Die kanarische Regionalfluggesellschaft Binter steht in Verhandlungen über den Erwerb einer Minderheitsbeteiligung an der defizitären portugiesischen Azores Airlines. Dieser strategische Schritt zielt darauf ab, die Azoren als neues transatlantisches Drehkreuz zu etablieren und Binter den Zugang zum lukrativen nordamerikanischen Markt zu ermöglichen. Während Binter den Ausbau ihres Netzwerks anstrebt, kämpft die staatliche Azores Airlines seit Jahren mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten.
Die Verhandlungen zwischen den beiden Fluggesellschaften wurden vom spanischen Fachportal „Preferente“ enthüllt. Die Azoreninseln, die auf halbem Weg zwischen Europa und Nordamerika liegen, bieten für Binter eine ideale geografische Position, um als Zwischenstopp für transatlantische Flüge zu fungieren. Azores Airlines unterhält bereits etablierte Verbindungen von den Azoren in europäische Städte sowie in die Vereinigten Staaten und nach Kanada. Eine Beteiligung würde es Binter ermöglichen, von diesen Routenstrukturen zu profitieren, ohne sofort eigene Langstreckenkapazitäten aufbauen zu müssen.
Strategisches Potenzial der Azoren als transatlantisches Drehkreuz
Binter, die bisher primär den Verkehr zwischen den Kanarischen Inseln sowie Verbindungen zum spanischen Festland und einigen westeuropäischen Zielen dominiert, sieht in den Azoren ein wichtiges Sprungbrett für eine strategische Expansion. Die geografische Lage der Azoren (São Miguel und Terceira) ermöglicht eine effizientere Verbindung zu Zielen in Nordamerika, insbesondere zu Großstädten an der Ostküste der USA und Kanadas, wie Boston, Toronto oder Montreal, die traditionell starke Verbindungen zur Azoren-Gemeinschaft aufweisen.
Eine engere Kooperation, die über die bestehende Partnerschaft hinausgeht, würde die Verbindungen zwischen den beiden Archipelen – den Kanaren und den Azoren – stärken und neue Routenkombinationen für den Reiseverkehr zwischen Europa und Amerika schaffen. Die beiden Fluggesellschaften arbeiten bereits durch Codeshare-Vereinbarungen zusammen, wodurch sie Flugangebote auf den Strecken des jeweiligen Partners anbieten können. Darüber hinaus führt Binter bereits medizinische Flüge für die Azoren durch, was die bestehenden operationellen Beziehungen unterstreicht.
Die finanzielle Notlage von Azores Airlines
Azores Airlines, die Teil der staatlichen SATA Group ist und die Hauptinsel São Miguel mit dem Festland und Nordamerika verbindet, befindet sich seit Jahren in einer schwierigen finanziellen Lage. Die staatliche portugiesische Regionalfluggesellschaft hat seit 2021 kumulierte Verluste in Höhe von rund 280 Millionen Euro angehäuft. Diese anhaltenden Verluste haben zu einer tiefgreifenden Instabilität im Unternehmen geführt, was sich auch in mehreren Wechseln an der Spitze der Führungsebene in den letzten Jahren widerspiegelt. Die anhaltenden finanziellen Probleme sind auf hohe Betriebskosten, die Herausforderungen der isolierten Lage der Inseln und die geringe Auslastung außerhalb der Hauptreisezeiten zurückzuführen.
Angesichts dieser anhaltenden Defizite hat die Regierung der Autonomen Region der Azoren beschlossen, eine Teilprivatisierung der defizitären Fluggesellschaft anzustreben, um das Unternehmen finanziell zu sanieren und zu stabilisieren. Diese Entscheidung ist Teil eines breiteren Restrukturierungsplans, der von der portugiesischen Zentralregierung gefordert wird, um die finanzielle Last des Regionalflugverkehrs zu reduzieren.
Das Hauptangebot und die Bedingungen der Teilprivatisierung
Der Prozess der Teilprivatisierung hat verschiedene Interessenten auf den Plan gerufen. Das bislang konkreteste Angebot, das von „Preferente“ genannt wird, stammt von der Atlantic Connect Group. Diese Unternehmensgruppe hat 17 Millionen Euro für den Erwerb von 85 Prozent der Anteile an Azores Airlines geboten, was die Mehrheitskontrolle bedeuten würde.
Das Angebot der Atlantic Connect Group ist jedoch an strenge Bedingungen geknüpft. Die Unternehmensgruppe verlangt als Voraussetzung für den Kauf, dass die öffentliche Hand zuvor eine signifikante Schuldenreduzierung vornimmt und die Liquidität des Carriers durch zusätzliche Kapitalzufuhr oder andere Maßnahmen stärkt. Solche Forderungen sind bei der Privatisierung stark defizitärer Staatsunternehmen üblich, da potenzielle Investoren die Risiken des Altgeschäfts minimieren wollen.
Die mögliche Minderheitsbeteiligung von Binter stünde in diesem Kontext. Während Binter primär an der strategischen und operativen Kooperation interessiert ist, könnte ihre Beteiligung – unabhängig vom Ergebnis des Hauptprivatisierungsangebots – eine stabilisierende Wirkung haben und die operationelle Expertise einer erfolgreichen Regionalfluggesellschaft einbringen. Die synergetischen Potenziale zwischen den Kanaren und den Azoren, insbesondere im Bereich der Flottennutzung und des technischen Know-hows, könnten zur dringend benötigten Effizienzsteigerung bei Azores Airlines beitragen. Die Entscheidung der Regionalregierung der Azoren wird zeigen, ob sie bereit ist, die geforderten finanziellen Vorentlastungen zu akzeptieren, um die Zukunft von Azores Airlines in private Hände zu legen und gleichzeitig eine strategische Partnerschaft mit Binter zu ermöglichen.