Die italienische Staatsbahngesellschaft Ferrovie dello Stato (FS) prüft einen strategischen Markteintritt in den deutschen Hochgeschwindigkeitsverkehr. FS, die über ihre Tochtergesellschaften Netinera und TX Logistik bereits im regionalen und Güterverkehr in 14 Bundesländern aktiv ist, plant nun, mit einer Flotte von 50 Hochgeschwindigkeitszügen in das Fernverkehrsnetz einzusteigen. Diese Offensive könnte den Wettbewerb auf den Hauptverkehrsachsen Deutschlands grundlegend verändern.
FS-Vorstandschef Stefano Donnarumma bestätigte in einem Interview, dass das Unternehmen eine Expansion in den „renditenträchtigen Bereich der Schnellzüge“ in Deutschland erwäge. Im Rahmen dieser Pläne sollen bereits ab 2026 grenzüberschreitende Verbindungen von Mailand nach München und später bis nach Berlin angeboten werden. Obwohl das Projekt sich noch in der „explorativen Phase“ befindet, hat FS bereits Kontakte zu Infrastrukturbetreibern und Behörden aufgenommen. Eine endgültige Investitionsentscheidung steht noch aus. Der mögliche Markteintritt der Italiener würde den Druck auf den Platzhirsch Deutsche Bahn (DB) signifikant erhöhen und den Fahrgästen potenziell mehr Auswahl und bessere Preise bringen.
Strategische Expansion auf Europas Schienen
Die Expansion der Ferrovie dello Stato nach Deutschland ist Teil einer breit angelegten europäischen Strategie, die auf die Liberalisierung des Schienenverkehrs reagiert. FS, die in Italien unter der Marke Trenitalia aktiv ist, hat bereits erfolgreich bewiesen, dass sie im Hochgeschwindigkeitssegment in den Wettbewerb mit staatlichen Platzhirschen treten kann.
Als Trenitalia France konkurriert das Unternehmen seit Dezember 2021 erfolgreich mit dem französischen Staatsbahnbetreiber SNCF. Auf der Strecke Mailand – Paris sowie neuerdings auch zwischen Paris und Marseille haben die italienischen Hochgeschwindigkeitszüge einen Teil des Marktes erobert und so den Preis- und Qualitätswettbewerb in Frankreich belebt.
Der deutsche Markt gilt als besonders attraktiv. Trotz der Dominanz der Deutschen Bahn ist der Fernverkehr hoch profitabel, insbesondere auf den Hauptstrecken zwischen den Metropolen. Die geplante Aufnahme grenzüberschreitender Verbindungen, beginnend mit der Achse Mailand – München und der späteren Verlängerung nach Berlin, würde die intereuropäische Anbindung verbessern und das Fernverkehrsnetz der FS in das wirtschaftliche Herz Europas ausdehnen.
Die 50 Züge umfassende Flotte, die FS für den deutschen Markt plant, ist ein deutliches Zeichen für die langfristige Absicht des Unternehmens, eine substanzielle Marktposition aufzubauen und nicht nur Nischenstrecken zu bedienen.
Verschärfter Wettbewerb und neue Akteure
Der potenzielle Einstieg der FS würde den Wettbewerbsdruck auf die Deutsche Bahn von mehreren Seiten verstärken. Der deutsche Marktführer sieht sich bereits der wachsenden Ambition von Flixtrain ausgesetzt. Wie Ende August 2025 bekannt wurde, plant Flixtrain ebenfalls eine massive Expansion. Der Anbieter will mit 65 neuen Hochgeschwindigkeitszügen in den Wettbewerb mit der DB einsteigen.
Diese neuen Flixtrain-Züge basieren auf der modernen Plattform „Talgo 230“, die auch die Grundlage für den neuen ICE L der Deutschen Bahn bildet. Im Gegensatz dazu basiert die aktuelle Flixtrain-Flotte noch auf älteren umgebauten Interregio- und Intercity-Wagen. Die Modernisierung und der Kapazitätsausbau bei Flixtrain signalisieren eine grundsätzliche Aufbruchsstimmung im deutschen Schienenfernverkehr.
Für die Kunden in Deutschland sind diese Entwicklungen eine gute Nachricht, da mehr Konkurrenz erfahrungsgemäß zu sinkenden Preisen, höherer Servicequalität und besseren Taktzeiten führen kann. Die erhöhte Auswahl an Anbietern und das breitere Angebot an Strecken, insbesondere grenzüberschreitend, steigern die Attraktivität der Schiene insgesamt.
Das Nadelöhr Schienennetz: Limitierender Faktor für den Ausbau
Trotz der großen Investitionsbereitschaft internationaler und nationaler Konkurrenten steht der tatsächlichen Ausweitung des Hochgeschwindigkeitsverkehrs in Deutschland ein massiver limitierender Faktor im Weg: die überlastete und sanierungsbedürftige Schieneninfrastruktur.
Viele der wichtigsten Strecken in Deutschland sind bereits heute chronisch überlastet. Die Kapazitätsengpässe führen häufig zu Verspätungen und machen es schwierig, eine höhere Zugdichte, wie sie die FS und Flixtrain anstreben, in den Fahrplan zu integrieren. Die aktuelle Infrastruktur ist kaum in der Lage, den zusätzlichen Verkehr von 115 neuen Hochgeschwindigkeitszügen (50 von FS und 65 von Flixtrain) aufzunehmen, ohne dass die Zuverlässigkeit des Gesamtsystems leidet.
Die Deutsche Bahn hat im Auftrag der Bundesregierung ein umfassendes Sanierungsprogramm initiiert, das vorsieht, wichtige Korridore sukzessive für mehrere Monate komplett zu sperren, um eine Generalsanierung durchzuführen. Ohne eine grundlegende Modernisierung und Sanierung des Schienennetzes wird jedoch keine höhere Verbindungsdichte möglich sein. Das Engagement neuer Wettbewerber erhöht den Druck auf die Politik und die DB, die Sanierungsarbeiten zügig und effizient voranzutreiben, da die Nachfrage nach Schienenverkehrskapazitäten massiv steigt.
Die erfolgreiche Etablierung neuer Betreiber hängt somit nicht nur von deren eigenen Investitionen und ihrer Servicequalität ab, sondern entscheidend von der Verfügbarkeit von Trassen und der Leistungsfähigkeit des deutschen Schienennetzes. Für die FS und Flixtrain wird der Zugang zur knappen Infrastruktur ein zentraler Wettbewerbsfaktor und eine Hürde für die Umsetzung ihrer ehrgeizigen Expansionspläne bleiben.