SAS-Flugzeug vor dem Hangar in Kopenhagen (Foto: Jan Gruber).
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SAS verhandelt über weitere Widebodies

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Die skandinavische Fluggesellschaft SAS steht vor einer weitreichenden Entscheidung über die zukünftige Ausrichtung ihrer Langstreckenflotte. Wie Vorstandsvorsitzender Anko van der Werff bekannt gab, führt das Unternehmen derzeit intensive Gespräche mit den beiden weltweit führenden Flugzeugherstellern Airbus und Boeing über einen Großauftrag im Widebody-Segment.

Diese Verhandlungen sind eingebettet in eine Phase der tiefgreifenden Umstrukturierung nach dem Einstieg von Air France-KLM als Anteilseigner und dem damit verbundenen Wechsel zur Luftfahrtallianz Skyteam. Ziel der Fluggesellschaft ist es, bis zur zweiten Jahreshälfte 2026 eine finale Entscheidung zu treffen, um die Kapazitäten an den skandinavischen Drehkreuzen, allen voran Kopenhagen-Kastrup, signifikant zu erhöhen und die globale Konnektivität zu stärken.

Die Suche nach dem optimalen Langstreckenmuster

Im Zentrum der aktuellen Überlegungen steht die Frage, welcher Flugzeugtyp die spezifischen Anforderungen des skandinavischen Marktes am besten erfüllt. SAS evaluiert dabei ein breites Spektrum an Modellen. Auf der einen Seite stehen die effizienten, mittelgroßen Varianten wie der Airbus A330neo und die Boeing 787 Dreamliner-Familie. Diese Flugzeuge zeichnen sich durch eine hohe Flexibilität auf Routen mit moderatem Passagieraufkommen aus und ermöglichen eine wirtschaftliche Bedienung von Sekundärmärkten, etwa in Nordamerika oder Asien.

Auf der anderen Seite prüft das Management die Anschaffung größerer Kapazitäten in Form des Airbus A350 oder der Boeing 777X. Während SAS bereits den Airbus A350-900 in ihrer Flotte betreibt und dessen Leistungsmerkmale schätzt, würde eine Entscheidung für die Boeing 777X eine technologische Neuausrichtung bedeuten. Die Wahl des Flugzeugtyps wird maßgeblich davon abhängen, wie die Fluggesellschaft ihr zukünftiges Netzwerk innerhalb der Skyteam-Allianz gewichtet. Größere Maschinen eignen sich insbesondere für stark frequentierte Routen zwischen den großen Hubs der Allianzpartner, während kleinere Modelle eine höhere Frequenz auf Direktverbindungen erlauben.

Der Einfluss der neuen Eigentümerstruktur

Die strategische Neuausrichtung von SAS ist untrennbar mit dem Einstieg von Air France-KLM verbunden. Das europäische Konsortium hat durch seine Kapitalbeteiligung nicht nur die finanzielle Stabilität der skandinavischen Airline gesichert, sondern gibt auch die Richtung für die Netzwerkplanung vor. Durch den Austritt aus der Star Alliance und den Beitritt zu Skyteam ergeben sich völlig neue Synergieeffekte. Kopenhagen soll dabei als nördliches Tor der Allianz fungieren und Passagierströme aus Nordeuropa bündeln, um sie effizient an die weltweiten Netze von Air France und KLM in Paris-Charles de Gaulle und Amsterdam-Schiphol anzubinden.

Anko van der Werff betont, dass die geplanten Investitionen in neue Flugzeuge notwendig sind, um dieses Wachstumspotenzial auszuschöpfen. Die Modernisierung der Flotte ist zudem ein wirtschaftliches Erfordernis, um die Betriebskosten pro Sitzkilometer zu senken und die Zuverlässigkeit im Flugbetrieb zu erhöhen. In der Branche wird davon ausgegangen, dass die Entscheidung für einen Hersteller auch langfristige Auswirkungen auf die Wartungsinfrastruktur und die Ausbildung des fliegenden Personals in Skandinavien haben wird.

