Der irische Luftfahrtkonzern Ryanair leitet eine signifikante Neuausrichtung seines Engagements auf dem österreichischen Markt ein. Wie die Unternehmensführung im Rahmen eines Besuchs in Wien bestätigte, wird das Angebot im kommenden Sommerflugplan massiv zusammengestrichen. Insgesamt fallen neun Flugverbindungen weg, was einem Verlust von rund einer Million Sitzplätzen entspricht. Die Entscheidung ist die direkte Folge eines bereits angekündigten Abzugs von fünf stationierten Flugzeugen, wodurch die Flottenstärke an der Basis Wien-Schwechat von 19 auf 14 Maschinen schrumpft. In Klagenfurt fällt die Alicante-Strecke weg.
Hintergrund dieser drastischen Maßnahme ist ein schwelender Konflikt zwischen der Billigfluggesellschaft und der österreichischen Bundespolitik über die Standortkosten, insbesondere die nationale Flugabgabe. Während das Unternehmen im Falle einer Gebührensenkung Milliardeninvestitionen und eine Verdopplung der Passagierzahlen in Aussicht stellt, führt die aktuelle Kostenstruktur zu einer Abwanderung von Kapazitäten in profitablere Märkte. Diese Entwicklung trifft nicht nur den Flughafen Wien, sondern zeigt auch Auswirkungen an den Regionalstandorten Linz, Salzburg und Klagenfurt.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und der Streit um die Ticketsteuer
Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die österreichische Flugabgabe, die derzeit mit zwölf Euro pro Ticket auf der Kurzstrecke zu Buche schlägt. Für eine Airline, deren Geschäftsmodell auf extrem niedrigen Basispreisen und hoher Volumeneffizienz basiert, stellt diese Abgabe einen erheblichen Kostenfaktor dar. Michael O’Leary, Chef der Ryanair-Gruppe, sparte bei seiner Kritik nicht mit deutlichen Worten und bezeichnete die Steuer als Hindernis für das wirtschaftliche Wachstum des Standorts. Nach Berechnungen der Airline nimmt der Staat jährlich rund 170 Millionen Euro über diese Abgabe ein. O’Leary argumentiert jedoch, dass dieser Betrag im Verhältnis zum Gesamtbudget gering sei, während der volkswirtschaftliche Schaden durch wegfallende Touristen und Arbeitsplätze deutlich schwerer wiege.
Die Konzernleitung verknüpft künftige Investitionen explizit mit einer politischen Kursänderung. Sollte die Flugabgabe gestrichen werden, verspricht Ryanair eine Aufstockung der Passagierzahlen auf zwölf Millionen bis zum Jahr 2030 sowie Investitionen in Höhe von einer Milliarde Euro in Österreich. Andreas Gruber, Geschäftsführer der Tochtergesellschaft Lauda, unterstrich, dass das Angebot zur Expansion weiterhin bestehe, die Flugzeuge jedoch derzeit dorthin beordert werden, wo die operativen Rahmenbedingungen attraktiver gestaltet sind. Bis Ende Februar erwartet der Konzern die Auslieferung von 29 neuen Maschinen, gefolgt von weiteren Tranchen in den Jahren 2027 und 2028. Wo diese neuen Kapazitäten stationiert werden, hängt maßgeblich von der Gebührenentwicklung an den jeweiligen europäischen Standorten ab.
Auswirkungen auf den Sommerflugplan und betroffene Destinationen
Die konkreten Streichungen im Sommerflugplan betreffen sowohl Urlaubsziele als auch Städteverbindungen. Ab Wien werden Destinationen wie Santander in Spanien, Billund in Dänemark sowie die kroatische Küstenstadt Split nicht mehr bedient. Auch an den Regionalflughäfen macht sich der Rückzug bemerkbar: So entfällt beispielsweise die Verbindung von Klagenfurt nach Alicante. Insgesamt reduziert sich die Anzahl der ab Österreich angeflogenen Ziele auf 83, was ein Minus von rund zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Von diesen verbleibenden Zielen entfallen 73 auf den Standort Wien, während die restlichen zehn Routen auf Linz, Salzburg und Klagenfurt verteilt sind.
