Boeing 737 Max 200 (Foto: Jan Gruber).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Untersuchung nach Triebwerksabschaltung über Polen: Ungewöhnlicher Vorfall im Cockpit einer Boeing 737 Max

Werbung

Ein Zwischenfall im polnischen Luftraum sorgt derzeit in der Luftfahrtbranche für Aufsehen und wirft Fragen zur Sicherheit sowie zur Ergonomie in Cockpits moderner Verkehrsflugzeuge auf. Am 8. Dezember 2025 kam es kurz nach dem Start einer Boeing 737-8 Max vom Flughafen Krakau zu einer ungeplanten Triebwerksabschaltung. Ersten Berichten zufolge soll eine sich lösende Sonnenblende im Cockpit den Vorfall ausgelöst haben.

Das Flugzeug, das für Ryanair im Rahmen eines Wet-Lease-Verfahrens von Malta Air betrieben wurde, befand sich auf dem Weg nach Mailand-Bergamo, als das Triebwerk des Typs CFM LEAP-1B im Steigflug ausfiel. Trotz der potenziell kritischen Situation gelang es der Besatzung, das Triebwerk in der Luft wieder zu starten und den Flug sicher fortzusetzen. Die maltesische Untersuchungsbehörde für Flugunfälle (BAAI) hat eine offizielle Untersuchung eingeleitet, um den bizarren Hergang zu klären, da Luftfahrtexperten auf die erhebliche räumliche Distanz zwischen den Sonnenblenden und den Triebwerksbedienelementen hinweisen.

Flugverlauf und Notfallmeldung über Krakau

Der Flug FR-3505 hob plangemäß gegen 06:25 Uhr Lokalzeit in Krakau ab. Die Maschine mit der Registrierung 9H-VUE befand sich im Steigflug und passierte gerade eine Höhe von etwa 8.000 Fuß (ca. 2.440 Meter), als die Piloten den Steigvorgang abrupt abbrachen. Laut Daten von Flugverfolgungsdiensten nivellierte die Besatzung das Flugzeug und verblieb zunächst auf der aktuellen Flughöhe, um die Situation zu bewerten.

In dieser Phase setzte die Cockpitbesatzung einen „PAN PAN“-Ruf ab. Im internationalen Flugfunk signalisiert dieser Ruf eine dringende Situation, die jedoch keine unmittelbare Lebensgefahr für die Insassen oder den Verlust des Luftfahrzeugs darstellt – im Gegensatz zum „Mayday“-Ruf. Die Piloten meldeten technische Probleme und begannen mit der Abarbeitung der vorgeschriebenen Checklisten für einen Triebwerksausfall.

Die Rolle der Sonnenblende bei der Triebwerksabschaltung

Besondere Aufmerksamkeit erregt die vom Fachportal The Aviation Herald gemeldete Ursache: Eine im Cockpit montierte Sonnenblende soll sich aus ihrer Verankerung gelöst haben. Im Fall ihres Herabstürzens habe sie unglücklich einen der Triebwerksstarthebel (Engine Start Levers) getroffen und diesen in die „Cutoff“-Position bewegt, was die sofortige Unterbrechung der Kraftstoffzufuhr und damit das Erlöschen des Triebwerks zur Folge hatte.

Dieser Hergang wird in Fachkreisen intensiv diskutiert, da die Konstruktion der Boeing 737 Max eine physische Trennung vorsieht. Die Sonnenblenden sind üblicherweise im oberen Bereich der Windschutzscheibe montiert, während sich die Starthebel auf dem Mittelpodest (Center Pedestal) zwischen den Sitzen der Piloten befinden. Zudem sind diese Hebel so konstruiert, dass sie eine bewusste, mechanische Entriegelung erfordern, bevor sie bewegt werden können. Die Untersuchung wird klären müssen, ob eine mechanische Vorschädigung der Blende oder der Hebelverriegelung vorlag oder ob externe Faktoren die kinetische Energie des herabfallenden Objekts verstärkt haben.

