Die Verhandlungen zwischen dem ungarischen Billigflugriesen Wizz Air und dem israelischen Verkehrsministerium steuern auf eine entscheidende Phase zu. Am 26. Jänner 2026 wird der CEO des Unternehmens, József Váradi, erneut in Israel erwartet, um die Gründung einer operativen Basis voranzutreiben.
Während das Ministerium auf sinkende Ticketpreise und eine verstärkte Anbindung des Landes hofft, werfen geopolitische Unsicherheiten und komplexe regulatorische Forderungen Schatten auf den Milliarden-Deal. Im Kern der Debatte steht die Frage, wie sich eine europäische Fluggesellschaft in einem potenziellen Kriegszustand verhalten muss. Die israelische Regierung fordert eine Einsatzgarantie für Notfälle, während Wizz Air auf die Einhaltung europäischer Richtlinien pocht. Die kommenden Gespräche werden zeigen, ob der geplante Starttermin im März oder April 2026 gehalten werden kann oder ob die Verhandlungen an den harten Sicherheitsanforderungen der Region scheitern.
Expansion trotz geopolitischer Risiken
Wizz Air verfolgt in Israel ambitionierte Ziele. Mit einer geplanten Investition von rund einer Milliarde US-Dollar über die nächsten drei Jahre beabsichtigt die Fluggesellschaft, bis zu zehn Flugzeuge fest am Flughafen Ben Gurion oder dem Flughafen Ramon im Süden des Landes zu stationieren. Durch diesen Schritt könnte das Streckennetz auf bis zu 50 Routen verdoppelt werden, was Schätzungen zufolge etwa 4.000 neue Arbeitsplätze schaffen würde. Für die israelische Bevölkerung würde dies eine deutliche Entlastung bei den Reisekosten bedeuten, da der Wettbewerb auf Strecken nach Europa, in den Kaukasus und die Golfstaaten massiv zunehmen würde.
Doch der Zeitpunkt der Expansion fällt in eine Phase hoher regionaler Spannungen. In den jüngsten Vorverhandlungen wurde deutlich, dass Israel von Wizz Air weit mehr erwartet als nur einen regulären Flugbetrieb. Das Verkehrsministerium fordert, dass die Fluggesellschaft im Falle eines militärischen Konflikts – etwa mit dem Iran – ihren Betrieb nicht wie andere ausländische Carrier einstellt. Stattdessen solle Wizz Air dazu verpflichtet werden, israelische Staatsbürger gegen eine festgelegte Gebühr ins Land zurückzubringen, ähnlich wie es die nationalen Fluggesellschaften El Al, Israir und Arkia praktizieren.
Das Dilemma zwischen Souveränität und EU-Recht
Für den Wizz-Air-Chef József Váradi stellt diese Forderung eine erhebliche Hürde dar. Bei seinem letzten Besuch stellte er klar, dass Wizz Air als ungarisches Unternehmen primär den Vorschriften der Europäischen Union und der europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA untersteht. Diese Regularien verpflichten Fluggesellschaften dazu, Sicherheitsrisiken individuell und unabhängig zu bewerten. In der Vergangenheit führte dies bei Kriegen oder Raketenangriffen regelmäßig dazu, dass ausländische Airlines den Flugverkehr nach Tel Aviv aus Sicherheitsgründen binnen Stunden komplett einstellten, während israelische Maschinen unter dem Schutz militärischer Abwehrsysteme weiterflogen.
Israel bietet im Gegenzug an, Wizz Air bevorzugte Start- und Landerechte (Slots) einzuräumen, die normalerweise nur nationalen Anbietern vorbehalten sind. Diese sogenannten Seventh-Freedom-Rechte würden es der Airline ermöglichen, Flüge direkt in Israel zu beginnen und zu beenden, ohne dass die Maschinen zuvor einen europäischen Heimatflughafen anlaufen müssen. Dennoch bleibt die rechtliche Bindung an Brüsseler Vorgaben das Hauptargument der Airline gegen eine bedingungslose Fortführung des Betriebs in Krisenzeiten.
Widerstand der heimischen Konkurrenz
Nicht nur die Sicherheitslage kompliziert das Vorhaben. Die israelischen Fluggesellschaften beobachten die Pläne mit großem Misstrauen. Sie sehen in der Ansiedlung von Wizz Air einen unlauteren Wettbewerb. Ihr Hauptargument: Israelische Airlines sind durch nationale Sicherheitsauflagen und die Beschäftigung von lokalem Personal, das oft Reservedienst im Militär leistet, mit deutlich höheren Betriebskosten belastet. Würde Wizz Air die gleichen operativen Freiheiten erhalten, ohne die gleichen regulatorischen Lasten zu tragen, fürchten El Al und Co. um ihre Existenzgrundlage.
Dieser Unmut der lokalen Branche scheint den CEO von Wizz Air jedoch eher anzuspornen. Váradi sieht in der Marktöffnung eine Chance, veraltete Strukturen aufzubrechen. Gleichzeitig nutzt er den Druck des Verkehrsministeriums, das händeringend nach Lösungen sucht, um die hohen Lebenshaltungskosten im Land durch günstigere Flugtarife zu senken. Die Tatsache, dass Billigkonkurrenten wie Ryanair den Flugbetrieb nach Israel aufgrund hoher Flughafengebühren zeitweise ausgesetzt haben, stärkt die Verhandlungsposition von Wizz Air als verlässlicherer Partner.
Sackgasse oder Durchbruch Ende Jänner?
Insider berichten derzeit von einer Sackgasse in den Gesprächen. Das Verkehrsministerium beharrt auf der „Nationalen Resilienz“ – also der Fähigkeit, die Luftbrücke ins Ausland auch unter Beschuss aufrechtzuerhalten. Wizz Air hingegen kann keine Versprechen abgeben, die gegen EU-Sicherheitsstandards verstoßen könnten. Das Treffen am 26. Jänner wird daher als Schicksalstag für den Deal gewertet.
Sollte keine Einigung erzielt werden, könnte das gesamte Milliardenprojekt kippen. Dies wäre ein herber Rückschlag für die israelische Verkehrspolitik, die darauf setzt, den Flughafen Ben Gurion wieder zu einem internationalen Drehkreuz zu machen. Für Wizz Air wiederum geht es um den Zugang zu einem der lukrativsten Märkte der Region. Die kommenden zwei Wochen werden zeigen, ob technokratische Flexibilität oder nationale Sicherheitsbedenken die Oberhand behalten.