Am 29. Dezember 2025 versammelten sich Angehörige, Regierungsvertreter und Bürger am internationalen Flughafen Muan, um der Opfer des schwersten Flugunglücks in der Geschichte Südkoreas zu gedenken. Genau ein Jahr nach dem Absturz einer Boeing 737-800 der Jeju Air, bei dem 179 Menschen ihr Leben verloren, stand die Zeremonie im Zeichen der Trauer, aber auch der ungelösten Fragen zur Unfallursache.
Während die Familien der Verstorbenen Blumen niederlegten, versprach die politische Führung des Landes eine lückenlose Aufklärung und strukturelle Reformen innerhalb der Flugsicherheitsbehörden. Zeitgleich mit dem Gedenken rückt die Arbeit einer neu eingesetzten parlamentarischen Untersuchungskommission in den Fokus, die klären soll, inwieweit menschliches Versagen oder technische Mängel zu der Katastrophe führten, die nur zwei Passagiere überlebten.
Der Moment des Gedenkens und die staatliche Entschuldigung
Die Gedenkfeier am Flughafen Muan begann exakt um 09:03 Uhr Ortszeit – dem Zeitpunkt, an dem die Maschine vor einem Jahr während eines Notlandungsversuchs mit einem Bahndamm kollidierte. Das Programm umfasste neben rituellen Blumenniederlegungen die Vorführung eines Gedenkvideos, das an die Einzelschicksale der Opfer erinnerte. Südkoreas Präsident Lee Jae Myung übermittelte eine Videobotschaft, in der er sein tiefstes Beileid ausdrückte und sich in seiner Funktion als Staatsoberhaupt förmlich für das Versagen der Sicherheitsstrukturen entschuldigte. Er betonte, dass keine Worte den Verlust der Hinterbliebenen vollständig lindern könnten, die Regierung jedoch alles tun werde, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
In einer begleitenden Erklärung kündigte der Präsident an, die Unabhängigkeit und die fachliche Expertise des Ausschusses für die Untersuchung von Luftfahrt- und Eisenbahnunfällen, kurz ARAIB, massiv zu stärken. Ziel sei es, die Behörde so aufzustellen, dass sie künftig frei von politischem oder wirtschaftlichem Druck agieren könne. Damit reagierte die Regierung auf die Kritik, dass bisherige Sicherheitsaudits und Kontrollmechanismen nicht ausgereicht hätten, um das Unglück zu verhindern. Die Bestrafung der Verantwortlichen und die Implementierung neuer Sicherheitsstandards wurden als einzige Möglichkeit bezeichnet, die Verstorbenen nachhaltig zu ehren.
Ermittlungsstand zwischen Vogelschlag und Pilotenfehler
Die technischen Untersuchungen zum Unfallhergang haben im vergangenen Jahr bereits mehrere Zwischenberichte hervorgebracht, die ein komplexes Bild des Geschehens zeichnen. Ein im Jänner 2025 veröffentlichter vorläufiger Bericht identifizierte einen massiven Vogelschlag unmittelbar nach dem Start als wahrscheinliche Primärursache für den technischen Notfall. Dieser führte zum Ausfall des rechten Triebwerks der Boeing 737-800. Ein weiterer Zwischenbericht der ARAIB vom Juli 2025 brachte jedoch eine folgenschwere Wendung in die Untersuchung. Demnach deuteten Daten aus dem Flugdatenschreiber und dem Stimmenrekorder darauf hin, dass die Besatzung in der Stresssituation des Triebwerksausfalls einen fatalen Fehler begangen haben könnte.
Den Ermittlungen zufolge wurde nach dem Ausfall des rechten Triebwerks fälschlicherweise das verbliebene, voll funktionsfähige linke Triebwerk abgeschaltet. Durch diese fehlerhafte Reaktion verlor das Flugzeug jeglichen Schub. Die Crew befand sich daraufhin in einem antriebslosen Gleitflug und versuchte eine Notlandung, bei der die Maschine mit dem Bauch aufkam, die Landebahn überschoss und schließlich in die Struktur eines lokalen Landekurssenders einschlug. Die Untersuchung konzentriert sich nun darauf, warum die Kommunikation im Cockpit versagte und ob das Training der Piloten für solche Notfallszenarien ausreichend war. Die beiden Überlebenden des Absturzes konnten bisher nur begrenzte Angaben zum Geschehen in der Kabine machen, da der Aufprall und die anschließende Zerstörung des Rumpfes extrem heftig waren.
