Das private Eisenbahnverkehrsunternehmen Flixtrain, das seit 2018 auf den deutschen Schienen als Konkurrent der Deutschen Bahn agiert, hat seine Beförderungsbedingungen grundlegend überarbeitet und zusätzliche Gebühren für bestimmte Gepäckstücke eingeführt. Reisende, die mehr als ein Handgepäckstück und ein kleines Reisegepäckstück mitführen, müssen seit Juli dieses Jahres mit Aufpreisen rechnen.
Diese Anpassung, die in der Vergangenheit hauptsächlich von Fluggesellschaften bekannt war, begründet FlixTrain mit dem Ziel, das Platzangebot und den Reisekomfort an Bord für alle Passagiere zu optimieren. Wer die neuen Regeln ignoriert, riskiert bei stichprobenartigen Kontrollen ein erhöhtes Beförderungsentgelt.
Die Maßnahme, die auf den ersten Blick als finanzielle Zusatzbelastung erscheint, ist strategisch motiviert. FlixTrain, das mit einer Flotte von 140 renovierten Wagen und stetiger Netzausweitung seine Marktposition stärkt, versucht damit, die betrieblichen Abläufe in den oft stark frequentierten Zügen effizienter zu gestalten und die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen zu verbessern, indem Gänge und Einstiegsbereiche frei von übermäßig großem Gepäck gehalten werden.
Die neue Gepäckstruktur: Was bleibt kostenlos?
Die geänderten Beförderungsbedingungen legen präzise Maße und Gewichte für die im Ticketpreis inbegriffenen, kostenlosen Gepäckstücke fest. FlixTrain hält fest, dass Handgepäck und eine normale Tasche weiterhin ohne Aufpreis befördert werden können.
- Handgepäck: Ein Stück ist kostenlos, darf jedoch höchstens 30 cm x 18 cm x 42 cm (Breite x Tiefe x Höhe) messen und ein Maximalgewicht von 7 Kilogramm nicht überschreiten.
- Kleines Reisegepäck: Zusätzlich ist ein kleines Reisegepäckstück bis zu 10 Kilogramm kostenlos erlaubt. Die Maße sind auf maximal 40 cm x 21 cm x 55 cm begrenzt.
Beide Kategorien sind so bemessen, dass sie problemlos in den Ablagefächern über den Sitzen oder – im Fall des Handgepäcks – unter dem Vordersitz verstaut werden können. Dies entspricht der gängigen Praxis in anderen europäischen Eisenbahnunternehmen.
Kostenpflichtige Gepäckstücke und Zusatzleistungen
Größere Gepäckstücke, die bisher oft ohne Zusatzkosten im Fahrpreis enthalten waren, fallen nun in die kostenpflichtigen Kategorien „Zusatzgepäck“ und „Sondergepäck“.
- Zusatzgepäck: Koffer mit Außenmaßen bis zu 50 cm x 30 cm x 80 cm und einem Maximalgewicht von 20 Kilogramm sind mit einem Aufpreis von 5,49 Euro belegt. Diese Änderung betrifft vor allem Reisende mit größeren Standard-Reisekoffern.
- Sondergepäck: Für noch größere oder sperrigere Gegenstände, die bis zu 30 Kilogramm wiegen dürfen und Außenmaße von 240 cm nicht überschreiten, greift die Kategorie „Sondergepäck“. Für deren Mitnahme ist eine Unterbringung auf den üblichen Ablageflächen nicht möglich. Reisende, die beispielsweise sehr große Koffer, Musikinstrumente oder Sportgeräte mitnehmen möchten, müssen hierfür einen freien Nebensitz zubuchen, um die sichere Unterbringung zu gewährleisten. Dies ist ein erheblicher Kostenfaktor, der die Mitnahme von Sperrgut neu kalkulierbar macht.
