Der CEO von Air India, Campbell Wilson, hat sich am Mittwoch auf dem „Aviation India and South Asia Summit & Exhibition“ in Neu-Delhi erstmals ausführlich zum tragischen Absturz von Flug AI171 am 12. Juni 2025 geäußert. Der Unfall einer Boeing 787-8 Dreamliner kurz nach dem Start vom Sardar Vallabhbhai Patel International Airport (amd) in Ahmedabad forderte 260 Todesopfer an Bord und 19 Opfer am Boden und wurde damit zum tödlichsten Flugzeugunglück des letzten Jahrzehnts. Wilson beschrieb das Ereignis als „erschütternd“ und bekräftigte das Engagement der Fluggesellschaft, die Betroffenen der Tragödie zu unterstützen.
Der Zwischenbericht zur Unfallursache, der von Indiens Aircraft Accident Investigation Bureau (aaib) geleitet wird, deutet auf einen kritischen Fehler im Cockpit hin: Die Treibstoffschalter für beide Triebwerke wurden Sekunden nach dem Abheben auf die Stellung cutoff (aus) umgelegt, was zum Verlust des Schubs und letztlich zum Absturz des Flugzeugs führte. Wilson betonte in seinen Ausführungen, dass der vorläufige Untersuchungsbericht keinen Mangel am Flugzeug oder seinen Triebwerken festgestellt habe und auch „nichts mit den Betriebsabläufen oder Praktiken der Fluggesellschaft“ zu tun habe, was einer sofortigen Änderung bedürfe.
Die öffentliche Stellungnahme des Air-India-Chefs erfolgt in einer Zeit erhöhter öffentlicher und regulatorischer Kontrolle, die die ambitionierten Umstrukturierungs- und Wachstumspläne der indischen Flag-Airline überschattet. Wilson hatte bereits einen Monat nach dem Unglück die Öffentlichkeit eindringlich gebeten, voreilige Schlussfolgerungen über die Absturzursache zu vermeiden – ein Aufruf, der auch von der Vorsitzenden des National Transportation Safety Board (ntsb), Jennifer Homendy, unterstützt wurde, die darauf hinwies, dass Untersuchungen dieser Größenordnung Zeit in Anspruch nehmen.
Der Fokus auf den menschlichen Faktor: Die Ermittlungen zu AI171
Die technischen Details aus dem vorläufigen Untersuchungsbericht werfen Fragen nach der genauen Abfolge der Ereignisse im Cockpit auf. Der Bericht stellte fest, dass die Treibstoffkontrollschalter beider Triebwerke etwa drei Sekunden nach dem Abheben in die Stellung „cutoff“ gebracht wurden. Dies führte zum Abschalten beider Triebwerke des elf Jahre alten Flugzeugs.
Besonders brisant sind die Aufzeichnungen des Cockpit Voice Recorders (cvr), auf denen zu hören ist, wie sich die Piloten gegenseitig über die Schalterbewegung befragen. Einer der Piloten fragte den anderen, warum die Schalter auf „cutoff“ gestellt worden seien, woraufhin der andere antwortete, er habe sie nicht berührt. Obwohl die Schalter etwa zehn Sekunden nach dem Start wieder auf die Stellung „run“ (an) zurückgestellt wurden und in dieser Position im Wrack gefunden wurden, war es für eine Wiederherstellung des Schubs zu spät, da das Flugzeug bereits zu tief gesunken war.
Obwohl die aaib-Untersuchung noch läuft, deutet der Fokus auf die Fehlbedienung der Treibstoffschalter durch die Piloten darauf hin, dass die Ermittler den menschlichen Faktor als primäre Ursache in Betracht ziehen. Diese Komplexität des Geschehens, bei dem Piloten eine scheinbar nicht autorisierte Handlung unmittelbar nach dem Start durchführen und dies dann bemerkt und möglicherweise versucht wird, dies rückgängig zu machen, ist Gegenstand intensiver Analysen durch Flugexperten und Unfallermittler.
Wilson selbst betonte am Mittwoch, dass solche Vorkommnisse in der Industrie immer Anlass zur Selbstreflexion seien. „Der Zwischenbericht zeigte, dass es nichts an den Flugzeugtriebwerken oder Praktiken gab, das eine Änderung erforderte. Aber natürlich schauen wir immer, wie wir uns weiter verbessern und lernen können“, so der Air-India-Chef.
Air India im Wandel: Die Vihaan.AI-Transformation
Der Absturz ereignete sich zu einem kritischen Zeitpunkt für Air India, da sich die Fluggesellschaft inmitten einer umfassenden, von Tata Sons initiierten, fünfjährigen Transformation befindet. Der Plan, bekannt als Vihaan.AI (Sanskrit für „Morgenröte einer neuen Ära“), zielt darauf ab, Air India in eine „Weltklasse-Fluggesellschaft mit einem indischen Herzen“ zu verwandeln. Campbell Wilson, der seit Juli 2022 als ceo und managing director an der Spitze steht und zuvor Scoot, die Low-Cost-Tochter von Singapore Airlines, leitete, ist die Schlüsselfigur dieser Neuausrichtung.
Seit dem Start von Vihaan.AI hat Air India signifikante Schritte unternommen:
- Historischer Großauftrag: Die Fluggesellschaft platzierte eine historische Bestellung von 470 Flugzeugen bei Airbus und Boeing, die zum Zeitpunkt der Bestellung als die größte in der Luftfahrtgeschichte galt. Diese Investition soll die Flotte drastisch modernisieren und erweitern.
- Netzwerkausbau: Es wurden Dutzende neuer Routen hinzugefügt, um die globale Präsenz von Air India zu stärken.
- Technologie-Upgrade: Millionen wurden in die Modernisierung der it-Systeme und der digitalen Infrastruktur investiert, um den Kundenservice und die operative Effizienz zu verbessern.
Trotz dieser ambitionierten Wachstumsstrategie sieht sich Air India mit tief verwurzelten operativen Herausforderungen konfrontiert. Nur einen Monat nach dem Absturz von AI171 führte die indische Luftfahrtaufsichtsbehörde, das Directorate General of Civil Aviation (dgca), eine Prüfung durch. Diese ergab, dass Air India im Laufe des vorangegangenen Jahres mehr als 50 Sicherheitsverstöße aufwies. Solche Berichte werfen Fragen hinsichtlich der effektiven Umsetzung von Sicherheitsstandards im rasanten Wachstumsumfeld der Airline auf.
Der Druck der Aufsichtsbehörden und die Reaktion der Industrie
Der Absturz von Flug AI171, der erste Totalverlust einer Boeing 787 Dreamliner seit ihrer Einführung im Jahr 2011, hat die Aufmerksamkeit globaler Aufsichtsbehörden und der Luftfahrtindustrie auf Indien gelenkt. Die Feststellung, dass die Sicherheitspraktiken der Airline vor dem Unfall keinen direkten Mangel aufwiesen, entlastet Air India nur bedingt. Die dgca-Prüfungen und die öffentlichen Aussagen von ntbs-Vorsitzenden wie Homendy zeigen, dass die globalen Standards für eine umfassende Untersuchung und die Aufrechterhaltung der Sicherheit im Fokus stehen.
Der globale Luftverkehr ist auf die uneingeschränkte Einhaltung von Sicherheitsstandards angewiesen. Die Tatsache, dass ein so schwerwiegendes Ereignis auf einen mutmaßlichen Bedienfehler zurückzuführen ist, lenkt den Blick auf die Cockpit-Abläufe, die Sicherheitskultur und die Ausbildungspraktiken von Air India. Die Bemühungen von Campbell Wilson, die Fluggesellschaft in eine „Weltklasse-Airline“ zu verwandeln, werden unweigerlich an ihrer Fähigkeit gemessen werden, eine kompromisslose Sicherheitskultur zu etablieren und aufrechtzuerhalten, die über die bloße Einhaltung von Vorschriften hinausgeht.
Wilson bekräftigte am Mittwoch, dass Air India sich verpflichte, aus dem Abschlussbericht zu AI171 zu lernen, sobald dieser veröffentlicht wird. Die Fluggesellschaft wird weiterhin unter intensiver Beobachtung stehen, während sie ihre Transformation fortsetzt und versucht, das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Aufsichtsbehörden nach dieser beispiellosen Tragödie wiederherzustellen.