Die Spannungen im Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China haben eine neue, hochsensible Stufe erreicht. US-Präsident Donald Trump drohte am 10. Oktober 2025 in einer Pressekonferenz im Weißen Haus mit der Einführung von Exportkontrollen für Flugzeugteile des amerikanischen Herstellers Boeing.
Die Ankündigung folgt auf eine überraschende und weitreichende Ausweitung der chinesischen Exportbeschränkungen für Seltene Erden einen Tag zuvor. Die chinesische Regierung hatte am 9. Oktober ihre Kontrollen dramatisch ausgeweitet, indem sie fünf neue Elemente und zusätzliche Prüfungen für Halbleiteranwender einführte. Dieser Schritt, den Präsident Trump als „schockierend“ und „völlig unerwartet“ bezeichnete, hat die diplomatischen Vorbereitungen für das bevorstehende Treffen mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping im Rahmen des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums (APEC) Ende Oktober in Südkorea überschattet.
Die Androhung von Exportkontrollen für Flugzeugkomponenten zielt auf einen neuralgischen Punkt der chinesischen Luftfahrtindustrie ab, die in erheblichem Maße von amerikanischen Technologien und Ersatzteilen abhängig ist. Mit dieser Maßnahme eskaliert die Regierung Trump den Konflikt, indem sie einen der wichtigsten Sektoren der globalen Wirtschaft und ein Flaggschiff der amerikanischen Exportindustrie als Druckmittel nutzt.
Boeing als Hebel im globalen Handelsstreit
Die Luftfahrtindustrie dient seit langem als zentrales Element in den Handelsauseinandersetzungen zwischen Washington und Peking. Die Boeing Company ist tief in den chinesischen Markt integriert, obwohl ihre Abhängigkeit von China in den letzten Jahren Berichten zufolge zurückgegangen ist. Aktuellen Daten zufolge betreiben 29 chinesische Fluggesellschaften insgesamt 1715 Boeing-Flugzeuge, vor allem Schmalrumpfflugzeuge des Typs 737. Der Auftragsbestand beläuft sich derzeit auf mindestens 144 ausstehende Auslieferungen, darunter die Modelle 737-7, 737-8, 737-10 und 787-9. Aufgrund der gängigen Praxis chinesischer Fluggesellschaften, Bestellungen erst bei Auslieferung offenzulegen, wird die tatsächliche Zahl der ausstehenden Aufträge sogar als höher eingeschätzt.
Eine zeitweise Anweisung Pekings an die chinesischen Fluggesellschaften, die Annahme von Boeing-Flugzeugen inmitten früherer Handelsspannungen einzustellen, hatte bereits im April für Aufsehen gesorgt. Obwohl die Beschränkungen später gelockert wurden, zeigten sie die Bereitschaft Chinas, Flugzeuglieferungen als wirtschaftliche Waffe einzusetzen. Die aktuellen Drohungen Trumps, die Lieferung von Teilen zu kontrollieren, würden jedoch eine weit drastischere Eskalation darstellen. Experten warnen, dass ein solches Embargo die Betriebsfähigkeit der riesigen Boeing-Flotte in China gefährden könnte, da Flugzeuge regelmäßige Wartung und Ersatzteile benötigen.
Die Abhängigkeit geht über Boeing selbst hinaus. Betroffen wären auch Gemeinschaftsunternehmen wie CFM International, ein Zusammenschluss des amerikanischen Unternehmens GE Aerospace und der französischen Safran Aircraft Engines, das die Triebwerke für die beliebten Modelle 737 max, 777 und 787 herstellt. Exportkontrollen könnten somit auch die internationalen Partner der US-Industrie treffen.
Die chinesischen Großfluggesellschaften sind von Boeing abhängig:
- Air China betreibt 208 Boeing-Flugzeuge und hat noch eine 737-8 ausstehend, während 100 chinesische C919 bestellt sind.
- China Southern Airlines fliegt mit 254 Boeing-Jets und wartet auf 65 737-8, zusätzlich zu 94 bestellten C919.
- Hainan Airlines nutzt 187 Boeing-Flugzeuge, mit acht ausstehenden 737-8.
- Xiamen Airlines hat 158 Boeing-Flugzeuge in ihrer Flotte, mit einer ausstehenden 737-8.
