Der europäische Flugzeughersteller Airbus hat neue, vorsorgliche Beschränkungen für den Startbetrieb seiner A320neo-Flugzeugfamilie erlassen, die mit den PW1100G-Getriebefan-Triebwerken (GTF) von Pratt & Whitney ausgestattet sind. Diese Entscheidung, die Ende November 2025 bekannt gegeben wurde, reagiert auf betriebliche Herausforderungen, die insbesondere unter extremen Vereisungsbedingungen, wie sie bei Gefriernebel auftreten, gemeldet wurden.
Die Aktualisierung der Bodenbetriebsverfahren stellt eine temporäre Maßnahme dar, die die Sicherheit gewährleisten und das Risiko einer Leistungsminderung der Triebwerke bei strengem Winterwetter reduzieren soll. Die Einschränkungen betreffen Startvorgänge bei Gefriernebel, sofern die Sichtweite unter 150 Meter sinkt. Diese neuen operativen Vorgaben verdeutlichen die anhaltenden technischen und logistischen Komplexitäten, mit denen die Luftfahrtindustrie bei der Nutzung dieser Triebwerksgeneration konfrontiert ist, und könnten den Flugbetrieb von Fluggesellschaften in kälteren Regionen weltweit zusätzlich belasten.
Auslöser und Spezifika der Einschränkung
Die Notwendigkeit einer behördlichen Reaktion von Airbus wurde durch konkrete Vorkommnisse im Flugbetrieb deutlich. Besondere Aufmerksamkeit erregte der Vorfall bei Air Astana, der nationalen Fluggesellschaft Kasachstans, am 15. November 2025 auf dem Flughafen Almaty. Die Fluggesellschaft sah sich gezwungen, Passagiere über Verzögerungen bei Abflügen ihrer Neo-Flotte zu informieren, da starker Gefriernebel und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt zu einer erhöhten Vereisung der Triebwerke führten. Air Astana bestätigte gegenüber Medien, dass die Problematik des Eisansatzes an den Fächerblättern (Fan Blades) bei Gefriernebel und Minustemperaturen ausschließlich die Pratt & Whitney Getriebefan-Triebwerke betrifft, die in ihren A320neo, A321neo und A321LR Maschinen verbaut sind.
Die daraufhin von Airbus veröffentlichten Anweisungen umfassen revidierte Verfahren für den Triebwerksbetrieb am Boden bei Vereisungsbedingungen. Die Hauptbeschränkung ist klar definiert: Starts sind untersagt, wenn Gefriernebel vorhanden ist und die Sichtweite gleichzeitig unter den Grenzwert von 150 Metern fällt. Diese Maßnahme dient laut Airbus und Pratt & Whitney der Vorsorge, um potenzielle Probleme während des Start- und Aufwärmprozesses der Triebwerke bei extremer Kälte zu vermeiden. Niedrige Temperaturen können die Viskosität des Öls, das Vibrationsverhalten der Komponenten und die Genauigkeit der Sensorik beeinflussen und potenziell zu ungewöhnlichen Anzeigen oder einem verlangsamten Hochfahren der Triebwerke führen.
Die A320neo-Flugzeuge, die mit den konkurrierenden LEAP-1A Triebwerken von CFM International ausgerüstet sind, sind von diesen spezifischen Kaltwetter-Einschränkungen nicht betroffen, was die Fokussierung der Problematik auf die PW1100G-Antriebe unterstreicht.
Hintergrund der Getriebefan-Komplexität
Die aktuellen Kaltwetter-Einschränkungen sind nicht isoliert zu sehen, sondern fügen sich in eine Reihe von betrieblichen und technischen Herausforderungen ein, die die Pratt & Whitney PW1100G-JM Triebwerke seit ihrer Einführung plagen. Die Getriebefan-Technologie (GTF) wurde ursprünglich wegen ihrer überlegenen Treibstoffeffizienz und Geräuschminderung gelobt, doch operative Schwierigkeiten haben die Akzeptanz und Zuverlässigkeit in Frage gestellt.
