Die Commercial Aircraft Corporation of China (COMAC) hat im Rahmen der Singapore Airshow 2026 einen bedeutenden Meilenstein für die Diversifizierung ihres Portfolios erreicht. Der chinesische Staatskonzern gab den Abschluss einer Absichtserklärung über bis zu sechs Maschinen des Typs C909 in einer speziellen Löschflugzeug-Konfiguration bekannt.
Der Vertrag mit dem Unternehmen Shanxi Victory General Aviation umfasst zunächst drei Festbestellungen sowie Optionen für drei weitere Einheiten. Dieser Erfolg markiert den ersten kommerziellen Durchbruch für die spezialisierte Brandbekämpfungs-Variante der C909-Familie auf internationaler Bühne. Zeitgleich verstärkt COMAC seine Bemühungen um eine globale Zertifizierung des größeren Mittelstreckenjets C919, während europäische Prüfpiloten bereits intensive Testflüge in Shanghai absolvieren, um den Weg für den Markteintritt im Westen zu ebnen.
Technische Spezifikationen und Einsatzgebiete der C909-Löschvariante
Die C909, die bis Ende 2024 unter der Bezeichnung ARJ21 bekannt war und im Zuge einer Markenvereinheitlichung umbenannt wurde, hat sich längst über ihre Rolle als reines Regionalverkehrsflugzeug hinausentwickelt. Die nun georderte Löschvariante ist technisch darauf ausgelegt, bis zu 10 Tonnen Wasser oder chemische Löschmittel zu transportieren. Mit dieser Kapazität ordnet sich das Flugzeug als leistungsstarkes Werkzeug in die Kategorie der mittleren bis großen Löschflugzeuge ein. Neben dem Wassertank bietet die Kabine Platz für bis zu 19 Personen, was den Transport von spezialisierten Einsatzkräften direkt an den Brandherd ermöglicht.
Die notwendige Zertifizierung durch die chinesische Luftfahrtbehörde (CAAC) erhielt diese Konfiguration bereits im Dezember 2025. Das Flugzeug zeichnet sich durch seine Robustheit und die Fähigkeit aus, von kurzen und schmalen Landebahnen sowie unter extremen Bedingungen in großen Höhen oder bei hohen Temperaturen zu operieren. Diese Eigenschaften machen die C909 besonders attraktiv für Regionen mit anspruchsvoller Topografie, in denen herkömmliche Großflugzeuge an ihre operativen Grenzen stoßen. Neben der Brandbekämpfung bewirbt COMAC die Plattform auch für medizinische Rettungseinsätze, Frachtdienste und als Führungsflugzeug für Notfallkoordinationen.
Präsenz in Singapur und internationale Marktdurchdringung
Auf der Singapore Airshow 2026 demonstriert COMAC die Vielseitigkeit seiner Produktpalette durch mehrere Exponate. Neben dem Flaggschiff C919 wird eine C909 in einer medizinischen Konfiguration gezeigt, die über hochmoderne Einrichtungen für ophthalmologische Diagnosen und chirurgische Eingriffe verfügt. Diese fliegende Augenklinik unterstreicht den Anspruch des Herstellers, hochspezialisierte Nischenmärkte zu bedienen. Dass die C909 bereits operativ im Ausland angekommen ist, zeigt die indonesische Fluggesellschaft TransNusa, die eines ihrer im Dienst befindlichen Exemplare in Singapur präsentiert.
Insgesamt wurden bisher mehr als 170 Flugzeuge der C909-Serie an Kunden im In- und Ausland ausgeliefert. Mit einer typischen Bestuhlung von 78 bis 97 Sitzen und einer Reichweite zwischen 2.225 und 3.700 Kilometern konkurriert das Modell direkt mit etablierten Regionaljets aus Brasilien und Kanada. Durch die Erweiterung um Sonderversionen versucht COMAC, die Auslastung der Produktionslinien zu stabilisieren und gleichzeitig technisches Know-how in Bereichen jenseits des Passagierverkehrs zu demonstrieren.
EASA-Testflüge in Shanghai: Der Weg nach Europa
Während die C909 ihre Nischen findet, richtet sich das globale Interesse vor allem auf den größeren Airbus- und Boeing-Konkurrenten C919. In den Wochen vor der Airshow wurden entscheidende Fortschritte im Validierungsprozess durch westliche Regulierungsbehörden erzielt. Piloten der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) führten in Shanghai eine Serie von Testflügen durch, um die Flugeigenschaften, die Avionik und die Sicherheitssysteme der C919 unter realen Bedingungen zu prüfen. Diese Flugtests sind ein integraler Bestandteil des langwierigen Zertifizierungsverfahrens, das COMAC bereits 2019 initiiert hatte, welches jedoch durch die Pandemie erheblich verzögert wurde.
Die Zertifizierung durch die EASA gilt als „Goldstandard“ und ist Voraussetzung dafür, dass europäische Fluggesellschaften den Jet in ihre Flotten aufnehmen können. Zudem orientieren sich viele Luftfahrtbehörden in Afrika, Südostasien und im Nahen Osten an den Entscheidungen der Europäer. Branchenexperten werten die aktuellen Testflüge als Zeichen dafür, dass das technische Vertrauen in das chinesische Programm wächst, auch wenn bis zur endgültigen Zulassung noch erhebliche bürokratische und technische Hürden zu nehmen sind. COMAC nutzt die Bühne in Singapur geschickt, um potenziellen Kunden zu signalisieren, dass man bereit ist, die Dominanz des westlichen Duopols herauszufordern.
Strategische Ausrichtung und zukünftige Kapazitäten
Hinter den Kulissen arbeitet COMAC bereits an der Skalierung der Produktion. Das Ziel ist es, nicht nur den enormen Inlandsbedarf Chinas zu decken, sondern sich als verlässlicher Exporteur zu etablieren. Die Diversifizierung der C909 in Spezialvarianten dient dabei auch als Testfeld für die spätere Weiterentwicklung der C919-Familie, für die bereits kürzere und längere Rumpfversionen in Planung sind. Durch die Konzentration auf Notfall- und Rettungsdienste besetzt COMAC zudem Märkte, die oft weniger konjunkturanfällig sind als der reine Tourismussektor.
Die Singapore Airshow 2026 hat verdeutlicht, dass die chinesische Luftfahrtindustrie ihre Strategie der kleinen, aber stetigen Schritte konsequent weiterverfolgt. Mit der Sicherung des Auftrags für die Löschflugzeug-Variante der C909 und den laufenden Zertifizierungsgesprächen für die C919 positioniert sich COMAC als ernstzunehmender Akteur, der technologisch zunehmend auf Augenhöhe mit westlichen Standards agiert. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die EASA-Validierung den gewünschten Schwung für den internationalen Vertrieb bringt und ob die spezialisierten C909-Modelle die Erwartungen der Erstkunden im harten Einsatzalltag erfüllen können.