Ein beispielloser Vorfall im operativen Flugbetrieb sorgt derzeit in der britischen Luftfahrtbranche für Aufsehen und wirft grundlegende Fragen zur Sicherheit und Protokollführung bei der Passagierabfertigung auf.
Am Montagmorgen, den 19. Januar 2026, wurden 35 rechtmäßig eingecheckte Fluggäste der Fluggesellschaft Jet2 am Flughafen Manchester (MAN) in einem Treppenhaus eingeschlossen, während ihre Maschine ohne sie in Richtung Spanien abhob. Trotz korrekter Pass- und Boardingpass-Kontrolle am Gate bemerkte weder das Bodenpersonal noch die Besatzung an Bord das Fehlen einer so erheblichen Anzahl an Passagieren. Die Betroffenen, die für den Flug LS879 zum Flughafen Alicante-Elche (ALC) gebucht waren, verbrachten rund 40 Minuten in einem abgesperrten Bereich, bevor sie über den Abflug ihres Flugzeugs informiert wurden. Die Fluggesellschaft hat eine dringende Untersuchung eingeleitet, um zu klären, wie ein Airbus A321neo trotz einer Differenz von 35 Personen zwischen der Gate-Liste und der tatsächlichen Bordpräsenz die Startfreigabe erhalten konnte.
Ablauf des Boarding-Prozesses und die Entstehung der Blockade
Der Vorfall ereignete sich während der regulären Abfertigung des morgendlichen Fluges nach Alicante, einer der am stärksten frequentierten Strecken für britische Urlaubsreisende. Laut Zeugenberichten verlief der Prozess am Gate zunächst nach den standardisierten Vorgaben. Das Personal rief die Passagiere in Gruppen entsprechend ihrer Sitzreihen auf, scannte die Dokumente und wies den Weg in Richtung des Flugzeugs. Eine Gruppe von 35 Personen folgte daraufhin der Beschilderung und den Anweisungen in ein Treppenhaus, das direkt zum Vorfeld oder zu einem Transferbus führen sollte.
Dort angekommen, fanden die Reisenden jedoch verschlossene Sicherheitstüren vor. Da der Zugang zum Gate-Bereich hinter ihnen ebenfalls verriegelt war, befand sich die Gruppe in einem isolierten Raum ohne Anwesenheit von Aufsichtspersonal. Die Passagiere gingen davon aus, dass es sich um eine kurze Verzögerung handelte und ein Bus sie in Kürze abholen würde. Währenddessen schloss das Personal am Flugzeug die Türen und leitete den Pushback-Vorgang ein. Erst als ein Flughafenmitarbeiter zufällig von der Luftseite aus das Treppenhaus betrat, wurde das Verschwinden der Gruppe bemerkt. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Maschine bereits auf dem Weg zur Startbahn.
Kritik am Sicherheitsmanagement und fehlende Zählkontrollen
Der Vorfall hat eine Debatte über die Zuverlässigkeit der Abgleichverfahren zwischen Flughafenbetreibern und Fluggesellschaften ausgelöst. Einer der betroffenen Passagiere äußerte gegenüber Medienvertretern seine Fassungslosigkeit darüber, dass kein physischer Abgleich der Passagierzahlen (Headcount) an Bord stattfand. Es sei unverständlich, dass ein erfahrener Kapitän und seine Crew nicht bemerkten, dass das Flugzeug bei einer Kapazität von über 200 Sitzen um 35 Plätze leichter war als im Ladeplan vorgesehen.
In der modernen Luftfahrt werden Passagierdaten digital erfasst, sobald das Boardingpass-Scanning am Gate erfolgt. Diese Daten werden an das System der Airline übermittelt. Üblicherweise erfolgt an Bord eine manuelle oder automatisierte Zählung durch das Kabinenpersonal, um sicherzustellen, dass die Anzahl der eingestiegenen Personen mit der Liste des Bodenpersonals übereinstimmt. Warum diese Redundanz im aktuellen Fall versagte, ist Kern der laufenden Ermittlungen. Branchenexperten weisen darauf hin, dass ein solcher Fehler nicht nur logistische, sondern auch sicherheitsrelevante Implikationen hat, da das Gewicht und die Trimmung des Flugzeugs auf exakten Passagierzahlen basieren.
