Die globale Luftfahrt steht vor einem immensen Wandel, um die Auswirkungen ihres Betriebs auf die globale Erwärmung zu begrenzen. Eine aktuelle Analyse des internationalen Kreditversicherers Acredia in Zusammenarbeit mit Allianz Trade verdeutlicht die gewaltigen Investitionen, die erforderlich sind, um diesen Sektor bis zur Mitte des Jahrhunderts umzugestalten.
Demnach sind kumulierte Investitionen in Höhe von 5,1 Billionen US-Dollar (etwa 4,4 Billionen Euro) notwendig, um das angestrebte Netto-Null-Ziel bis 2050 zu erreichen. Dieser Betrag verteilt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette und unterstreicht die Komplexität der anstehenden Aufgaben in den Bereichen Treibstoffe, Technologie und Betriebseffizienz.
Die Herausforderung des großen Fußabdrucks
Obwohl die Luftfahrt mit etwa einer Gigatonne CO₂ jährlich nur rund 2,5 Prozent der globalen, vom Menschen erzeugten Emissionen verantwortet, steigt ihr Beitrag zur globalen Erwärmung auf circa 6 Prozent, wenn zusätzliche Effekte wie die Bildung von Kondensstreifen und die Freisetzung von Stickoxiden berücksichtigt werden. Diese komplexen Nebenwirkungen verdeutlichen, warum die Luftfahrt als eine der Sektoren gilt, in denen die Erreichung globaler Emissionsziele besonders schwerfällig ist.
Angesichts dieser Bilanz ist für eine signifikante Reduktion des Emissions-Fußabdrucks ein mehrdimensionales Vorgehen unerlässlich. Dieses Zusammenspiel muss technologische Innovationen, die Entwicklung neuer Treibstoffe, die Optimierung von Betriebsmodellen sowie klare und konsistente politische Rahmenbedingungen umfassen. Michael Kolb, Vorstand der Acredia Group, betont die Notwendigkeit dieses strukturellen Wandels: „Die Transformation der Luftfahrt wird kostspielig, aber ein Festhalten am Status quo wäre langfristig noch teurer. Nur mit nachhaltigen Treibstoffen, technologischen Innovationen und effizienteren Betriebsmodellen wird der Weg zu einer klimaneutralen Luftfahrt gelingen.“
Die zentrale Rolle nachhaltiger Flugkraftstoffe (SAF)
Ein Schlüsselelement in der Dekarbonisierungsstrategie sind nachhaltige Flugkraftstoffe (SAF – Sustainable Aviation Fuels). Diese Kraftstoffe haben das Potenzial, die Emissionen in der Luftfahrt um 60 bis 90 Prozent zu senken und sind zudem mit den bestehenden Flugzeugflotten kompatibel. Trotz dieser vielversprechenden Eigenschaften ist der globale Anteil von SAF am gesamten Treibstoffverbrauch derzeit minimal.
Die flächendeckende Verfügbarkeit von SAF erfordert massive Investitionen in verschiedene Bereiche. Dazu zählen der Ausbau erneuerbarer Energien, die Erschließung vielfältiger Rohstoffquellen und der Aufbau moderner Produktionsanlagen. Diese Investitionen müssen durch stabile und langfristig angelegte regulatorische Vorgaben der Politik flankiert werden, um Produzenten und Abnehmern Planungssicherheit zu geben und die Skalierung der Produktion zu ermöglichen.
Emissionshandel als Übergangsinstrument unter Druck
Marktbasierte Mechanismen wie Emissionszertifikate spielen eine Rolle als kurzfristige Unterstützung der Dekarbonisierung. Der Bericht weist jedoch darauf hin, dass die Kosten für diese Zertifikate in den kommenden Jahren signifikant steigen könnten. Diese Kostensteigerung könnte zu einer jährlichen Belastung der Fluggesellschaften von bis zu 9,5 Milliarden US-Dollar führen, was ungefähr 26 Prozent des jährlichen Nettogewinns der Branche ausmachen könnte.
Innerhalb Europas und für Flüge, die den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) betreffen, hat das europäische Emissionshandelssystem (EU Emission Trading System, ETS) Vorrang vor dem globalen Mechanismus Carbon Offsetting and Reduction Scheme (CORSIA). Dies könnte bis zum Jahr 2030 zusätzliche jährliche Kosten zwischen 5,6 und 10 Milliarden Euro für die betroffenen Fluggesellschaften bedeuten. Aus Sicht von Michael Kolb kann der Emissionshandel zwar „Brücken bauen“, er ersetzt jedoch keine strukturellen Veränderungen. Ein konsequenter Ausbau von nachhaltigen Treibstoffen und neuen Technologien sei unerlässlich.
