Die Schweiz, mit ihrer jahrhundertealten Tradition in der Bereitstellung humanitärer Hilfe und als Gründungsort des Roten Kreuzes, wird in Kürze um ein neues Kapitel in ihrer Geschichte der Notfallversorgung reicher. Das in Genf ansässige Unternehmen BlueLight Humanitarian Airlines bereitet sich auf den Betriebsstart vor und möchte eine neue, kommerziell nachhaltige und gleichzeitig streng gemeinnützige Lösung für den Transport von Hilfsgütern und Personal per Flugzeug etablieren.
Das von Pierre Bernheim und Waleed Rawat mitbegründete Unternehmen plant, den Betrieb zunächst mit zwei Airbus A340-300 aufzunehmen. Angesichts von Berichten über ineffiziente und überteuerte Luftfrachtdienste im humanitären Sektor zielt BlueLight darauf ab, feste und deutlich günstigere Preise sowie eine hohe Verfügbarkeit zu gewährleisten. Die Fluggesellschaft ist zwar so konzipiert, dass sie kostendeckend arbeitet, schüttet jedoch keine Gewinne oder Dividenden an Gründer oder Manager aus, um ihre strikt philanthropische Ausrichtung zu sichern.
Ein humanitärer Ansatz aus der Luftfahrt-Expertise
Die Gründung von BlueLight entspringt der tiefen Überzeugung, dass logistische Mängel im Bereich der humanitären Luftfracht behoben werden müssen. Mitbegründer Pierre Bernheim, dessen Leidenschaft für die Luftfahrt von seinem Großvater, dem Gründer der Uhrenmarke Raymond Weil, geweckt wurde, bringt langjährige Erfahrung aus der Luftfahrtverwaltung mit. Bernheim war über 14 Jahre lang Vorstandsmitglied des Flughafens Genf und bekleidete zuletzt die Position des Präsidenten.
Die Initialzündung für BlueLight kam kurz vor dem Ende seiner Präsidentschaft im Jahr 2024, als ein ehemaliger Mitarbeiter des Flughafens, selbst kommerzieller Pilot und erfahrener Helfer in der humanitären Fracht, an ihn herantrat. Dieser schilderte, dass ein erheblicher Teil der Ausschreibungen für humanitäre Luftfracht nicht angemessen bedient werde – entweder seien die Angebote verspätet, überteuert oder die Lieferungen verzögerten sich so stark, dass Hilfsgüter, wie Lebensmittel, verdarben. Bernheim erkannte die Möglichkeit, seine Managementfähigkeiten in dieses Feld einzubringen.
Zusammen mit Waleed Rawat, der als Vizepräsident und Chief Growth Officer für das Marketing und die Expansion zuständig ist, entwickelte Bernheim das einzigartige Geschäftsmodell. Bernheim betont, dass seine Rolle die des Managers sei und er großen Respekt vor den „wahren Humanitären“ habe, denen er seine Fähigkeiten zur Verfügung stellen möchte. Die Gründung in Genf knüpft bewusst an die Tradition der Stadt an, die seit der Gründung des Roten Kreuzes durch Henry Dunant im Jahr 1863 als internationaler Knotenpunkt für humanitäre Aktionen gilt und seit Jahrhunderten verfolgten Menschen Zuflucht bietet, von den Hugenotten im 16. Jahrhundert bis hin zu Flüchtlingen der Weltkriege und des Kalten Krieges.
Ein Geschäftsmodell ohne Gewinnausschüttung
Das finanzielle und operative Modell von BlueLight ist darauf ausgelegt, vollständig selbsttragend und rentabel zu sein, um die Betriebskosten dauerhaft zu decken. Der entscheidende Unterschied zu kommerziellen Frachtfluggesellschaften liegt in der strengen Gemeinnützigkeit: Das Modell verbietet strikt die Ausschüttung von Dividenden an Gründer oder Manager.
Wie Bernheim erklärt, besteht der Zweck darin, „selbstversorgend zu sein: zu fliegen, um Einnahmen zu erzielen und alles zu bezahlen, aber keine Dividenden an Gründer oder Manager.“ Die Anteile der Gesellschaft dürfen nicht verkauft werden. Im Falle des Ablebens eines der Gründer gehen die vollen Kontrollrechte auf den anderen über; sollten beide Gründer ausscheiden, fällt das gesamte Vermögen an eine Stiftung oder an die Regierung von Genf, falls keine andere Zuweisung erfolgt ist.
Dieser Non-Profit-Status, der von Cristian Sutter, dem Leiter des Kabinen-Re-Engineering, näher erläutert wird, bedeutet nicht, dass das Unternehmen die Realität der Luftfahrtindustrie ignoriert. Es benötigt einen nachhaltigen Cashflow und ein robustes Finanzmodell, um die Fixkosten zu decken. Es unterscheidet sich jedoch dadurch, dass es nicht den Erwartungen gewinnorientierter Investoren unterliegt.
