Boeing 737-800 (Foto: Jan Gruber).
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Portugiesische Behörden fordern Ryanair zur Akzeptanz von Papier-Bordkarten auf

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Der irische Billigflieger Ryanair steht erneut im Fokus der europäischen Aufsichtsbehörden. Seit dem 12. November 2025 hat die Fluggesellschaft eine neue, digital-only Richtlinie für Bordkarten eingeführt, die Passagiere dazu verpflichtet, online einzuchecken und die Ryanair-App für ihre digitale Bordkarte zu nutzen.

Obwohl Ryanair beteuert, Ausnahmen für Reisende ohne Smartphone oder mit speziellen Bedürfnissen ohne Zusatzkosten zu gewähren, hat die portugiesische Luftfahrtbehörde ANAC (National Civil Aviation Authority) interveniert. ANAC warnte Ryanair, dass die Verweigerung der Beförderung von Passagieren mit ausgedruckten Bordkarten gegen die grundlegenden EU-Fluggastrechte verstoße. Die Auseinandersetzung beleuchtet die Balance zwischen der von Fluggesellschaften angestrebten Betriebseffizienz und dem Schutz der Verbraucherrechte in einer zunehmend digitalisierten Reisewelt.

Die Haltung der portugiesischen Behörde unterstreicht, dass die vertragliche Pflicht einer Fluggesellschaft, einen Passagier mit bestätigtem Ticket zu befördern, nicht an die technologische Ausrüstung oder die bevorzugte Form des Reisedokuments des Kunden gebunden werden darf. Während Ryanair die neue Politik als Erfolg feiert und die Effektivität des digitalen Systems lobt, bleibt die Ungewissheit über die praktische Umsetzung der Ausnahmeregelungen und die potenziellen Hürden für eine Minderheit der Kunden bestehen, was die Aufsichtsbehörden zur anhaltenden Überwachung zwingt.

Digitale Transformation und das Streben nach Effizienz

Die Einführung der digitalen Bordkartenpolitik durch Ryanair ist der jüngste, entschlossene Schritt in einer umfassenden Strategie zur Optimierung der operativen Abläufe und zur Reduzierung der Infrastrukturkosten an den Flughäfen. Fluggesellschaften weltweit forcieren die Digitalisierung aller Passagierprozesse. Ryanair beziffert die jährlichen Einsparungen durch die flächendeckende Umstellung auf digitale Bordkarten auf bis zu 40 Millionen Pfund (etwa 52,6 Millionen US-Dollar).

Der Konzern argumentiert, dass die digitalen Pässe zu einem reibungsloseren und schnelleren Ablauf am Flughafen führen, indem sie die Notwendigkeit von Papiertransaktionen und die damit verbundene Inanspruchnahme von Schalterpersonal minimieren. Die Nutzung der App und des digitalen Tickets beschleunigt den Check-in am Gepäckschalter und insbesondere den Boarding-Prozess am Gate. Ryanair meldete bereits am ersten Tag der Umsetzung, dem 12. November, dass über 98 Prozent der Passagiere die digitale Bordkarte genutzt hätten und es zu keinen Verzögerungen oder Ablehnungen beim Boarding gekommen sei. Die Airline lobte das „universell positive“ Feedback und sah darin einen klaren Beweis für die Effizienzsteigerung und eine Verbesserung des Kundenerlebnisses. In der Tat wurden an diesem Tag bis 13:00 Uhr mehr als 700 Flüge ohne erkennbare Störungen durchgeführt.

Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Richtlinie nunmehr von einem signifikanten Teil der Kunden verlangt, ihre Gewohnheiten zu ändern. Obwohl Ryanair angibt, dass rund 80 Prozent der Kunden bereits online einchecken, bleibt ein Fünftel der Passagiere übrig, der möglicherweise vor der Herausforderung steht, den Online-Check-in-Vorgang zu erlernen oder ein elektronisches Gerät für diesen Prozess zu nutzen.