Struktur des 5,1-Billionen-Investitionsplans
Die für die Dekarbonisierung der Luftfahrt bis 2050 veranschlagte Gesamtsumme von 5,1 Billionen US-Dollar gliedert sich in verschiedene, voneinander abhängige Investitionsbereiche. Der größte Anteil, etwa 40 Prozent, ist für den Ausbau erneuerbarer Energien vorgesehen. Diese Energien sind fundamental für die Herstellung synthetischer Treibstoffe und für den Betrieb neuer Antriebssysteme.
Weitere 38 Prozent der notwendigen Mittel sind für die weltweite Skalierung von nachhaltigen Flugkraftstoffen (SAF) eingeplant. Die globale Verfügbarkeit dieser Treibstoffe ist der zentrale Hebel für die Reduktion des CO₂-Ausstoßes.
Rund 16 Prozent der Investitionen sollen in die Kohlenstoffabscheidung (CO₂-Abscheidung) sowie in den Aufbau zusätzlicher Elektrolysekapazitäten fließen. Die verbleibenden 6 Prozent sind für die Forschung, Entwicklung und Einführung von Flugzeugen der nächsten Generation bestimmt. Diese neuen Flugzeugmodelle sollen langfristig weitere Effizienzsteigerungen und Emissionsreduktionen ermöglichen, die über die reinen Treibstofflösungen hinausgehen.
Demografischer Druck und alternative Verkehrsträger
Der Handlungsdruck in der Luftfahrt wird zusätzlich durch die voraussichtlich stark wachsende globale Nachfrage verstärkt. Bis 2050 wird erwartet, dass das weltweite Passagieraufkommen von den aktuellen rund 4,5 Milliarden auf beeindruckende 12,4 Milliarden steigen wird. Auch wenn das Wachstum in Europa mit über 50 Prozent moderater ausfällt, führt es zu einem erhöhten Bedarf an Flugkapazitäten und damit potenziell höheren Emissionen.
Besondere Einsparpotenziale werden auf Kurzstreckenflügen gesehen. Hier bietet der Ausbau des Hochgeschwindigkeits- und Schnellbahnnetzes in Europa eine Alternative. Die geplanten Investitionen von mehr als 890 Milliarden Euro zur Erweiterung des europäischen Schienennetzes auf nahezu 50.000 Kilometer bis 2050 könnten zahlreiche innerstaatliche und europäische Flugverbindungen obsolet machen und somit zur Emissionsreduktion im Luftverkehrssektor beitragen.
Zusätzliche Betrachtungen zur globalen Transformation
Die Transformation der Luftfahrt ist nicht isoliert zu betrachten, sondern steht im Kontext globaler wirtschaftlicher und technologischer Entwicklungen. Die Kosten für die Dekarbonisierung sind enorm, jedoch muss die Luftfahrtbranche – wie andere energieintensive Sektoren auch – einen Weg finden, sich anzupassen, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben und politischen sowie gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden. Experten weisen darauf hin, dass die erforderlichen 5,1 Billionen US-Dollar nicht allein von der Luftfahrtindustrie gestemmt werden können, sondern ein umfassendes Engagement von Regierungen, Energieproduzenten, Finanzinstitutionen und technologischen Innovatoren erfordern.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Entwicklung von synthetischen Kraftstoffen (Power-to-Liquids, PtL), die auf Basis von erneuerbarem Strom und abgeschiedenem CO₂ hergestellt werden. Diese bieten gegenüber Biokraftstoffen den Vorteil, dass sie keine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion oder zur Landnutzung darstellen. Die Skalierung dieser Technologie ist jedoch aktuell noch sehr teuer und energieintensiv, was die hohen Investitionen in erneuerbare Energien erklärt.
Die Luftfahrtindustrie sieht sich somit einem doppelten Druck ausgesetzt: Sie muss die steigende globale Nachfrage bewältigen und gleichzeitig ihren gesamten Betrieb grundlegend umgestalten. Der Weg zur klimaneutralen Luftfahrt ist ein Marathon, dessen Erfolg von der koordinierten Bereitstellung von Kapital, Technologie und einem einheitlichen globalen Regulierungsrahmen abhängt.