Das historische Jugendstiltheater auf dem Otto Wagner Areal in Wien hat am 11. Oktober 2025 mit einer ausverkauften Vorstellung feierlich seine Wiedereröffnung als moderne Kulturstätte begangen. Den Auftakt bildete der Schauspieler Philipp Hochmair mit seinem vielbeachteten Monolog von Franz Kafkas Jahrhundertroman „Der Prozess“. Die Lesung wurde als kraftvoller Start für das sanierte Haus inszeniert, das zukünftig als Schauplatz für Kunst und gesellschaftlichen Diskurs dienen soll.
Die Wahl des Stücks ist eine bewusste Entscheidung für die Aktualität des 1925 erstveröffentlichten und unvollendeten Romans. Hochmair und Regisseurin Andrea Gerck betonen die zeitlose Brisanz des Textes angesichts heutiger geopolitischer Konflikte, der Macht von Digitalgiganten und autoritärer Tendenzen. Der Monolog thematisiert die Zerrissenheit des Protagonisten Josef K., der an einer übermächtigen Bürokratie und undurchsichtigen Gesetzen zerbricht, eine Thematik, die 100 Jahre nach der Entstehung des Werks in der durch den Ersten Weltkrieg geprägten Zeit weiterhin auf Resonanz stösst.
Hochmair selbst zog in seiner Erklärung eine direkte Parallele zur Geschichte des Otto Wagner Areals. Das Theater, einst als Gesellschaftshaus der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt am Steinhof errichtet, liegt in unmittelbarer Nähe eines Mahnmals, das an die dort während des Nationalsozialismus willkürlich getöteten Kinder erinnert. Für den Schauspieler bildet „Der Prozess“ eine feinfühlige Auseinandersetzung mit dem Schrecken vor der Übermacht und dem Schmerz, der diesem historischen Ort innewohnt. Hochmair, bekannt für seine intensive Bühnenpräsenz und seine Auseinandersetzung mit literarischen Klassikern, wurde einem breiteren Publikum unter anderem durch seine Rollen in der Serie „Vorstadtweiber“ sowie seine Auszeichnungen für „Wannseekonferenz“ bekannt.
Die Wiedereröffnung des denkmalgeschützten Jugendstiltheaters, das mit neuer Technik ausgestattet wurde, markiert einen Meilenstein in der Revitalisierung des gesamten Otto Wagner Areals. Die Otto Wagner Areal Revitalisierung GmbH, eine Tochter der Wien Holding, verantwortet die umfassende Sanierung und Adaptierung des historischen Ensembles. Ziel ist es, das Areal in seiner Struktur zu erhalten und zugleich für neue Nutzungen zu öffnen. Ein zentrales Element der künftigen Entwicklung ist der geplante Einzug der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK), die etwa 15 Pavillons als Bildungs- und Wohnräume nutzen wird.
Neben der MUK und der etablierten Nutzung durch das Jugendstiltheater entstehen auf dem Areal weitere kulturelle Nutzungen durch Zwischenlösungen. Dazu zählen Studios und Veranstaltungsräume, sowie ein Kunst- und Kulturstandort im Pavillon 18. Die Premiere von „Der Prozess“ diente somit als Auftakt für ein neues, vielschichtiges kulturelles Zentrum in der Bundeshauptstadt.