Nachfolgers der A320neo-Familie zu setzen. Airbus-Manager betonen, dass ein völlig neues Flugzeug einen Effizienzvorsprung von 25 bis 30 Prozent gegenüber den heutigen Modellen aufweisen müsse, um die massiven Entwicklungskosten zu rechtfertigen.

Diese technologische Anforderung wird in der Branche als anspruchsvoll bewertet, da die aktuellen Triebwerke (wie die Pratt & Whitney gtf- und die cfm leap-Familie) bereits erhebliche Effizienzverbesserungen von etwa 15 Prozent gebracht haben. Die zusätzliche Steigerung muss nun durch disruptive Innovationen im Bereich des Antriebs und der Aerodynamik erzielt werden. Airbus arbeitet zwar an Schlüsseltechnologien wie dem „Wing of Tomorrow“-Prototyp mit leichten Faltflügeln und der Erforschung von Open-Fan-Triebwerkskonzepten (in Zusammenarbeit mit cfm international), deren Marktreife und Integration in ein völlig neues Flugzeug jedoch noch Zeit erfordern. Airbus-Chef Guillaume Faury hat angedeutet, dass mit einer Entscheidung über das Triebwerk 2027 und einer Indienststellung des A320neo-Nachfolgers etwa 2037 zu rechnen sei.

Die gegenwärtige Unklarheit darüber, ob die notwendigen technologischen Sprünge in der Kürze der Zeit erreicht werden können, führt bei Airbus zu einer pragmatischen Fortführung der bestehenden Modellreihen. Die A320neo- und insbesondere die A321-Familie mit ihrer größeren Reichweite bieten dem europäischen Hersteller derzeit einen klaren Vorteil gegenüber dem Konkurrenten Boeing.

Konsequenzen für den Luftverkehrsmarkt: Verlängerter Zyklus und steigende Werte

Die gemeinsame Verzögerung bei der Einführung von Schmalrumpfflugzeugen mit völlig neuer Konzeption wirkt sich tiefgreifend auf die gesamte kommerzielle Luftfahrtindustrie aus. Der Wettbewerb zwischen Boeing und Airbus wird in diesem Kernsegment „eingefroren“, da beide Hersteller planen, ihre derzeitigen derivativen Modelle noch weit über 2030 hinaus zu verkaufen.

Diese Marktsituation führt zu einer Verlängerung der Produktionszyklen für die 737 max und die A320neo-Familie. Angesichts der knappen verfügbaren Produktionskapazitäten und der langen Auftragsbestände beider Hersteller (allein die A320neo-Familie verzeichnete bis August 2025 über 11.200 Bestellungen) bleiben die Flugzeugwerte stark. Dies ist insbesondere für Leasinggesellschaften von Vorteil, da die Restwerte der Flugzeuge stabil bleiben und die Vergabe von Leasingverträgen weiterhin als einfach gilt. Für die Fluggesellschaften bedeutet die Strategie der Hersteller, dass sie sich weiterhin auf inkrementelle Effizienzsteigerungen anstatt auf einen großen Leistungssprung konzentrieren müssen. Die Nachfrage nach Flugreisen, angetrieben durch das Wachstum der Kaufkraft in Regionen wie dem asiatisch-pazifischen Raum, hält jedoch an. Die Kapazitätsengpässe in den großen Lieferketten und bei den behördlichen Zertifizierungen tragen dazu bei, dass die Flugerlöse der Fluggesellschaften gestützt werden. Die gesamte Branche ist auf einen langsameren, stetigeren technologischen Fortschritt ausgerichtet, bis die nächste Generation von Flugzeugen mit einem wirklich revolutionären Leistungsversprechen verfügbar ist.

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