Boeing 777 (Foto: Alex Noble).
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Kritischer Vorfall am Flughafen Guarulhos: Startabbruch einer Latam Boeing 777 nach der Rotation

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Am Sonntagabend ereignete sich auf dem internationalen Flughafen São Paulo-Guarulhos ein außergewöhnlicher und hochriskanter Zwischenfall im Luftverkehr. Eine Boeing 777-300ER der Fluggesellschaft Latam Brasil, die sich auf dem Weg nach Lissabon befand, brach den Startvorgang bei extrem hoher Geschwindigkeit ab, obwohl sich das Bugrad bereits in der Luft befand. Videoaufnahmen dokumentieren, wie die Maschine mit der Registrierung PT-MUH den Rotationsvorgang einleitete, bevor die Besatzung die Nase abrupt senkte und eine maximale Notbremsung einleitete.

Das schwere Langstreckenflugzeug kam erst kurz vor dem Ende der 3.700 Meter langen Startbahn 10L zum Stehen. Erste Berichte weisen auf glühende Bremsen und massive Reifenschäden hin, was die enorme kinetische Energie verdeutlicht, die bei diesem Manöver vernichtet werden musste. Dieser Vorfall wirft komplexe Fragen zur Startleistung und zu den Entscheidungsprozessen im Cockpit auf, insbesondere da ein Abbruch nach Erreichen der Entscheidungsgeschwindigkeit V1 als eines der gefährlichsten Manöver in der kommerziellen Luftfahrt gilt.

Details zum Flugverlauf und dem technischen Equipment

Flug LA8146 ist eine etablierte Nachtverbindung zwischen São Paulo und der portugiesischen Hauptstadt. Am betroffenen Sonntag wurde die Route von einer 13 Jahre alten Boeing 777-300ER bedient, einem Flugzeugtyp, der für seine Zuverlässigkeit und hohe Kapazität von bis zu 410 Passagieren bekannt ist. Nach einer etwa eineinhalbstündigen Verspätung rollte die Maschine gegen 19:00 Uhr Ortszeit zur Startposition. Daten aus Aufzeichnungen und Flugverfolgungssystemen legen nahe, dass das Flugzeug eine Geschwindigkeit von etwa 178 Knoten (ca. 330 km/h) erreichte, bevor die Entscheidung zum Abbruch fiel.

Nachdem die Bremsung eingeleitet worden war, kam das Flugzeug auf einer parallelen Rollbahn zum Stillstand. Rettungskräfte und die Flughafenfeuerwehr waren sofort zur Stelle, um die überhitzten Fahrwerke zu kühlen. Da die Bremsen bei einem solchen Manöver Temperaturen von mehreren hundert Grad erreichen können, besteht ein erhebliches Brandrisiko. Die Passagiere konnten das Flugzeug schließlich unverletzt verlassen und wurden zurück zum Terminal gebracht. Die betroffene Boeing wurde für eine umfassende technische Inspektion vorerst aus dem Flugbetrieb genommen.

Die physikalische Gefahr eines Abbruchs nach V1

In der Flugbetriebsordnung sind spezifische Referenzgeschwindigkeiten definiert, die über Fortsetzung oder Abbruch eines Startlaufs entscheiden. Die Geschwindigkeit V1 markiert den Punkt, bis zu dem ein Flugzeug bei einem technischen Defekt sicher auf der verbleibenden Startbahn zum Stehen gebracht werden kann. Sobald V1 überschritten ist, lautet die Standardprozedur, den Start fortzusetzen, da die verbleibende Bahnlänge physikalisch meist nicht mehr ausreicht, um die Masse der Maschine sicher zu stoppen.

Der Vorfall in São Paulo ist deshalb so bemerkenswert, weil der Abbruch offenbar sogar erst nach der Rotationsgeschwindigkeit (VR) erfolgte – also dem Moment, in dem der Pilot die Nase des Flugzeugs anhebt, um abzuheben. Ein Startabbruch in dieser Phase ist extrem selten und birgt das Risiko eines Überschießens der Landebahn (Runway Overrun) oder eines strukturellen Versagens des Fahrwerks. Da die kinetische Energie quadratisch zur Geschwindigkeit ansteigt, ist die Belastung für die Bremsanlage bei 178 Knoten um ein Vielfaches höher als bei niedrigeren Geschwindigkeiten. In der Vergangenheit führten vergleichbare Manöver, wie bei einem Learjet im Jahr 2008 oder einer Gulfstream im Jahr 2014, zu fatalen Unfällen mit Todesopfern.

