Die Billigfluggesellschaft Easyjet hat umfassende Pläne zur Modernisierung und Kapazitätserweiterung ihrer Flugzeugflotte bekannt gegeben. Bis zum Jahr 2030 soll der Airbus A319, der derzeit einen signifikanten Anteil des Bestands ausmacht, nahezu vollständig ausgemustert werden. Die 82 Maschinen dieses Typs werden sukzessive durch modernere und größere Airbus A320neo- und A321neo-Flugzeuge aus dem bestehenden Auftragsbestand von 290 Flugzeugen ersetzt.
Die strategische Entscheidung zielt auf eine deutliche Vergrößerung der durchschnittlichen Sitzplatzkapazität ab, um die betriebliche Effizienz auf den Hauptrouten zu steigern. Gleichzeitig unterstreicht der rasche Flottenaustausch die Notwendigkeit, ältere Flugzeugmuster durch technisch fortschrittlichere Modelle zu ersetzen. Dies, so betonte CEO Kenton Jarvis anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Airline, sei ein zentraler Pfeiler der Wachstums- und Betriebsstrategie für das kommende Jahrzehnt.
Strategische Kapazitätserhöhung als Schlüssel
Die geplante Ausflottung des A319 steht in direktem Zusammenhang mit dem Ziel von Easyjet, die durchschnittliche Sitzplatzkapazität signifikant zu steigern. Der A319, der im Vergleich zu seinen größeren Geschwistern weniger Passagiere befördert, soll durch die Neo-Varianten ersetzt werden, um die Passagierzahl pro Flug zu maximieren und die Kosten pro Sitzplatz zu senken.
Die Kapazitätsentwicklung ist ambitioniert:
- Die durchschnittliche Kapazität soll von 181 Sitzen im Geschäftsjahr 2025 auf 191 Sitze bis 2028 ansteigen.
- Bis zum Jahr 2034 strebt Easyjet sogar eine durchschnittliche Kapazität von über 200 Sitzen pro Flugzeug an.
Dieser strategische Schritt spiegelt einen allgemeinen Trend in der Billigflugbranche wider, in der größere Flugzeuge auf den verkehrsreichsten Strecken zu einer höheren Auslastung führen und damit die Skaleneffekte maximiert werden.
Die Ausflottung betrifft aktuell 82 A319-Maschinen, die 23 Prozent der Gesamtflotte von 356 Flugzeugen ausmachen. Einige wenige A319 sollen jedoch als Ersatzteilspender, insbesondere für die CFM International CFM56-Triebwerke, erhalten bleiben, die auch in älteren A320-Modellen zum Einsatz kommen.
Beschleunigte Auslieferungsrate und die Neo-Familie
Der Ersatz der A319 wird progressiv über den umfangreichen Auftragsbestand von Easyjet bei Airbus erfolgen. Die Fluggesellschaft erwartet eine deutliche Beschleunigung der Auslieferungen in den kommenden Jahren. Nachdem Easyjet im vergangenen Geschäftsjahr neun Maschinen erhielt, bestätigte Airbus folgende Neuzugänge:
- 17 Flugzeuge für das Geschäftsjahr 2026.
- 30 Flugzeuge für das Geschäftsjahr 2027.
- Potenziell 43 Flugzeuge für das Geschäftsjahr 2028.
Die Auslieferung des 100. Neo-Flugzeugs wird für das Jahr 2026 erwartet. Die A320neo und A321neo sind entscheidend für die Modernisierungsstrategie. Die mit CFM Leap-1A-Triebwerken ausgestatteten Flugzeuge bieten durch eine verbesserte Aerodynamik und moderne Motoren eine höhere Betriebseffizienz als ihre Vorgängermodelle.
Triebwerksstrategie und Wettbewerbslandschaft
Obwohl die A319 sukzessive aussortiert werden, plant Easyjet keinen schnellen Ersatz der älteren A320-Flotte (CEO Jarvis nannte keinen raschen Ersatz). Diese Maschinen verfügen nach Ansicht des Managements über die passende Sitzplatzkapazität und gelten als äußerst zuverlässig.
Ein kritischer Punkt in der Flottenstrategie betrifft die Triebwerke. Geschäftsführer Jarvis räumte ein, dass das moderne CFM Leap-1A-Triebwerk im Vergleich zum älteren CFM56 weniger langlebig sei und häufigere Wartungsintervalle erfordere. Allerdings betonte er, dass Easyjet bisher keine vorzeitigen Degradationsprobleme erlebt habe, wie sie bei anderen Betreibern, insbesondere in heißen und staubigen Einsatzgebieten, beobachtet wurden.
Die Triebwerksentscheidung war Teil einer umfassenden strategischen Überprüfung. Vor der letzten Großbestellung im Dezember 2023 prüfte Easyjet das alternative Triebwerk PW1100G von Pratt & Whitney. Letztlich gab jedoch ein attraktives Angebot von CFM den Ausschlag.
Gleichzeitig führte Easyjet Gespräche mit dem US-Konkurrenten Boeing. Der Hersteller zeigte starkes Interesse, neben Ryanair den zweiten großen europäischen Billigfluganbieter als Kunden für die 737 Max zu gewinnen. Airbus wollte Easyjet als wichtigen Kunden jedoch nicht verlieren. Jarvis merkte an, dass eine Zwei-Typen-Flotte (Airbus und Boeing) nur dann effizient sei, wenn die Flotte eine ausreichende Größe erreiche. Eine hypothetische Boeing-Bestellung wäre wahrscheinlich der britischen Betriebsgesellschaft zugeordnet worden.
Ausblick: Begrenzte Reichweite und Zukunftsmodelle
Trotz der Einführung der A321neo-Varianten, die längere Reichweiten ermöglichen, sieht Easyjet-CEO Jarvis gegenwärtig keinen Bedarf für die Langstreckenvariante A321XLR. Die Fluggesellschaft zeigt derzeit kein Interesse an transatlantischen Routen oder einer umfassenden Expansion in den Nahen Osten, einem Markt, aus dem sich jüngst der Konkurrent Wizz Air zurückgezogen hat.
Stattdessen beschränkt Easyjet das Mittelstreckenwachstum auf ausgewählte, populäre Ziele am Rand ihres aktuellen Netzwerks, wie beispielsweise die Kapverdischen Inseln und Marrakesch in Marokko, wo die Fluggesellschaft im Jahr 2026 ihre erste afrikanische Basis errichten wird. Langfristig blickt Easyjet über die aktuelle Neo-Generation hinaus. Das Unternehmen arbeitet im Rahmen von Forschungsprogrammen mit Airbus und Rolls-Royce an der Entwicklung wasserstoffbetriebener Flugzeuge. Parallel dazu beteiligt sich die Airline an der Forschung des US-Entwicklers Jetzero zu einem Nurflügler-Konzept. Nach dem Abschluss der A320-Neo-Einflottung, der um das Jahr 2035 erwartet wird, soll über das nächste Flugzeugmuster für die Easyjet-Flotte entschieden werden.