Für die betroffenen Flughäfen bedeutet die Kapazitätsreduktion einen herben Rückschlag bei den Passagierzahlen. Der Flughafen Wien, der im Jahr 2025 mit 32,6 Millionen Reisenden noch ein Rekordergebnis erzielen konnte, prognostiziert für das laufende Jahr einen Rückgang auf etwa 30 Millionen Passagiere. Dieser Trend wird sich nach Einschätzung von Branchenexperten auch in den Jahren 2026 und 2027 fortsetzen, sofern keine neuen Anreize für Fluggesellschaften geschaffen werden. Die sinkenden Passagierzahlen führen wiederum zu geringeren Einnahmen aus der Flugabgabe, was das finanzielle Argument der Regierung teilweise entkräftet.
Politische Reaktionen und Standortwettbewerb
Die österreichische Politik reagiert gespalten auf den Druck des irischen Marktführers. Während im Verkehrsministerium die Flugabgabe unter dem Eindruck der sinkenden Verkehrszahlen mittlerweile auf dem Prüfstand steht, gab es lange Zeit Widerstand gegen eine Abschaffung. Kritiker werfen der Airline vor, staatliche Stellen unter Druck zu setzen, um die eigenen Gewinnmargen zu Lasten des Budgets zu erhöhen. Auf der anderen Seite warnen Wirtschaftsvertreter davor, dass Österreich im harten Wettbewerb der europäischen Luftverkehrsstandorte den Anschluss verlieren könnte. Länder wie Italien oder einige osteuropäische Staaten haben teilweise Gebühren gesenkt oder Förderprogramme aufgelegt, um Billigflieger zur Stationierung neuer Maschinen zu bewegen.
Der Abzug der fünf Maschinen aus Wien ist dabei kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer europaweiten Strategie von Ryanair, Kapazitäten hochflexibel zu verschieben. Da die Nachfrage nach Flugreisen in Europa insgesamt stabil ist, können Fluggesellschaften es sich leisten, Standorte mit hohen regulatorischen Kosten zu meiden. Die Herausforderung für Österreich besteht darin, eine Balance zwischen staatlichen Einnahmeinteressen und der Sicherung der internationalen Erreichbarkeit zu finden. Die Luftfahrtbranche weist darauf hin, dass eine Schwächung des Standorts Wien-Schwechat als Drehkreuz auch negative Spillover-Effekte auf den Tourismussektor und die Attraktivität Wiens als Kongressstadt haben könnte.
Zukunftsperspektiven für den Luftverkehrsstandort Österreich
Die kommenden Monate werden entscheidend dafür sein, ob zwischen der Bundesregierung und den im Land tätigen Fluggesellschaften ein Konsens gefunden werden kann. Ryanair hat klargestellt, dass die Entscheidung über weitere Stationierungen in den Jahren 2027 und 2028 noch nicht endgültig gefallen ist. Sollte die Flugabgabe reformiert oder abgeschafft werden, könnte Wien wieder in den Fokus der Wachstumspläne rücken. Ohne eine solche Anpassung droht jedoch eine weitere Stagnation oder gar ein zusätzlicher Abbau von Verbindungen, da Ryanair seine Flotte kontinuierlich modernisiert und effizientere Flugzeugtypen dort einsetzt, wo die niedrigsten Kosten pro Passagier erzielt werden können.
Für die Reisenden in Österreich bedeutet die aktuelle Situation vorerst weniger Auswahl und potenziell steigende Preise auf den verbleibenden Routen, da das geringere Angebot bei gleichbleibender Nachfrage den Preisdruck erhöht. Die Regionalflughäfen stehen vor der Aufgabe, alternative Partner zu finden, um die entstandenen Lücken im Flugplan zu füllen, was sich in einem Marktumfeld, das von Konsolidierung und Kosteneffizienz geprägt ist, als schwierig erweisen dürfte. Das Jahr 2026 wird somit zum wegweisenden Zeitraum für die Frage, ob Österreich seinen Status als bedeutender Luftverkehrsknotenpunkt in Mitteleuropa verteidigen kann oder ob die Kostenstruktur zu einer dauerhaften Verschiebung der Verkehrsströme führt.