ATR72-600 (Foto: Angelika Evergreen).
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AUA-Wetlease-Dienstleister Braathens in akuter Schieflage

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Die schwedische Regionalfluggesellschaft Braathens Regional Airways (BRA), ein zentraler Dienstleister für das skandinavische Inlandsnetzwerk, befindet sich in einer akuten finanziellen Notlage. Auch Austrian Airlines setzt auf Dienstleistungen von Braathens, denn man hat gleich mehrere Turbopropflugzeuge des Typs ATR72-600 samt Personal im Rahmen von Wetlease-Vereinbarungen angemietet.

Dokumente, die dem Amtsgericht Solna im Rahmen des am 1. Oktober 2025 eingeleiteten Restrukturierungsverfahrens vorgelegt wurden, enthüllen ein dramatisches Szenario: Das operative Unternehmen BRA Regional Airways AB hat in den ersten acht Monaten des Jahres 2025 einen täglichen Verlust von über zwei Millionen schwedischen Kronen (rund 170.000 Euro) angehäuft. Als Hauptursache der Liquiditätskrise wird ein langfristiger Wet-Lease-Vertrag mit Scandinavian Airlines (SAS) identifiziert, dessen Konditionen die tatsächlichen Betriebskosten der Flugzeuge bei Weitem nicht decken. Das Überleben von Braathens hängt nun unmittelbar davon ab, ob eine Nachverhandlung des verlustreichen Abkommens mit SAS gelingt, die zu einer dringend benötigten Erhöhung der Einnahmen führt. Der Fall beleuchtet die prekären Margen im regionalen Luftverkehrsgeschäft und die kritische Abhängigkeit kleinerer Betreiber von ihren Großkunden.

„Sie haben berichtet, dass der ATR-Betrieb in diesem Jahr Hunderte Millionen SEK verloren hat. Das ist falsch und scheint auf einem Missverständnis der Kontrollbilanz zu beruhen, die nach schwedischem Recht zwingend vorgeschrieben ist. Tatsächlich hat der ATR-Betrieb seit Beginn der Sommersaison (April 2025) eine positive Bruttomarge und nur einen geringen Nettoverlust erzielt“, erklärt ein Braathens-Sprecher.

Nebst SAS setzt auch Austrian Airlines auf die Dienstleistungen von Braathens. Seit einiger Zeit kommen Turbopropflugzeuge des Typs ATR72-600 auf diversen Strecken unter OS-Flugnummern zum Einsatz. Die AUA mietet dabei die Maschinen samt Personal, so genanntes Wetleasing. Weitere Dienstleister, die Austrian Airlines im Einsatz hat, sind Air Dolomiti und Air Baltic.

Eskalation der Verluste und der Auslöser der Krise

Die finanziellen Schwierigkeiten von Braathens Regional Airways haben sich in den vergangenen Jahren rapide verschärft. Während das Unternehmen 2023 einen Verlust von 169 Millionen schwedischen Kronen (SEK) verzeichnete, stieg das Defizit im folgenden Jahr auf besorgniserregende 628 Millionen SEK. Die Bilanz des Jahres 2025 markiert einen vorläufigen Höhepunkt: Bis Ende August belief sich der Betriebsverlust bereits auf 731 Millionen SEK.

Diese Entwicklung zwang das Management zur Einleitung des Rekonstruktionsverfahrens nach schwedischem Recht, das einem US-amerikanischen Chapter 11 ähnelt und dem Unternehmen Zeit zur Sanierung verschaffen soll. Die gerichtlichen Unterlagen machen deutlich, dass der zentrale Achillesferse in dem siebenjährigen Wet-Lease-Abkommen mit SAS liegt, welches am 1. Januar 2025 in Kraft trat. Dieses Abkommen, das Braathens Regional Airlines im September 2024 mit einem Volumen von bis zu sechs Milliarden SEK (etwa 530 Millionen Euro) unterzeichnete, sah vor, dass BRA mit seiner ATR 72-Flotte Flüge auf inländischen Routen in Schweden und Zubringerflüge zum Kopenhagen-Drehkreuz von SAS durchführt.

Die Preisgestaltung in diesem Vertrag, die offensichtlich deutlich unter den tatsächlichen Betriebskosten lag, führte unmittelbar zu den massiven täglichen Verlusten. Braathens sah sich gezwungen, die Produktion an den Großkunden viel zu billig zu verkaufen, was die Liquidität derart angriff, dass der Zusammenbruch drohte.