Analyse der Entscheidungskette im Cockpit

Die Ermittler der brasilianischen Luftfahrtbehörden werden sich nun auf die Flugdatenschreiber (Black Box) und den Stimmenrekorder konzentrieren. Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, welcher spezifische Warnhinweis oder technischer Defekt die Crew dazu veranlasste, das physikalische Risiko eines späten Abbruchs gegenüber dem Risiko eines Fluges mit einem unbekannten Defekt abzuwägen. Nur bei schwerwiegenden Problemen, die eine Flugfähigkeit des Jets unmittelbar ausschließen, ist ein Abbruch nach V1 gerechtfertigt.

Untersucht wird auch, ob die Gewichts- und Leistungsberechnungen korrekt in den Bordcomputer eingegeben wurden. Fehlerhafte Daten können dazu führen, dass die berechneten Geschwindigkeiten nicht zur tatsächlichen Bahnlänge oder zum Gewicht des Flugzeugs passen. Die Latam-Gruppe sah sich erst kürzlich mit den Ergebnissen einer Untersuchung zu einem Vorfall in Mailand aus dem Jahr 2024 konfrontiert, bei dem eine fehlerhafte Gewichtskalkulation um etwa 100 Tonnen zu einem schweren Tailstrike (Aufsetzen des Hecks auf der Bahn) führte.

Parallelen zu früheren Vorfällen und Sicherheitsaspekte

Der Vorfall weckt Erinnerungen an ähnliche Ereignisse, bei denen Besatzungen unter extremem Zeitdruck Entscheidungen treffen mussten. Ein bekanntes Beispiel ist der Startabbruch einer MD-83 in Willow Run im Jahr 2017, der ebenfalls nach V1 erfolgte und in einem Runway Overrun endete, glücklicherweise ohne Todesopfer. Diese Ereignisse verdeutlichen, dass trotz hochmoderner Assistenzsysteme die finale Entscheidungsgewalt und das Situationsbewusstsein der Piloten entscheidend bleiben.

Die Fluggesellschaft Latam Brasil gab in einer ersten kurzen Stellungnahme bekannt, dass der Startabbruch sicher durchgeführt wurde und den vorgesehenen Protokollen für solche Situationen entsprach. Dennoch wird die genaue Rekonstruktion der Ereignisse von Experten weltweit aufmerksam verfolgt, um mögliche systemische Fehlerquellen auszuschließen. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf der Belastung der Bremsaggregate und der Integrität der Reifen bei derartigen Hochgeschwindigkeitsmanövern.

Zukunft der Ermittlungen und technische Prüfung

In den kommenden Wochen wird die Boeing 777-300ER einer detaillierten Prüfung der Struktur, der Triebwerke und insbesondere der Fahrwerksbaugruppen unterzogen. Die gewonnenen Daten aus den Sensoren für Bremsenergie und Radschachttemperaturen werden Aufschluss darüber geben, wie nah die Maschine an einer katastrophalen Überhitzung war. Zudem wird die Interaktion zwischen Mensch und Maschine im Cockpit analysiert, um zu verstehen, warum die Entscheidung zum Abbruch exakt in dem Moment fiel, als das Flugzeug bereits abzuheben begann.

Luftfahrtexperten betonen, dass solche Zwischenfälle wertvolle Erkenntnisse für die Pilotenausbildung im Simulator liefern. Das Training von High-Speed Rejected Take-Offs (RTO) ist ein fester Bestandteil der halbjährlichen Checks, doch die Realität auf einer voll ausgelasteten Startbahn in São Paulo stellt Anforderungen, die weit über die Standardszenarien hinausgehen. Der erfolgreiche Stillstand der Maschine innerhalb der Bahnbegrenzung wird trotz der Risiken als Zeugnis für die Leistungsfähigkeit moderner Bremssysteme und die schnelle Reaktion der Notfalldienste gewertet.

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