Wettbewerbslage und Marktpositionierung

Der skandinavische Luftverkehrsmarkt ist traditionell hart umkämpft. Neben der Konkurrenz durch Billigfluggesellschaften im europäischen Kurzstreckensegment muss sich SAS auf der Langstrecke gegen starke Akteure aus dem Nahen Osten und Nordamerika behaupten. Ein moderner Flugzeugpark ist hierbei ein zentrales Instrument, um die Attraktivität für Geschäftsreisende und anspruchsvolle Privatkunden zu steigern. Insbesondere die Kabinenausstattung und der Passagierkomfort spielen bei der Auswahl neuer Flugzeugtypen eine entscheidende Rolle.

Die Verhandlungen mit Boeing und Airbus finden zu einem Zeitpunkt statt, an dem beide Hersteller mit hohen Auftragsbeständen und Lieferverzögerungen kämpfen. Für SAS ist es daher von strategischer Bedeutung, frühzeitig Kapazitäten zu sichern, um die geplanten Expansionen ab 2027 und 2028 operativ umsetzen zu können. Analysten beobachten gespannt, ob SAS auf eine reine Airbus-Strategie setzt, um die Komplexität in der Flotte gering zu halten, oder ob Boeing durch attraktive Konditionen für den Dreamliner oder die 777X einen Keil in die bisherige Airbus-Dominanz treiben kann.

Hub-Strategie am Flughafen Kopenhagen

Der Flughafen Kopenhagen-Kastrup spielt in den Wachstumsplänen die Hauptrolle. Als leistungsfähigstes Drehkreuz in der Region soll Kastrup weiter ausgebaut werden, um mehr Interkontinentalflüge abwickeln zu können. Dies erfordert nicht nur neue Flugzeuge, sondern auch eine enge Abstimmung mit den Flughafenbetreibern hinsichtlich Slot-Kapazitäten und Gate-Infrastruktur. Die Fluggesellschaft erhofft sich durch die engere Verzahnung mit den Skyteam-Partnern eine deutliche Steigerung der Transferpassagiere, was die Auslastung der neuen Widebody-Flotte absichern würde.

Zusätzlich zur Stärkung Kopenhagens prüft SAS, wie die Standorte Stockholm-Arlanda und Oslo-Gardermoen sinnvoll in das neue Gesamtkonzept integriert werden können. Zwar liegt der Fokus auf dem dänischen Hub, doch eine ausgewogene skandinavische Präsenz bleibt für die Identität der Marke SAS und die politische Unterstützung in den Heimatmärkten wichtig. Der geplante Großauftrag ist somit auch ein Bekenntnis zum Standort Skandinavien und ein Signal an die Konkurrenz, dass die Fluggesellschaft nach ihrer Restrukturierung wieder offensiv am Markt agiert.

Technologische Evaluation und Wirtschaftlichkeit

Bei der Bewertung der Flugzeugtypen spielen technische Parameter wie Reichweite, Nutzlast und Triebwerkseffizienz eine zentrale Rolle. Der Airbus A330neo bietet den Vorteil einer hohen Kommunalität mit bestehenden Airbus-Systemen, während die Boeing 787 durch ihre fortschrittliche Verbundwerkstoff-Bauweise und einen optimierten Kabinendruck besticht. Im Bereich der größeren Flugzeuge gilt der Airbus A350 als bewährtes Langstreckenprodukt mit exzellenter Performance auf Ultradistanzstrecken. Die Boeing 777X hingegen verspricht durch ihre klappbaren Flügelspitzen und die enorme Passagierkapazität neue Maßstäbe in der Effizienz aufkommensstarker Routen.

Die endgültige Entscheidung wird nach einer umfassenden Wirtschaftlichkeitsberechnung getroffen, die über die gesamte Lebensdauer der Flugzeuge von etwa 20 bis 25 Jahren reicht. Hierbei werden neben dem Kaufpreis auch die Finanzierungskosten, die Wartungsaufwendungen und die Wiederverkaufswerte berücksichtigt. Für SAS geht es darum, eine Flotte aufzubauen, die flexibel genug ist, um auf konjunkturelle Schwankungen im Luftverkehr zu reagieren, ohne die Fixkosten in unwirtschaftliche Höhen zu treiben.

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