- China Eastern Airlines betreibt 168 Boeing-Flugzeuge, hat noch zwei 737-8 und vier 787-9 bestellt und setzt ebenfalls auf 95 C919.
Sollten die USA tatsächlich die Ausfuhr von Ersatzteilen unterbinden, stünden die chinesischen Fluggesellschaften vor massiven betrieblichen Herausforderungen, die den Flugbetrieb empfindlich stören könnten.
Chinas Gegenzug: Seltene Erden und die C919-Strategie
Die Drohung des US-Präsidenten ist eine direkte Reaktion auf Chinas jüngste Verschärfung der Exportkontrollen für Seltene Erden. Diese Mineralien sind unverzichtbar für die Herstellung von Hightech-Produkten, darunter kritische Komponenten in der Luft- und Raumfahrttechnik sowie im Halbleitersektor. Durch die Ausweitung der Kontrollen bekräftigt China seine dominante Stellung in der globalen Versorgungskette und setzt ein deutliches Zeichen seiner wirtschaftlichen Macht. Die neuen chinesischen Bestimmungen erstrecken sich nun auch auf Technologien, Dienstleistungen und technische Unterstützung im Zusammenhang mit Seltenen Erden und zielen darauf ab, die extraterritoriale Kontrolle über im Ausland hergestellte Produkte, die chinesische Seltene Erden enthalten, zu erweitern. Experten sehen in diesen Maßnahmen eine deutliche Eskalation der handelspolitischen Risiken für zahlreiche Branchen weltweit.
Gleichzeitig versucht Peking, seine Abhängigkeit von westlichen Flugzeugherstellern zu reduzieren und seine heimische Luftfahrtindustrie mit der Entwicklung des COMAC C919 voranzutreiben, einem direkten Konkurrenten der Boeing 737 max und des Airbus A320neo. Chinesische Fluggesellschaften haben bereits einen großen Auftragsbestand für dieses chinesische Muster aufgebaut. Dennoch kämpft COMAC weiterhin mit Produktionsengpässen.
Die Produktion des C919 ist nach wie vor stark von ausländischen Systemen und Komponenten abhängig, insbesondere von Triebwerken des CFM International-Joint Ventures sowie von Avionik- und Elektroniksystemen aus den USA. Obwohl COMAC ambitionierte Produktionsziele verfolgte, musste das Unternehmen die für 2025 geplanten Auslieferungen Berichten zufolge aufgrund von Lieferkettenproblemen deutlich zurückfahren. Bis September 2025 wurden lediglich fünf C919-Flugzeuge an chinesische Fluggesellschaften ausgeliefert. Die Bemühungen Pekings, die Lokalisierung der Produktion voranzutreiben, sind noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie eine vollständige Unabhängigkeit von westlichen Zulieferungen gewährleisten könnten.
Geopolitische Verhandlungen vor dem APEC-Gipfel
Die jüngste Eskalation durch die Drohung mit Exportkontrollen für Flugzeugteile ist somit als ein Verhandlungswerkzeug der US-Regierung zu sehen, das kurz vor dem geplanten Gipfeltreffen zwischen den Präsidenten Trump und Xi Jinping eingesetzt wird. Das Manöver erhöht den Druck auf Peking, seine jüngsten Exportbeschränkungen zu überdenken.
Die potenziellen Auswirkungen eines US-Exportverbots für Boeing-Teile könnten für die chinesische Luftfahrtindustrie weitreichend sein und einen Dominoeffekt in der globalen Lieferkette auslösen. Sollte es zu einem solchen Schritt kommen, würden nicht nur die chinesischen Fluggesellschaften, sondern auch Boeing selbst, seine US-Zulieferer und Partner in Europa wie Safran einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden erleiden.
Die Unsicherheit, die von diesen geopolitischen Spannungen ausgeht, belastet den globalen Handel und die Investitionsstrategien in Branchen, die auf internationale Zusammenarbeit angewiesen sind. Die weitere Entwicklung wird maßgeblich davon abhängen, ob die bevorstehenden hochrangigen Gespräche in Südkorea eine Deeskalation der „Vergeltung gegen Vergeltung“-Spirale einleiten können.