Lufthansa Aviation Center am Flughafen Frankfurt am Main (Foto: Jan Gruber).
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Lufthansa: Massive Differenzen zwischen Konzernführung und Gewerkschaft zum Auftakt der Gehaltsverhandlungen

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Die Deutsche Lufthansa und die Gewerkschaft Verdi sind mit extrem gegensätzlichen Positionen in die Tarifverhandlungen für das Bodenpersonal des Jahres 2026 gestartet. Während die Arbeitnehmervertreter angesichts der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung eine deutliche Steigerung der monatlichen Bezüge fordern, beharrt die Konzernleitung auf einem strikten Sparkurs.

Das erste Aufeinandertreffen der Verhandlungspartner verdeutlichte die tiefen Gräben zwischen den Forderungen nach finanzieller Anerkennung und der unternehmerischen Notwendigkeit zur Kostensenkung in einem volatilen Marktumfeld. Für die rund 20.000 Bodenbeschäftigten des Luftfahrtkonzerns steht viel auf dem Spiel, da die Verhandlungen zeitlich mit weitreichenden Umstrukturierungsplänen in der Verwaltung zusammenfallen. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob eine Einigung am Verhandlungstisch möglich ist oder ob der deutsche Luftverkehr erneut mit massiven Beeinträchtigungen durch Arbeitskampfmaßnahmen rechnen muss.

Die Kernforderungen der Arbeitnehmervertreter

Die Gewerkschaft Verdi hat für die aktuelle Tarifrunde eine klare Marschrichtung vorgegeben. Im Zentrum steht die Forderung nach einer Gehaltserhöhung von sechs Prozent für alle Bodenbeschäftigten in den mehr als 20 Konzerngesellschaften. Um insbesondere die unteren Einkommensgruppen abzusichern, verknüpft die Gewerkschaft diesen Prozentsatz mit einer Mindestforderung von 250 Euro mehr pro Monat. Verdi-Verhandlungsführer Marvin Reschinsky begründete diesen Schritt mit der gestiegenen Belastung des Personals und der Notwendigkeit, die Attraktivität der Arbeitsplätze am Boden innerhalb der Lufthansa-Gruppe zu sichern.

Nach Darstellung der Gewerkschaft reagierte die Lufthansa-Vertretung auf dieses Paket mit einem Vorschlag, der faktisch auf eine Nullrunde für die kommenden drei Jahre hinauslaufen würde. Diese Haltung stieß bei den Arbeitnehmervertretern auf scharfe Kritik. Aus Sicht von Verdi ignoriert das Management damit die Leistungen der Mitarbeiter, die den operativen Betrieb unter oft schwierigen Bedingungen aufrechterhalten. Die Gewerkschaft betont, dass nach den Rekordgewinnen der vergangenen Jahre nun die Zeit für eine faire Beteiligung des Bodenpersonals gekommen sei, zumal andere Berufsgruppen innerhalb des Konzerns bereits deutliche Zuwächse verbuchen konnten.

Kostendruck und Sparpläne der Konzernleitung

Die Lufthansa-Führung rechtfertigt ihre ablehnende Haltung gegenüber den Gehaltsforderungen mit einem massiven Kostendruck. Obwohl die Passagierzahlen weltweit wieder steigen, sieht sich der Konzern mit einer veränderten Wettbewerbssituation und steigenden operativen Ausgaben konfrontiert. Das Management hat daher ein umfangreiches Sparprogramm initiiert, das insbesondere die Verwaltung des Konzerns betrifft. Nach aktuellen Plänen stehen dort rund 4.000 Stellen auf der Kippe. Ziel ist es, die Organisation der verschiedenen Fluggesellschaften innerhalb der Lufthansa-Gruppe – dazu gehören unter anderem Austrian Airlines, Swiss und Brussels Airlines – enger zusammenzuführen und Synergien effizienter zu nutzen.

Dieser Umbauprozess sorgt für zusätzliche Unruhe in der Belegschaft. Viele Mitarbeiter befürchten, dass der Stellenabbau in der Verwaltung lediglich der Anfang einer breiteren Sparwelle ist, die letztlich auch die operativen Bereiche am Boden treffen könnte. Die Konzernleitung hingegen argumentiert, dass nur durch eine schlankere Struktur und moderate Lohnabschlüsse die langfristige Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Günstigfliegern und den staatlich subventionierten Airlines aus dem Nahen Osten gesichert werden kann. Die Verhandlungen über den neuen Vergütungstarifvertrag finden somit in einer Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens und hoher ökonomischer Unsicherheit statt.