Ausnahmen und Sonderregelungen:
Kinderwagen bis zu 30 Kilogramm dürfen weiterhin kostenlos mitgenommen werden. Rollstühle und Gehilfen müssen jedoch spätestens 48 Stunden vor Reiseantritt angemeldet werden, um die notwendige Bereitstellung von Platz und potenzieller Unterstützung sicherzustellen.
Die Kontrollrealität und finanzielle Konsequenzen
Die Umsetzung der neuen Gepäckrichtlinien in den Zügen, die naturgemäß oft unter Zeitdruck an den Haltebahnhöfen be- und entladen werden, stellt eine logistische Herausforderung dar. FlixTrain kündigt an, stichprobenartige Kontrollen der Gepäckmaße und -anzahl durchzuführen, um die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten.
Die Konsequenzen für Reisende, die die neuen Gebühren vergessen oder bewusst umgehen, sind erheblich: Bei Verstößen wird ein erhöhtes Beförderungsentgelt fällig. Dieses beträgt das Doppelte des gewöhnlichen Fahrpreises, mindestens aber 60 Euro. Diese Strafgebühr, die in ihrer Höhe derjenigen bei Reisen ohne gültiges Ticket ähnelt, soll einen abschreckenden Effekt erzielen und die freiwillige Einhaltung der Regeln fördern.
Das Hauptziel der Maßnahme ist laut Betreiber die Verbesserung des Reiseerlebnisses. Überfüllte Gänge und schwer verstaubare Koffer, die den Ein- und Ausstieg behindern, sind ein bekanntes Problem im Schienenverkehr. Durch die Begrenzung des freien Gepäcks und die Lenkung großer Koffer auf speziell ausgewiesene Ablageflächen in den Zügen – da die Gepäckablagen über den Sitzen nicht für große Koffer ausgelegt sind – soll der Komfort für alle Fahrgäste signifikant gesteigert werden.
Abgrenzung zum Fernbus- und Bahnmarkt
Die Einführung von Gepäckgebühren ist ein wichtiger Unterschied in der Preispolitik zwischen FlixTrain und anderen Mobilitätsanbietern.
- FlixBus-Unterschied: Interessanterweise weichen die Regelungen vom Schwesterunternehmen FlixBus ab. Im FlixBus-Netzwerk ist die Mitnahme von größeren Gepäckstücken bis zu 20 Kilogramm im regulären Ticketpreis inkludiert. Diese unterschiedliche Handhabung reflektiert die unterschiedlichen logistischen Gegebenheiten in Fernbussen mit ihrem geräumigen Frachtraum unter dem Passagierdeck und Zügen, in denen die Gepäckunterbringung direkt im Wagen erfolgen muss.
- Wettbewerb mit der Deutschen Bahn: Die Deutsche Bahn (DB) verfolgt im Fernverkehr traditionell eine liberalere Gepäckpolitik. Im Allgemeinen können Reisende bei der DB unentgeltlich Handgepäck sowie größeres Reisegepäck in einem „zumutbaren“ Umfang mitführen, wobei klare Gewichtsgrenzen oder Aufpreise für Standardgepäck in der Regel nicht existieren. Die neue Regelung von FlixTrain positioniert den Anbieter damit preisstrategisch näher an der Luftfahrt als am klassischen Schienenverkehrsmodell, was im direkten Wettbewerb mit der DB ein neues Unterscheidungsmerkmal darstellt. FlixTrain versucht, mit sehr günstigen Basispreisen zu locken, während Zusatzleistungen separat in Rechnung gestellt werden.
Die Anpassung der Beförderungsbedingungen von FlixTrain ist Teil eines branchenweiten Trends zur Ertragsoptimierung und zur effizienteren Nutzung der begrenzten Kapazitäten im Personenverkehr. Die Maßnahme zielt darauf ab, die Einnahmen pro Passagier zu steigern und gleichzeitig die betriebliche Qualität an Bord zu erhöhen, auch wenn sie für Reisende mit großem Gepäck mit einer Zusatzgebühr verbunden ist.