Der Konflikt zwischen Unternehmenspolitik und EU-Recht

Die Intervention der portugiesischen Luftfahrtbehörde ANAC richtet den Fokus auf die vertraglichen und gesetzlichen Pflichten der Fluggesellschaft gegenüber ihren Passagieren im europäischen Rechtsraum. ANAC warnte die Fluggesellschaft, dass sie Gefahr laufe, gegen die EU-Fluggastrechte zu verstoßen. Die Behörde vertritt die klare Position, dass Ryanair verpflichtet ist, jedem Passagier das Boarding zu ermöglichen, der einen bestätigten Flug gebucht und den Check-in-Vorgang abgeschlossen hat, selbst wenn dieser keine digitale Bordkarte vorweisen kann.

Der Kern des Streits liegt in der Unterscheidung zwischen der Bordkartenform und der Check-in-Methode. Ryanair verlangt nun die digitale Bordkarte als Standard, hatte aber auch die Befürchtung aufkommen lassen, die gefürchtete Bordkarten-Neuausstellungsgebühr – die in der Vergangenheit bis zu 55 Euro betragen konnte – auf alle Passagiere ohne digitales Ticket zu erheben.

Die portugiesische Aufsichtsbehörde forderte zusätzliche Klarheit von Ryanair. Nach diesen Gesprächen erklärte ANAC, dass der Carrier offenbar beabsichtige, alle Passagierrechte zu garantieren, wozu auch die Rechte von Personen mit Behinderungen oder eingeschränkter Mobilität gehören, ebenso wie die Rechte von Personen ohne Smartphone oder Tablet. Entscheidend ist die Zusage der Airline, die Gebühr für die Neuausstellung der Bordkarte nicht auf diejenigen anzuwenden, die zwar online eingecheckt, aber am Flughafen eine ausgedruckte Bordkarte benötigen. Dieses Entgegenkommen ist eine direkte Reaktion auf den Druck der Aufsichtsbehörde und bestätigt das Primat des abgeschlossenen Check-in-Vorgangs über das Format des Reisedokuments. ANAC hat angekündigt, die Situation weiterhin genau zu beobachten.

Die Achillesferse der Digitalisierung: Barrierefreiheit und Systemrisiko

Die Umstellung auf die rein digitale Bordkarte, so effizient sie auch für die Mehrheit der technikaffinen Reisenden sein mag, ruft Kritiker auf den Plan, die auf Fragen der digitalen Inklusion und der Zugänglichkeit hinweisen. Insbesondere ältere Reisende, Passagiere ohne Zugang zu modernen Smartphones oder Personen mit unzureichender digitaler Kompetenz könnten durch die neue Regelung unverhältnismäßig benachteiligt werden.

Obwohl Ryanair versichert, diese Passagiere kostenlos mit einer Papier-Bordkarte zu versorgen, bleibt die Notwendigkeit des Online-Check-ins bestehen, um die teuren Flughafengebühren für den Schalter-Check-in zu umgehen. Die Verlagerung des Digitalisierungszwangs vom Boarding-Pass auf den Check-in-Prozess stellt weiterhin eine Hürde für eine Minderheit der Reisenden dar. Es ist zudem unklar, wie zeitaufwendig die Unterstützung durch das Ryanair-Personal für diejenigen sein wird, die am Schalter eine ausgedruckte Bordkarte benötigen, was potenziell zu längeren Wartezeiten an den Gepäckabgabestellen führen könnte.

Ein weiteres inhärentes Risiko der digital-only-Strategie ist die Abhängigkeit von der technischen Infrastruktur. Obwohl digitale Lösungen die überwiegende Mehrheit der Zeit effizienter sind, erhöht die ausschließliche Verlässlichkeit auf Computer- und Netzwerksysteme die Anfälligkeit für seltene, aber potenziell katastrophale Ausfälle, beispielsweise im Falle von Cyberangriffen oder Systemzusammenbrüchen. In der Luftfahrt, wo Pünktlichkeit entscheidend ist, erfordert jede Steigerung der technischen Abhängigkeit robuste und redundante Notfallpläne, um den reibungslosen Ablauf zu jedem Zeitpunkt gewährleisten zu können.

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