Die strategische Bedeutung des Wet-Lease-Geschäfts

Das Geschäftsmodell von Braathens hatte sich in den Jahren vor der Krise bereits radikal verändert. Aufgrund der schwachen Nachfrage nach Inlandsflügen in Skandinavien nach der Pandemie und der Unwirtschaftlichkeit des Heimatflughafens Stockholm-Bromma hatte sich Braathens entschieden, den eigenen Linienflugbetrieb schrittweise einzustellen und die Aktivitäten auf das profitable ACMI-Geschäft (Aircraft, Crew, Maintenance, and Insurance), also das Wet-Lease-Geschäft mit Regionalflugzeugen, zu konzentrieren. Im Zuge dieser strategischen Neuausrichtung verlegte das Unternehmen seine Stockholmer Aktivitäten nach Arlanda.

Parallel dazu hatte die Braathens-Gruppe bereits im September 2025 Insolvenz für ihre Jet-Sparte Braathens International Airways AB anmelden müssen. Diese Tochtergesellschaft, die mit Airbus A319 und A320 im Charterverkehr für nordische Reiseveranstalter flog, hatte trotz massiver Millioneninvestitionen der Eigentümer (über 300 Millionen SEK) keine Rentabilität erreicht. Die Liquidation dieses verlustreichen Zweigs sollte eigentlich eine Konzentration auf das vermeintlich stabile Turboprop-Geschäft ermöglichen, doch die Mängel im SAS-Vertrag untergruben diese Bemühungen.

Derzeit betreibt Braathens Regional Airways eine Flotte von siebzehn ATR72-600 Turboprop-Flugzeugen. Ein Teil dieser Flotte wird nicht nur für SAS eingesetzt, sondern auch für andere europäische Carrier wie Austrian Airlines auf Regionalstrecken, die für die größeren Jets der AUA unwirtschaftlich sind. Die Fortsetzung dieser ACMI-Flüge mit den ATR-Maschinen ist für die Aufrechterhaltung der regionalen Konnektivität in Nord- und Mitteleuropa von großer Bedeutung.

SAS als Retter und Bedrohung zugleich

Die Wet-Lease-Partnerschaft mit SAS ist für Braathens paradoxerweise sowohl die Existenzgrundlage als auch die Hauptursache der finanziellen Notlage. Da Braathens als „wichtiger Partner im Inlandsnetzwerk von SAS“ betrachtet wird, hat SAS ein großes Interesse am Fortbestand des Unternehmens. Der Verlust von Braathens‘ Kapazitäten, insbesondere der 17 ATR-Flugzeuge, würde SAS vor erhebliche logistische Herausforderungen stellen, um die Anbindung von Regionalflughäfen an das Drehkreuz Kopenhagen und die Aufrechterhaltung des schwedischen Inlandsverkehrs zu gewährleisten.

Dementsprechend hat SAS eine Zusage zur Unterstützung der Restrukturierung eingereicht. Die Fluggesellschaft hat bereits Anpassungen der Vertragsbedingungen akzeptiert, doch Braathens erklärt, dass diese Erhöhungen nicht ausreichen. Die geforderten weiteren Änderungen der Preisstruktur sind für die schwedische Regionalfluggesellschaft zwingend erforderlich, um einen nachhaltigen Betrieb und das Ende der täglichen Millionenverluste zu sichern.

Liquidität am Limit und die Rolle der Gläubiger

Die finanzielle Situation von Braathens ist extrem angespannt. Der Liquiditätsplan, der dem Solna District Court vorgelegt wurde, zeigt eine Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs. Ende September verfügte Braathens über einen Kassenbestand von lediglich 47 Millionen SEK. Die Prognosen für November und Dezember 2025 sind besonders düster, mit erwarteten negativen Cashflows von bis zu 30 Millionen SEK pro Monat. Demnach könnte der Kassenstand bis zum Jahresende auf nur noch 18 Millionen SEK schrumpfen, was die Liquiditätsreserven nahezu aufbrauchen würde. Erst Anfang 2026 erhoffen sich die Verantwortlichen durch die Effekte der Restrukturierung eine gewisse Entspannung.

Trotz der akuten Krise hat das Unternehmen die Unterstützung seiner größten Gläubiger gewonnen, was für den Erfolg der Rekonstruktion entscheidend ist. Die Skandinaviska Enskilda Banken (SEB), die Forderungen in Höhe von 266 Millionen SEK hält, hat ihre Unterstützung zugesagt. Ebenso signalisiert SAS als wichtiger Geschäftspartner Bereitschaft zur Kooperation. Diese breite Akzeptanz der Gläubiger schafft die notwendigen zeitlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen, damit Braathens seine Geschäftsstruktur umbauen kann. Letztendlich hängt jedoch die langfristige Sanierung fast vollständig von der erfolgreichen Neugestaltung des Wet-Lease-Vertrages mit SAS ab, der die Kosten des Regionalflugbetriebs realistisch abbilden muss. Völlig unklar ist, ob nun auch der Tuboprop-Bereich von Braathens kollabieren könnte, wenn mit SAS keine Einigung erzielt werden kann. Erst kürzlich musste die Jet-Schwester Braathens International den Flugbetrieb einstellen und Konkurs anmelden.

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