Reaktionen der Fluggesellschaft und des Flughafenbetreibers
Jet2 bestätigte den Vorfall umgehend und bezeichnete ihn als absolut außergewöhnlich. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte, dass man gemeinsam mit dem Flughafen Manchester an einer lückenlosen Aufklärung arbeite. Priorität habe zunächst die Betreuung der gestrandeten Kunden gehabt, die auf spätere Flüge umgebucht wurden. Ersten Indizien zufolge könnte eine fehlerhafte Absperrung im Treppenhaus durch das Bodenpersonal des Flughafens die Hauptursache für die Irreführung der Passagiere gewesen sein.
Der Flughafen Manchester steht ebenfalls unter Druck, da die bauliche Sicherung von Fluchtwegen und Boarding-Zonen strengen Protokollen unterliegt. Es müsse geklärt werden, warum ein Bereich, der nicht unmittelbar zur Beladung bereitstand, für eine so große Gruppe zugänglich war. Für Jet2 ist dieser Vorfall besonders ungelegen, da sich die Airline mitten in einer Phase massiver Flottenexpansion befindet. Mit dem Einsatz des neuen Airbus A321neo setzt das Unternehmen auf höhere Kapazitäten und gesteigerte Effizienz, was jedoch eine fehlerfreie Bodenlogistik voraussetzt.
Historische Parallelen und strukturelle Risiken im Billigflugsektor
Obwohl Jet2 betont, dass ein solcher Vorfall in der Unternehmensgeschichte noch nie vorgekommen ist, gibt es in der Branche ähnliche Präzedenzfälle. Im Jahr 2022 wurden 14 Passagiere einer anderen Fluggesellschaft am Flughafen Palma de Mallorca zurückgelassen, nachdem sie vergeblich auf einen Shuttlebus gewartet hatten. Diese Vorfälle verdeutlichen die Risiken in einem Marktumfeld, das durch extrem kurze Bodenzeiten (Turnaround-Times) und hohen Kostendruck geprägt ist.
Um die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Rivalen wie Ryanair oder easyJet zu wahren, müssen Abläufe am Boden so schnell wie möglich abgewickelt werden. Dies erhöht die Fehleranfälligkeit, wenn Kommunikationswege zwischen Gate-Personal, Busfahrern und der Flugzeugbesatzung nicht eindeutig definiert sind. Die Untersuchung wird zeigen, ob der Zeitdruck am Montagmorgen dazu führte, dass die notwendige Sorgfalt beim Abgleich der Passagierlisten vernachlässigt wurde.
Zukunftsaussichten und Flottenmodernisierung bei Jet2
Trotz des operativen Fehlers hält Jet2 an seinen ehrgeizigen Wachstumsplänen fest. Das Unternehmen bereitet sich auf den bisher größten Sommerflugplan seiner Geschichte vor. Ein zentraler Bestandteil dieser Strategie ist die Eröffnung einer neuen Basis am Flughafen London Gatwick im März 2026. Dort sollen sechs der neuen Airbus A321neo stationiert werden, um 29 Ziele in ganz Europa zu bedienen. Das Unternehmen hat insgesamt über 150 Flugzeuge der A320neo-Familie bestellt, um seine Kapazitäten im Bereich der Urlaubsreisen massiv auszubauen.
Diese Investitionen unterstreichen das Vertrauen der Airline in die anhaltend hohe Nachfrage nach Flugreisen. Um das Vertrauen der Kunden nach dem Vorfall in Manchester zurückzugewinnen, wird Jet2 voraussichtlich die Schulungsprogramme für das Bodenpersonal verschärfen und technische Lösungen evaluieren, die einen automatisierten Abgleich zwischen Gate-Scans und Bordpräsenz in Echtzeit ermöglichen. Der Vorfall dient als Mahnung, dass technischer Fortschritt in der Luft durch exzellente operative Prozesse am Boden flankiert werden muss, um die Integrität des Reiseerlebnisses zu wahren.