Eine der gravierendsten und umfassendsten Herausforderungen betrifft einen Materialfehler, der auf eine Verunreinigung von Metallpulver zurückzuführen ist, das in der Fertigung zwischen Ende 2015 und Mitte 2021 verwendet wurde. Diese Verunreinigung kann zu Rissen an den Hochdruckturbinenscheiben (Stufe 1 und 2) führen. Die weitreichende Konsequenz dieses Fehlers war die Notwendigkeit umfangreicher und vorgezogener Kontrollen. Branchenanalysen im Jahr 2023 deuteten darauf hin, dass zwischen 2023 und 2026 Hunderte zusätzlicher Triebwerke außerplanmäßig zur Inspektion in die Wartungswerkstätten mussten.
Diese anhaltenden Zuverlässigkeitsprobleme und die daraus resultierenden, erhöhten Wartungsanforderungen haben weltweit zu Engpässen in den Triebwerksreparaturwerkstätten geführt. Die Folge sind lange Standzeiten für die betroffenen Flugzeuge, da Ersatzteile und die Kapazitäten für Instandhaltung und Überholung (MRO) begrenzt sind. Fluggesellschaften, deren Flotten stark auf die PW1100G-Triebwerke angewiesen sind, mussten bereits Flugpläne anpassen, Frequenzen reduzieren oder zusätzliche Flugzeuge leasen, um die Ausfälle zu kompensieren.
Die Probleme reichen in der Geschichte der GTF-Triebwerke bis in die frühen Betriebsjahre zurück. Bereits im Jahr 2016 wurden Schwierigkeiten beim Triebwerksstart behoben, und 2018 gab es Probleme mit der Dichtung des hinteren Hochdruckverdichterkerns. Solche wiederkehrenden technischen Hürden haben dazu beigetragen, dass ein Teil der Fluggesellschaften auf die Konkurrenztriebwerke von CFM International ausgewichen ist.
Operative Auswirkungen auf Fluggesellschaften in kalten Regionen
Während Air Astana das Problem durch ihr inhärent winterliches Klima in Kasachstan öffentlich hervorgehoben hat, betreiben zahlreiche andere Fluggesellschaften, insbesondere in nordischen und kontinentalen Klimazonen, ebenfalls die A320neo-Familie mit den Triebwerken von Pratt & Whitney. Zu diesen Fluggesellschaften gehören unter anderem Finnair, SAS und Lufthansa. Diese Carrier könnten während Perioden starken Gefriernebels und eingeschränkter Sicht mit ähnlichen betrieblichen Einschränkungen konfrontiert werden.
Die Notwendigkeit, Startvorgänge aufgrund meteorologischer Bedingungen zu verzögern oder zu annullieren, führt zu direkten Störungen im Flugplan. Für die betroffenen Fluggesellschaften bedeutet dies eine zusätzliche Belastung der Betriebsabläufe, die bereits durch die allgemeinen GTF-Zuverlässigkeitsprobleme und die damit verbundenen Wartungsrückstände angespannt sind. Die Einschränkung des Startbetriebs kann insbesondere an wichtigen Drehkreuzen in kalten Regionen, wo Gefriernebel in den Wintermonaten regelmäßig auftritt, zu einem logistischen Mehraufwand und potenziell zu finanziellen Einbußen führen.
Airbus hat betont, in engem Austausch mit den Kunden zu stehen, während Pratt & Whitney intensiv an einer längerfristigen technischen Lösung für die Vereisungsproblematik arbeitet. Eine genaue Zeitlinie für die Implementierung einer permanenten Behebung der Kaltwetter-Einschränkungen wurde bisher nicht genannt. Der Triebwerkshersteller selbst äußerte die Erwartung, dass die temporäre Beschränkung für die meisten Fluggesellschaften keine gravierenden Auswirkungen auf den Winterbetrieb haben dürfte. Dennoch verdeutlicht die Lage, wie sensibel moderne Triebwerke auf spezifische extreme Wetterbedingungen reagieren und wie wichtig die kontinuierliche Anpassung der Betriebsanweisungen ist, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die Situation unterstreicht ferner die strukturellen Herausforderungen, die durch die Kumulation von technischen Mängeln und logistischen Engpässen im Bereich der Triebwerkswartung entstehen.