Die internationale Luftfahrtindustrie trotzt politischen Spannungen, wirtschaftlicher Unsicherheit und anhaltenden Problemen in der Lieferkette der Flugzeughersteller und steuert auf Rekordgewinne zu.
Der Weltluftfahrtverband IATA (International Air Transport Association) korrigierte seine Gewinnerwartungen für das laufende Jahr deutlich nach oben und prognostiziert für das Jahr 2026 sogar einen neuen Höchstwert. Demnach wird für das laufende Jahr ein kumulierter Nettogewinn von 39,5 Milliarden US-Dollar erwartet – eine Steigerung um 3,5 Milliarden US-Dollar gegenüber der vorherigen Schätzung im Juni. Für das kommende Jahr 2026 sagte IATA-Chef Willie Walsh der Branche einen historischen Rekordgewinn von 41 Milliarden US-Dollar voraus.
Diese optimistischen Aussichten stützen sich auf eine Kombination makroökonomischer Faktoren, darunter ein stabiles Wirtschaftswachstum, eine rückläufige Inflation, die relative Schwäche des US-Dollars und eine Entspannung bei den Treibstoffkosten. Die Schätzungen zeigen jedoch eine signifikante Verschiebung in der regionalen Profitabilität, wobei Europa voraussichtlich Nordamerika als ertragreichste Weltregion ablösen wird.
Europa löst Nordamerika als profitabelsten Markt ab
Die Prognosen der IATA deuten auf einen bemerkenswerten Wechsel an der Spitze der globalen Profitabilität hin. Europa wird voraussichtlich zum neuen Spitzenreiter aufsteigen, während Nordamerika, die bisher profitabelste Region, an Boden verliert.
Für europäische Fluggesellschaften prognostiziert die IATA einen Gewinn von 13,2 Milliarden US-Dollar für 2025, der im Jahr 2026 auf 14 Milliarden US-Dollar ansteigen soll. Haupttreiber dieser starken Leistung sind die Gewinne der Günstigfluganbieter, die in Europa eine besonders dominante Marktstellung innehaben und von der anhaltend hohen Reisebereitschaft in der Region profitieren.
Nordamerika hingegen wird voraussichtlich nur Nettogewinne von 10,8 Milliarden US-Dollar (2025) bzw. 11,3 Milliarden US-Dollar (2026) erzielen. Der Verband begründete den Verlust der Spitzenposition Nordamerikas mit einer Reihe von politischen und administrativen Belastungen. Dazu zählen insbesondere die Zollpolitik des US-Präsidenten Donald Trump, strengere Reisebestimmungen und die Auswirkungen der zeitweiligen Schließung von Bundesbehörden (Shutdown), die den Reise- und Geschäftsverkehr in den Vereinigten Staaten dämpften.
Wachstum der Nachfrage und hohe Auslastung
Trotz der regionalen Verschiebungen wird erwartet, dass die globale Nachfrage nach Flugreisen weiter steigen wird. IATA-Chef Walsh rechnet für 2026 mit insgesamt 5,2 Milliarden Fluggästen, was einem Zuwachs von rund 4,4 Prozent im Vergleich zu den Erwartungen für das laufende Jahr entspricht.
Diese wachsende Nachfrage korreliert mit einer weiterhin hohen Effizienz im Flugbetrieb. Die IATA erwartet für 2026 eine durchschnittliche Sitzauslastung von 83,8 Prozent. Eine hohe Auslastung ist ein direkter Indikator für die Rentabilität der Airlines, da Leerplätze die Gewinnmargen schmälern.
Auch der Frachtverkehr wird den Prognosen zufolge wachsen. Hier rechnet die IATA mit einem Anstieg des Frachtvolumens um 2,4 Prozent auf insgesamt 71,6 Millionen Tonnen. Der globale Handel und die Logistik profitieren weiterhin von der Erholung der Weltwirtschaft und der Notwendigkeit, Waren schnell über Kontinente hinweg zu transportieren.
Herausforderungen in der Lieferkette bremsen stärkeres Wachstum
Obwohl die Gesamtgewinne Rekordhöhen erreichen sollen, merkte die IATA an, dass die erwartete Gewinnsteigerung im kommenden Jahr ausschließlich auf der steigenden Nachfrage beruht. Die Gewinnmarge der Branche wird mit 3,9 Prozent voraussichtlich auf dem Niveau von 2025 verharren. Dies deutet darauf hin, dass die Fluggesellschaften weiterhin mit Herausforderungen und steigenden Kosten konfrontiert sind, die ein stärkeres Wachstum der Margen verhindern.
Als zentrales Problem erwiesen sich die Engpässe bei den großen Flugzeugherstellern Airbus und Boeing sowie bei deren Zulieferern. Die anhaltenden Schwierigkeiten in der Fertigung und die daraus resultierenden Auslieferungsverzögerungen zwingen die Fluggesellschaften dazu, ihre Flottenplanung anzupassen und ältere, weniger effiziente Flugzeuge länger in Betrieb zu halten.
Boeing kämpft weiterhin mit den Folgen tödlicher Abstürze, eines Beinahe-Unglücks und wiederkehrenden Qualitätsmängeln. Parallel dazu musste auch der europäische Konkurrent Airbus sein Auslieferungsziel für das laufende Jahr kürzen, was auf mangelhafte Rumpfteile eines spanischen Zulieferers zurückzuführen war. Diese Produktionsprobleme haben direkte Auswirkungen auf die Fluggesellschaften, die länger auf dringend benötigte neue Maschinen warten müssen, um ihre Kapazitäten zu erweitern und ihre Betriebskosten durch effizientere Flugzeuge zu senken. Die Lieferkettenprobleme stellen somit ein signifikantes Wachstumshindernis für die gesamte globale Luftverkehrsindustrie dar.
Die IATA und ihre Rolle im globalen Luftverkehr
Die International Air Transport Association (IATA) fungiert als das Sprachrohr und die zentrale Organisation der weltweiten Luftfahrt. In der IATA sind etwa 360 Fluggesellschaften aus allen Teilen der Welt zusammengeschlossen. Nach eigenen Angaben repräsentieren ihre Mitglieder mehr als 80 Prozent des gesamten globalen Luftverkehrs.
Die Prognosen der IATA dienen der Branche, Investoren und politischen Entscheidungsträgern als wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Gesundheit des Sektors und die zukünftige Entwicklung des globalen Reise- und Handelsverkehrs. Trotz der aufgezeigten Herausforderungen, insbesondere der politischen Unsicherheiten und der Engpässe in der Flugzeugfertigung, unterstreicht die positive Gewinnerwartung die fundamentale Bedeutung des Flugverkehrs für die Weltwirtschaft und die anhaltend hohe Mobilitätsbereitschaft der Weltbevölkerung.