Erfolgreicher Restart und Fortführung des Fluges

Nachdem das Flugzeug eine stabile Höhe von 10.000 Fuß erreicht hatte, gelang es der Besatzung, das betroffene CFM LEAP-1B Triebwerk erfolgreich wieder zu starten. Triebwerke dieser Generation sind für den Neustart während des Fluges zertifiziert, sofern keine mechanischen Schäden am Kern des Aggregats vorliegen. Da die Abschaltung offenbar rein durch die Unterbrechung der Treibstoffzufuhr mittels des Hebels im Cockpit erfolgte, verlief der Restart ohne Komplikationen.

Nachdem alle Systeme wieder ordnungsgemäß arbeiteten, annullierte die Crew den Dringlichkeitsstatus und entschied sich gegen eine Rückkehr nach Krakau. Die Maschine setzte den Flug nach Italien fort und landete rund 90 Minuten später sicher auf dem Flughafen Mailand-Bergamo. Passagiere und Besatzung blieben unverletzt. Nach der Landung wurde das Flugzeug für etwa 50 Stunden aus dem Betrieb genommen, um umfassende technische Inspektionen und Wartungsarbeiten durchzuführen, bevor es wieder in den Liniendienst zurückkehrte.

Behördliche Untersuchung und technische Hintergründe

Die maltesische Untersuchungsbehörde BAAI (Bureau of Air Accident Investigation) hat den Vorfall als schwerwiegendes Ereignis klassifiziert. Im Fokus der Ermittler stehen nun die Auswertungen des Flugdatenschreibers (FDR) und des Stimmenrekorders im Cockpit (CVR). Diese Aufzeichnungen sollen präzise Aufschluss darüber geben, ob akustische Signale oder spezifische Datenänderungen den Kontakt zwischen Sonnenblende und Bedienhebel bestätigen. Zudem werden die Wartungsprotokolle der 9H-VUE geprüft, um festzustellen, ob die Befestigungen der Cockpithardware den Vorschriften entsprachen.

Die Boeing 737 Max ist weltweit mit den effizienten LEAP-1B Triebwerken von CFM International ausgestattet. Inflight-Engine-Shutdowns (IFSD) sind statistisch äußerst selten und unterliegen strengen Meldepflichten. Flugzeughersteller müssen im Rahmen der Zertifizierung nachweisen, dass eine Maschine auch mit nur einem funktionierenden Triebwerk sicher navigiert und gelandet werden kann. Der aktuelle Vorfall ist jedoch untypisch, da er nicht auf ein technisches Versagen des Triebwerks selbst, sondern auf ein Ereignis innerhalb der Kabine zurückzuführen sein soll.

Wet-Lease-Konstellationen im europäischen Luftraum

Der Flug wurde unter der Marke Ryanair durchgeführt, jedoch von Malta Air operiert. Solche Wet-Lease-Arrangements sind in der modernen Luftfahrt üblich, insbesondere um Kapazitätsspitzen abzufangen oder operative Flexibilität zu wahren. Dabei stellt der Betreiber (Malta Air) nicht nur das Flugzeug, sondern auch die Besatzung und ist für die technische Instandhaltung verantwortlich, während die Marketing-Gesellschaft (Ryanair) für den Ticketverkauf und die kommerzielle Abwicklung zuständig ist. Die Untersuchung wird daher auch prüfen, ob die Verfahrensanweisungen der Malta Air für die Sicherung von beweglichen Gegenständen im Cockpit eingehalten wurden.

Ryanair und Malta Air haben sich bisher nicht detailliert zu dem Vorfall geäußert. Die Ergebnisse des vorläufigen Untersuchungsberichts der BAAI werden in den kommenden Monaten erwartet und könnten gegebenenfalls zu technischen Anpassungen oder Sicherheitsanweisungen für alle Betreiber der Boeing 737-Flotte führen, sollte sich der ungewöhnliche Kontakt zwischen Sonnenblende und Triebwerkskontrolle bestätigen.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung