Der Flughafen München und die Deutsche Lufthansa AG bereiten sich auf eine massive Kapazitätserweiterung vor, um dem prognostizierten Anstieg des internationalen Passagieraufkommens gerecht zu werden. Im Zentrum der strategischen Überlegungen steht die Reaktivierung des sogenannten T-Stiels, eines Erweiterungsprojekts für den bestehenden Satellitenterminal des Terminal 2. Nach einer mehrjährigen Unterbrechung durch die globale Pandemie wurden die Planungen nun offiziell wieder aufgenommen.
Das Vorhaben zielt darauf ab, die Kapazität des durch ein Joint Venture betriebenen Terminalbereichs um zusätzliche zehn Millionen Passagiere pro Jahr zu steigern. Diese Maßnahme ist ein zentraler Baustein der neuen Mainline-Strategie der Lufthansa, die den Fokus verstärkt auf interkontinentale Langstreckenverbindungen legt. Da die Flottenplanung des Konzerns einen deutlichen Zuwachs an Großraumflugzeugen vorsieht, stoßen die aktuellen Abfertigungsflächen an ihre operativen Grenzen. Neben München wird auch am Standort Frankfurt an einer ähnlichen Kapazitätsausweitung gearbeitet, wobei Lufthansa auch dort eine engere operative Partnerschaft mit dem Flughafenbetreiber Fraport anstrebt, um die logistische Effizienz an ihren deutschen Drehkreuzen langfristig zu sichern.
Historie und Reaktivierung des Ausbaukonzepts
Die Zusammenarbeit zwischen der Flughafen München GmbH (FMG) und der Lufthansa am Terminal 2 gilt in der Luftfahrtbranche als beispielhaft. Das Terminal wird in einem Joint Venture betrieben, an dem die FMG 60 Prozent und die Lufthansa 40 Prozent der Anteile halten. Bereits im Jahr 2016 wurde mit der Inbetriebnahme des ersten Satellitengebäudes ein wichtiger Meilenstein erreicht, der die Kapazität des Terminals von ursprünglich 25 auf 36 Millionen Passagiere pro Jahr erhöhte. Doch schon kurz nach der Eröffnung zeichnete sich ab, dass diese Erweiterung angesichts der Wachstumspläne der Star Alliance und der Lufthansa nicht dauerhaft ausreichen würde.
Im Jahr 2019 unterzeichneten die Partner eine Absichtserklärung für den Bau des T-Stiels. Dabei handelt es sich um einen neuen Gebäudekomplex, der im rechten Winkel vom bestehenden Satelliten nach Osten abgehen soll. Die Pandemie im Jahr 2020 zwang die Verantwortlichen jedoch dazu, sämtliche Expansionsprojekte vorerst auf Eis zu legen. Mit der vollständigen Erholung des Luftverkehrsmarktes und der Vorstellung der neuen Konzernstrategie im Herbst 2025 wurde das Projekt nun aus der Schublade geholt. Der Flughafen München bestätigte offiziell, dass man sich derzeit in einem frühen Planungsstadium befinde, um die baulichen und logistischen Voraussetzungen für den neuen Gebäudeast zu schaffen.
Die strategische Neuausrichtung der Lufthansa
Hinter dem Ausbauwunsch steht eine fundamentale Verschiebung in der Geschäftsstrategie der Lufthansa. Auf einem Kapitalmarkttag Ende September 2025 schwor das Management seine Investoren auf ein asynchrones Flottenwachstum ein. Während die Flotte für Kurz- und Mittelstreckenverbindungen auf dem aktuellen Niveau stabilisiert werden soll, investiert der Konzern massiv in die Modernisierung und Vergrößerung seiner Langstreckenflotte. Neue Flugzeugtypen wie die Boeing 777-9 und zusätzliche Einheiten des Airbus A350 sollen das Angebot auf den profitablen Interkontinentalrouten deutlich ausbauen.
Dieser Fokus auf die Langstrecke erfordert entsprechende Infrastrukturen an den Bodenstandorten. Großraumflugzeuge benötigen mehr Platz an den Gates, komplexere Abfertigungsprozesse und leistungsfähigere Transitbereiche für Umsteigepassagiere. Aus Konzernkreisen verlautet, dass Lufthansa ohne die Realisierung des T-Stiels am Standort München spätestens ab dem Jahr 2030 an harte Kapazitätsgrenzen stoßen würde. Dies würde nicht nur die Pünktlichkeit gefährden, sondern auch das geplante Wachstum im lukrativen Markt für Fernreisen nach Nordamerika und Asien bremsen.
Bauliche Details und betriebliche Vorteile des T-Stiels
Das Konzept des T-Stiels sieht eine bauliche Erweiterung vor, die direkt an den bestehenden Satelliten andockt. Durch die Form eines T-Stücks entstehen zahlreiche neue Parkpositionen für Flugzeuge, die direkt über Fluggastbrücken erreichbar sind. Ein wesentlicher Vorteil dieses Konzepts ist die Nutzung der bereits vorhandenen unterirdischen Infrastruktur. Das Personenbeförderungssystem (PTS), ein fahrerloser Tunnelzug, der das Hauptgebäude des Terminals 2 mit dem Satelliten verbindet, ist bereits für eine Erweiterung der Passagierströme ausgelegt.
Durch die Erweiterung um zehn Millionen Passagiere würde die Gesamtkapazität des von Lufthansa genutzten Bereichs auf rund 46 Millionen Reisende pro Jahr steigen. Dies ermöglicht eine effizientere Bündelung der Allianz-Partner unter einem Dach und optimiert die Umsteigezeiten, was für die Attraktivität des Drehkreuzes München im internationalen Vergleich entscheidend ist. Zudem bietet das neue Gebäude Raum für moderne Lounge-Bereiche und verbesserte Abfertigungstechnologien, wie etwa biometrische Boarding-Verfahren, die den Durchlauf der Passagiere beschleunigen sollen.
Parallelen zum Standort Frankfurt
München ist jedoch nicht der einzige Standort, an dem Lufthansa eine Ausweitung ihrer Machtbasis anstrebt. Auch am Drehkreuz Frankfurt (FRA) laufen intensive Gespräche über die künftige Gestaltung der Terminalnutzung. Dort verfolgt der Flughafenbetreiber Fraport das Ziel, die Terminals 1 und 2 zu einem zusammenhängenden Bereich für die Lufthansa und ihre Partner der Star Alliance umzugestalten. In diesem Zuge sollen Kapazitäten für zusätzliche zwölf Millionen Passagiere geschaffen werden.
In Frankfurt strebt die Lufthansa ein ähnliches Mitbetreibermodell an, wie es sich in München bereits seit über zwei Jahrzehnten bewährt hat. Ziel ist es, direkten Einfluss auf die Gestaltung der Prozesse und die Qualität der Passagierabfertigung zu nehmen. Diese enge Verzahnung zwischen Fluglinie und Flughafenbetreiber gilt als strategischer Vorteil gegenüber Mitbewerbern, die als reine Mieter weniger Mitspracherecht bei infrastrukturellen Entscheidungen haben. Die Verhandlungen mit Fraport über ein mögliches Joint Venture gelten als komplex, werden aber durch den Erfolg des Münchner Modells gestützt.
Herausforderungen und Zeitplan
Obwohl die Entscheidung zur Reaktivierung gefallen ist, stehen die Partner vor erheblichen Herausforderungen. Die Baupreise im Infrastruktursektor sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen, und die Gewinnung von qualifizierten Fachkräften für Großbaustellen bleibt schwierig. Zudem müssen die Baumaßnahmen bei laufendem Betrieb stattfinden, was eine präzise logistische Planung erfordert, um Beeinträchtigungen für die Passagiere so gering wie möglich zu halten.
Ein konkreter Termin für den Baubeginn des T-Stiels wurde noch nicht kommuniziert. Da sich das Projekt im frühen Stadium befindet, stehen zunächst die Genehmigungsverfahren und die detaillierte Kostenkalkulation an. Experten gehen jedoch davon aus, dass erste sichtbare Arbeiten gegen Ende der 2020er Jahre beginnen könnten, um die angestrebte Fertigstellung bis 2030 zu gewährleisten. Für den Flughafen München bedeutet dieses Projekt die Sicherung seiner Position als eines der führenden Luftfahrt-Drehkreuze in Europa und eine langfristige Standortgarantie durch seinen wichtigsten Partner.
Wirtschaftliche Bedeutung für die Region
Der Ausbau des Flughafens ist nicht nur eine strategische Entscheidung für die Luftfahrtindustrie, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für den Standort Bayern. Die Erweiterung schafft Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft und langfristig hunderte Stellen im Flughafenbetrieb, in der Gastronomie und im Bodenverkehrsdienst. Ein leistungsfähiges Drehkreuz ist zudem eine Grundvoraussetzung für die Ansiedlung international agierender Unternehmen in der Metropolregion München, die auf eine exzellente weltweite Anbindung angewiesen sind.
Lufthansa und die FMG setzen mit der Reaktivierung des T-Stiels ein klares Signal für die Zukunft des Luftverkehrsstandorts Deutschland. In einem zunehmend globalisierten Wettbewerb zwischen den großen Drehkreuzen wie Dubai, Istanbul oder London Heathrow ist eine moderne und kapazitätsstarke Infrastruktur der entscheidende Faktor. Mit der neuen Fokusverschiebung auf die Langstrecke und der entsprechenden baulichen Erweiterung wappnet sich München für die nächste Dekade des internationalen Flugverkehrs.