Der Alpenverein Austria hat weitreichende Konsequenzen aus den massiven topographischen Veränderungen im Dachstein-Massiv gezogen. Bei einer aktuellen Vorstandssitzung wurde ein Maßnahmenplan verabschiedet, der das Wegenetz sowie die Logistik der Schutzhütten im Bereich des Hallstätter und Schladminger Gletschers grundlegend neu ordnet.
Hintergrund ist der fortschreitende Eisverlust, der unmittelbar zur Trennung der beiden Gletscherflächen führt. Diese Entwicklung erschwert insbesondere die Versorgung der Seethalerhütte, da traditionelle Transportwege mit Quads nicht mehr ganzjährig befahrbar sind. Auch der Zustieg für Wanderer erfordert mittlerweile ein deutlich höheres Maß an alpinem Risikomanagement und technischer Ausrüstung, da Versicherungen im Fels durch den Rückgang des Eises instabil werden oder aufwendig angepasst werden müssen.
Um eine fundierte Entscheidungsgrundlage für künftige Wegebauten zu erhalten, kooperiert der Alpenverein mit dem Salzburger Forschungsinstitut Georesearch. Mithilfe von Drohnen-Radaren wurden im Dezember 2025 über 52 Kilometer an Profilen aufgenommen, um die verbleibende Eismächtigkeit des Hallstätter Gletschers exakt zu bestimmen. Die Ergebnisse der oberflächennahen Geophysik zeigen ein kritisches Bild: Während die maximale Eisdicke punktuell noch 70 Meter beträgt, liegt der Mittelwert nur noch bei etwa 24 Metern. Wissenschaftliche Prognosen gehen davon aus, dass der Gletscher in spätestens 10 bis 15 Jahren kein zusammenhängendes Gebiet mehr darstellen wird. Übrig bleiben werden isolierte Toteisfelder, die aufgrund ihrer Unberechenbarkeit neue alpine Gefahrenquellen bilden.
Für den Hüttenbetrieb, insbesondere der hochgelegenen Seethalerhütte sowie der Simonyhütte, bedeutet der Landschaftswandel eine logistische Zäsur. Da bodengebundene Versorgungsfahrten zunehmend unmöglich werden, erwägt der Alpenverein die Umstellung auf ein neues Logistikkonzept, das verstärkt auf Hubschraubertransporte setzt. Dies soll die Ver- und Entsorgung unter den schwieriger werdenden Bedingungen sicherstellen. Parallel dazu werden in Abstimmung mit der oberösterreichischen Landesregierung und den Bundesforsten neue Wegeführungen geplant, die dort entstehen, wo das schmelzende Eis Felsuntergrund oder potenziell entstehende Bergseen freigibt. Diese Maßnahmen sollen die touristische Attraktivität und die Erreichbarkeit der Region für künftige Generationen von Bergsportlern erhalten.
Die am Dachstein gewonnenen Erkenntnisse dienen als Pilotprojekt für weitere betroffene Regionen in Österreich. Ähnliche Untersuchungen sind bereits für den Gosaugletscher im Bereich der Adamekhütte sowie für das Glocknergebiet rund um die Oberwalderhütte vorgesehen. Der Alpenverein betont, dass die Erhaltung der alpinen Infrastruktur angesichts der sich wandelnden Naturräume einen massiven technischen und finanziellen Mehraufwand bedeutet. Durch den Einsatz modernster Sensortechnik und engmaschiges Monitoring sollen jedoch rechtzeitig sichere Übergänge geschaffen werden, um den klassischen Bergsport im Hochgebirge weiterhin zu ermöglichen, auch wenn das charakteristische Gletschereis langfristig aus dem Landschaftsbild verschwinden wird.