Ein folgenschwerer Zwischenfall in der US-Luftfahrtgeschichte hat nun eine neue juristische Eskalationsstufe erreicht. Knapp zwei Jahre nach dem dramatischen Druckverlust an Bord einer Boeing 737 Max 9 der Alaska Airlines hat der verantwortliche Flugkapitän Brandon Fisher eine umfassende Klage gegen den Flugzeughersteller Boeing eingereicht.
Am 30. Dezember 2025 reichte Fisher die Klageschrift beim Circuit Court des Staates Oregon für das Multnomah County ein und fordert Schadensersatz in Höhe von zehn Millionen US-Dollar. Im Kern des Verfahrens steht der Vorwurf, Boeing habe nicht nur durch Produktionsfehler das Leben der Insassen gefährdet, sondern im Nachgang versucht, die Verantwortung für den Beinahe-Absturz durch gezielte Falschaussagen auf die Cockpitbesatzung abzuwälzen. Der Vorfall, bei dem am 5. Januar 2024 ein sogenannter Türstopfen (Door Plug) während des Steigflugs aus dem Rumpf gerissen wurde, hatte weltweit Schlagzeilen gemacht und die Boeing-Sicherheitskultur erneut unter scharfe Kritik gestellt.
Kapitän Fisher und seine Co-Pilotin Emily Wiprud galten in der öffentlichen Wahrnehmung zunächst als Helden, da sie das schwer beschädigte Flugzeug sicher zurück zum Flughafen Portland führten. Doch laut der aktuellen Klageschrift habe Boeing hinter den Kulissen ein anderes Narrativ verfolgt. Der Hersteller soll versucht haben, Fehler der Piloten zu konstruieren, um von den eigenen systemischen Mängeln in der Fertigung abzulenken. Fisher gibt an, dass Boeing-Vertreter fälschlicherweise behaupteten, Handlungen der Crew hätten zum Versagen des Bauteils beigetragen oder die Situation verschlimmert. Diese Darstellungen seien von zahlreichen Medien aufgegriffen worden und hätten seinen Ruf in der Branche nachhaltig beschädigt sowie massive psychische Belastungen ausgelöst. Anstatt die fliegerische Leistung zu würdigen, die eine Katastrophe verhinderte, habe Boeing die Piloten als Sündenböcke missbraucht, so die Argumentation der Klägerseite.
Systemische Versäumnisse in der Produktion und Aufsicht
Die Klage des Kapitäns erfolgt vor dem Hintergrund belastender Untersuchungsergebnisse. Der Abschlussbericht des National Transportation Safety Board (NTSB) vom Juli 2025 kam zu einem eindeutigen Schluss: Die Hauptursache für das Unglück lag in fehlgeschlagenen Qualitätskontrollen und mangelhafter Ausbildung des Personals in den Boeing-Werken. Konkret wurden vier entscheidende Sicherungsbolzen, die den Türstopfen fixieren sollten, nach Wartungsarbeiten in der Endmontage in Renton schlichtweg nicht wieder eingesetzt. Die Ermittler stellten fest, dass Boeing es versäumt hatte, angemessene Leitlinien und Überwachungsmechanismen bereitzustellen, um sicherzustellen, dass kritische Komponenten nach ihrer Entfernung wieder ordnungsgemäß montiert werden.
Ebenso geriet die US-Luftfahrtbehörde FAA in das Visier der Ermittler. Der NTSB-Bericht rügte eine ineffektive Aufsicht und mangelhafte Auditplanung seitens der Behörde. Man habe es über Jahre versäumt, repetitive und systemische Probleme im Werk Renton zu identifizieren, obwohl es bereits zuvor Hinweise auf Qualitätsmängel gegeben hatte. Dieser Befund stützt Fishers Klage indirekt, da er belegt, dass die strukturellen Defizite des Flugzeugs lange vor dem Start von Flug 1282 existierten und in keinem Zusammenhang mit der Leistung der Piloten im Cockpit standen.
Sammelklagen der Kabinenbesatzung und psychische Langzeitfolgen
Neben Kapitän Fisher haben bereits im August 2025 vier Mitglieder der Kabinenbesatzung – Adam Fisher, Michelle Hughes, Steven Maller und Christine Vasconcellos – individuelle Klagen gegen Boeing eingereicht. Sie machen permanente körperliche und psychische Schäden geltend, die durch die explosive Dekompression in rund 5.000 Metern Höhe verursacht wurden. Die Schilderungen der Flugbegleiter zeichnen ein düsteres Bild: Michelle Hughes berichtete, dass das Ereignis ihr Berufs- und Privatleben tiefgreifend beeinträchtigt habe und die Rückkehr in den Dienst kaum vorstellbar sei. Vasconcellos betonte, dass der Vorfall niemals hätte passieren dürfen und sie nun Gerechtigkeit fordere, um den Luftraum wieder zu einem sicheren Ort zu machen.
Ihre Anwältin Tracy Brammeier argumentiert, dass die nachgewiesene Fahrlässigkeit in der Produktion eine direkte Ursache für die traumatischen Erlebnisse der Crew war. Der plötzliche Druckabfall saugte Gegenstände aus der Kabine und riss Kleidung von den Passagieren; nur durch glückliche Umstände wurden die direkt neben der Öffnung befindlichen Sitze nicht von Personen belegt. Die psychischen Folgen dieses „Survivor Guilt“ und der posttraumatischen Belastungsstörungen stehen im Zentrum der Forderungen, da Boeing laut Klägern die langfristigen Auswirkungen auf die Mitarbeiter unterschätzt habe.
Wirtschaftliche und regulatorische Konsequenzen für Boeing
Für den Flugzeuggiganten Boeing kommt die Klagewelle zu einem kritischen Zeitpunkt. Seit dem Zwischenfall steht das Unternehmen unter verschärfter Beobachtung durch die FAA und musste die Produktionsraten der 737 Max massiv drosseln, um neue Qualitätssicherungssysteme zu implementieren. Das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Fluggesellschaften in die Modellreihe ist erneut erschüttert, nachdem bereits die Abstürze in den Jahren 2018 und 2019 zu einem weltweiten Flugverbot geführt hatten. Die aktuelle Klage von Kapitän Fisher wiegt schwer, da sie Boeing nicht nur technische Fehler vorwirft, sondern eine bewusste Täuschung und Diffamierung der eigenen Kunden – in diesem Fall der Piloten der Alaska Airlines.
Boeing hat sich zu den laufenden Verfahren bisher nur zurückhaltend geäußert und verweist auf die Kooperation mit den Behörden sowie die Umsetzung strengerer Sicherheitsmaßnahmen. Doch die Forderung von zehn Millionen Dollar durch einen erfahrenen Kapitän, der das Unternehmen als „lebensverändernd geschädigt“ beschreibt, erhöht den Druck auf das Management. Es geht in diesem Prozess nicht mehr nur um technische Reparaturen, sondern um die moralische Integrität des Konzerns gegenüber jenen Menschen, die tagtäglich die Verantwortung für die Sicherheit der Passagiere in den von Boeing gebauten Maschinen tragen. Die juristische Aufarbeitung wird voraussichtlich noch Jahre in Anspruch nehmen und könnte weitere Details über die interne Kommunikation bei Boeing ans Licht bringen.