Rückblick auf vergangene Streikereien und Schlichtungsverfahren

Die Sorge vor einer Eskalation des Konflikts ist bei allen Beteiligten groß, da die Erinnerungen an die Tarifauseinandersetzungen Anfang 2024 noch sehr präsent sind. Damals führte ein erbitterter Streit zwischen Lufthansa und Verdi zu mehreren Wellen von Warnstreiks, die den Flugverkehr in Deutschland zeitweise fast vollständig zum Erliegen brachten. Hunderttausende Passagiere waren von Annullierungen betroffen, und der wirtschaftliche Schaden für den Konzern ging in die Millionen. Erst durch ein aufwendiges Schlichtungsverfahren konnte damals ein Kompromiss gefunden werden, der den Frieden für zwei Jahre sicherte.

Marvin Reschinsky hatte bereits im Vorfeld der ersten Runde 2026 vor schwierigen Verhandlungen gewarnt. Die Tatsache, dass die Positionen nun so weit auseinanderliegen, lässt befürchten, dass die Friedenspflicht nach Ablauf des aktuellen Vertrages nicht lange halten wird. Sollten die nächsten Termine am 11. und 12. Februar keine messbaren Fortschritte bringen, könnte die Gewerkschaft ihre Mitglieder erneut zu Urabstimmungen und Arbeitskämpfen aufrufen. Die Lufthansa möchte ein solches Szenario zwar vermeiden, signalisiert aber bisher kaum Bereitschaft, von ihrem Sparkurs abzuweichen.

Strukturelle Herausforderungen für das Bodenpersonal

Die Bodenbeschäftigten der Lufthansa nehmen eine Schlüsselrolle im komplexen System der Luftfahrt ein. Von der Check-in-Abfertigung über die Gepäcklogistik bis hin zur Flugzeugwartung und IT-Infrastruktur hängen Pünktlichkeit und Sicherheit maßgeblich von dieser Berufsgruppe ab. Die Gewerkschaft weist darauf hin, dass der Personalmangel in vielen operativen Bereichen bereits jetzt zu einer Überlastung führt. Zusätzlicher Stellenabbau oder stagnierende Reallöhne könnten die Abwanderung von Fachkräften in andere Branchen beschleunigen, was die operative Stabilität des Konzerns gefährden würde.

Gleichzeitig muss die Lufthansa ihre Finanzkraft stärken, um notwendige Investitionen in die Erneuerung der Flotte und die Digitalisierung der Kundenprozesse zu finanzieren. Der Spagat zwischen der Befriedigung der Gehaltsansprüche und der Aufrechterhaltung der Investitionsfähigkeit ist die zentrale Herausforderung für die Verhandlungsführer auf Arbeitgeberseite. Die kommenden Gesprächsrunden werden zeigen, ob es einen Spielraum für ein Angebot gibt, das über die bisherige Nullrunde hinausgeht, ohne die wirtschaftlichen Ziele des Konzernumbaus zu untergraben.

Ausblick auf die weiteren Verhandlungstermine

Der Terminkalender für die Fortsetzung des Tarifstreits steht bereits fest. Nach einem ersten Treffen am 19. Januar 2026 sind die entscheidenden Runden für Mitte Februar angesetzt. Branchenexperten gehen davon aus, dass bis dahin auf beiden Seiten intensiv an Kompromissmodellen gearbeitet wird. Denkbar wären Einmalzahlungen oder eine längere Laufzeit des Vertrages bei gleichzeitigem Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen im Zuge des Verwaltungsabbaus. Solche Pakete könnten eine Brücke bauen, um einen drohenden Streik im Frühjahr abzuwenden.

Dennoch bleibt die Ausgangslage prekär. Die Lufthansa steht unter dem Druck ihrer Aktionäre, die Profitabilität zu steigern, während Verdi den Rückhalt ihrer Mitglieder durch spürbare Lohnerhöhungen unter Beweis stellen muss. In diesem Spannungsfeld wird um jeden Prozentpunkt und jeden Euro gerungen werden. Für die Passagiere bedeutet dies eine Phase der Ungewissheit, da der Ausgang der Verhandlungen im Februar maßgeblich darüber entscheiden wird, ob der Sommerflugplan 2026 ohne soziale Unruhen im Unternehmen durchgeführt werden kann. Die Luftfahrtbranche blickt daher gespannt auf die kommenden Wochen in Frankfurt, wo die Weichen für die personelle Zukunft von Deutschlands größter Fluggesellschaft gestellt werden.

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