Politische Konsequenzen und die Einsetzung eines Sonderausschusses
Die Dimension der Katastrophe hat in der südkoreanischen Nationalversammlung zu einem seltenen parteiübergreifenden Konsens geführt. Am 22. Dezember 2025 stimmte das Parlament für die Einsetzung eines unabhängigen Untersuchungsausschusses, der die Arbeit der regulären Unfallermittler ergänzen und kontrollieren soll. Dieser Ausschuss besteht aus 18 Mitgliedern, die sich aus Vertretern der Demokratischen Partei Koreas, der People Power Party und weiteren Abgeordneten zusammensetzen. Die Aufgabe dieses Gremiums besteht darin, nicht nur die technischen Details zu prüfen, sondern auch die institutionelle Verantwortung zu klären.
Es steht die Frage im Raum, ob regulatorische Versäumnisse bei der Überwachung der Wartungsintervalle oder bei der Zertifizierung der Pilotenausbildung vorlagen. Kritiker werfen der Fluggesellschaft Jeju Air vor, in den Jahren vor dem Unglück einen harten Sparkurs gefahren zu sein, der möglicherweise die Sicherheitsmargen belastete. Die Untersuchungskommission hat das Mandat, Zeugen vorzuladen und vertrauliche Dokumente der Airline sowie der Luftfahrtbehörden einzusehen. Ergebnisse dieser Untersuchung werden für das Frühjahr 2026 erwartet und könnten weitreichende Konsequenzen für das Management der Fluggesellschaft und die staatliche Luftfahrtaufsicht haben.
Reaktionen der Hinterbliebenen und gesellschaftliche Bedeutung
Für die Familien der 179 Opfer ist der erste Jahrestag ein schwerer Gang. Viele von ihnen fordern seit Monaten mehr Transparenz und eine schnellere Klärung der Schuldfrage. Die Gründung von Opferschutzverbänden hat dazu geführt, dass der Druck auf die Politik stetig hochgehalten wurde. Bei der Zeremonie in Muan wurde deutlich, dass die Wunden innerhalb der Gesellschaft tief sitzen. Luftverkehr gilt in Südkorea als essentielles Transportmittel zwischen dem Festland und der Urlaubsinsel Jeju, weshalb das Vertrauen in die Sicherheit der Billigflieger durch das Unglück massiv erschüttert wurde.
Der Flughafen Muan, der zum Schauplatz des Unglücks wurde, dient nun als Mahnmal. Die technische Untersuchung der Wrackteile ist zwar weitgehend abgeschlossen, doch die juristische Aufarbeitung steht erst am Anfang. Experten weisen darauf hin, dass die Identifizierung der Verantwortung bei komplexen Unfällen, in denen sowohl technische Defekte als auch menschliches Handeln eine Rolle spielen, oft Jahre dauern kann. Die Zusage von Präsident Lee, die Expertise der Ermittlungsbehörden zu modernisieren, wird als notwendiger Schritt gesehen, um das Vertrauen der Passagiere in den heimischen Flugmarkt zurückzugewinnen.
Technologische Modernisierung der Flugsicherung
Als direkte Reaktion auf den Absturz wurden landesweit neue Protokolle für das Risikomanagement bei Vogelschlag an Flughäfen eingeführt. Es wird verstärkt in Radar- und KI-gestützte Überwachungssysteme investiert, die Vogelschwärme frühzeitig erkennen und Flugbewegungen entsprechend umleiten sollen. Zudem haben mehrere südkoreanische Airlines ihre Simulatortrainings angepasst, um das Szenario eines Triebwerksausfalls in Bodennähe unter erschwerten Bedingungen intensiver zu trainieren. Die Erkenntnisse aus dem Absturz der Jeju Air fließen somit direkt in die operative Sicherheit des gesamten südkoreanischen Luftraums ein.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Versprechen der Politik in konkrete Gesetzesänderungen münden. Die Hinterbliebenen haben angekündigt, den parlamentarischen Prozess genau zu beobachten. Für sie ist die vollständige Offenlegung der Ereignisse vom 29. Dezember 2024 die Voraussetzung für einen Abschluss. Die Katastrophe von Muan bleibt eine Zäsur für das Land, die die Sicherheitskultur in der Luftfahrt nachhaltig verändern wird.