BlueLight plant, durch Partnerschaften, etwa mit Treibstoffunternehmen, und eine optimierte Betriebsstruktur Kosten zu senken. Das Unternehmen kalkuliert mit einer festen Kostenwiederherstellungsrate, die etwa 30 Prozent unter dem Marktwert liegt, und strebt an, seine Dienstleistungen 20 bis 30 Prozent günstiger anzubieten als Wettbewerber. Sutter weist darauf hin, dass traditionelle Frachtfluggesellschaften oft Kosten für die Umlenkung bereits vertraglich gebundener Flüge auf humanitäre Missionen aufschlagen, ein Problem, das BlueLight aufgrund seiner spezifischen Ausrichtung nicht hat.
Flottenstrategie: Start mit dem A340-300
BlueLight plant, seinen Betrieb mit zwei Airbus A340-300 aufzunehmen. Diese Langstreckenflugzeuge, von denen Bernheim und Rawat in der vergangenen Woche bereits Akquisitionsgespräche geführt haben, sollen jeweils etwa 900 Flugstunden pro Jahr absolvieren. Diese Stundenzahl korrespondiert mit der maximalen Flugzeit, die eine feste Crew pro Jahr realistischerweise leisten kann.
Das A340-300-Modell wird von BlueLight als idealer Startpunkt für seine spezifischen Anforderungen an Reichweite und Nutzlast betrachtet. Der A340-Markt ist eine Nische, da die Produktion des Quadjets bereits 2005 eingestellt wurde. Die Entscheidung für den Vierstrahler, der einen höheren Treibstoffverbrauch aufweist, bietet jedoch den Vorteil geringerer Einschränkungen bei bestimmten Missionen und ermöglicht eine größere Flexibilität beim Einsatz in entlegenen Regionen. BlueLight nutzt den Gebrauchtflugzeugmarkt und sucht gezielt nach Maschinen, deren Wartungshistorie, beispielsweise durch Joramco, vollständig dokumentiert ist.
Langfristig plant BlueLight eine Flottenerweiterung auf bis zu fünf Flugzeuge, wobei auch Modelle mit geringerer Spannweite, wie der Airbus A330, in Betracht gezogen werden. Der Übergang zum A330 ist strategisch geplant, um die älter werdenden A340-Flugzeuge, deren Alter bei einem nicht-planmäßigen Flugbetrieb weniger kritisch ist, sukzessive zu ersetzen.
Das Einsatzgebiet der Fluggesellschaft ist breit gefächert: Wenn keine akuten Krisen vorliegen, sollen die Flugzeuge für alle Zwecke im Zusammenhang mit der menschlichen Würde eingesetzt werden, darunter medizinische Flüge, Evakuierungen, der Transport von Impfstoffen und Patiententransporte. BlueLight schätzt, dass es mit zwei A340-Flugzeugen einen Jahresumsatz von unter 50 Millionen US-Dollar erzielen wird, wobei der gesamte humanitäre Hilfsmarkt auf etwa eine Milliarde US-Dollar pro Jahr geschätzt wird.
Zukunftsvision: Multimodale Lieferung und UAV-Potenzial
Über den reinen Langstreckentransport hinaus verfolgt BlueLight eine zukunftsorientierte Vision für die gesamte Logistikkette. Das Unternehmen prüft das Potenzial für den Einsatz unbemannter Luftfahrzeuge (UAVs, umgangssprachlich Drohnen) zur Abwicklung der sogenannten „letzten Meile“ der Hilfslieferung in entlegenen oder durch Katastrophen zerstörten Gebieten.
Dieses „Matrjoschka-Konzept“ der Hilfslieferung, wie es intern genannt wird, sieht eine multimodale Strategie vor: der A340 für den Langstreckenflug, möglicherweise der A320 für kleinere Flugfelder und die UAVs für die finale Verteilung. Sutter betont, dass die Infrastruktur nach einer Katastrophe oft fehlt, weshalb ein solches Konzept zur vollständigen und effektiven Versorgung der Betroffenen essenziell sei.
Seit dem öffentlichen Start im Oktober 2025 hat BlueLight eine „unglaubliche“ Resonanz erfahren und bereits 8 Millionen US-Dollar an Unterstützung gesammelt, wobei jedoch weiterhin um zusätzliche Mittel geworben wird. Das Unternehmen hat zudem den französischen Management-Tool-Anbieter Verdeo beauftragt, ein Dashboard zur Verwaltung der Fluggesellschaft zu entwickeln. Diese Plattform soll Transparenz bei der Rückverfolgbarkeit von Spenden und der Verwaltung aller Betriebsdaten wie Passagierzahlen, Frachtgewicht, Treibstoffverbrauch, Flugziele und Reaktionszeiten gewährleisten, was die operative Integrität und Rechenschaftspflicht des gemeinnützigen Modells weiter stärkt.