Flughafen Tel Aviv Ben Gurion (Foto: Chris Hoare).
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Öffnung des israelischen Luftverkehrsmarktes: Neue Wettbewerbsdynamik durch Genehmigung ausländischer Stützpunkte

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Der israelische Luftverkehr steht vor einer weitreichenden Zäsur, die das Machtgefüge am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv nachhaltig verschieben könnte. Die israelische Regierung plant für das Jahr 2026 eine umfassende Liberalisierung der Bodenstationierung, die es ausländischen Fluggesellschaften erstmals ermöglichen soll, feste operative Basen im Land einzurichten. Bisher war dieses Privileg primär den einheimischen Gesellschaften vorbehalten, was diesen einen strategischen Vorteil bei der Flugplangestaltung, insbesondere bei den lukrativen Abflügen in den frühen Morgenstunden, verschaffte.

Die Neuregelung zielt darauf ab, die internationale Anbindung des Landes zu stärken und durch erhöhten Wettbewerb die Ticketpreise zu stabilisieren. Während Expansionswillige wie der europäische Low-Cost-Carrier Wizz Air bereits konkrete Vorbereitungen für eine Stationierung im Frühjahr 2026 treffen, regt sich bei dem nationalen Flagcarrier El Al massiver Widerstand. Die Fluggesellschaft fordert dringende Klärungsgespräche mit den zuständigen Ministerien, da sie ihre Marktposition durch die Bevorzugung internationaler Wettbewerber gefährdet sieht. Die Entscheidung fällt in eine Zeit globaler Umbrüche in der Branche, in der viele Gesellschaften ihre Netzwerke radikal konsolidieren und sich auf besonders profitable Märkte konzentrieren.

Strategische Bedeutung lokaler Basen für den Flugplan

Im harten Wettbewerb der Luftfahrtindustrie gilt die Stationierung von Flugzeugen und Personal an einem Flughafen als entscheidender Faktor für die betriebliche Effizienz. Eine eigene Basis erlaubt es Fluggesellschaften, Maschinen über Nacht am Standort zu lassen, was sogenannte Night-Stops an fernen Flughäfen überflüssig macht und Kosten für Hotelunterbringungen der Crew spart. Der größte Vorteil liegt jedoch in der Zeitplanung: Die ersten Flüge des Tages können bereits um sechs Uhr morgens starten, was besonders bei Geschäftsreisenden und für Anschlussverbindungen in Europa und Nordamerika hoch im Kurs steht. Bisher mussten ausländische Airlines ihre Flugzeuge erst aus ihren europäischen oder asiatischen Zentren einfliegen lassen, was die erste Landung in Tel Aviv oft erst in den späten Vormittag verschob.

Die Öffnung der Standorte ab 2026 bricht dieses Monopol auf. Für den Flughafen Ben Gurion bedeutet dies eine höhere Auslastung der Infrastruktur in den frühen Morgenstunden und eine komplexere Bodenlogistik. Experten gehen davon aus, dass durch die Stationierung vor Ort auch die Zuverlässigkeit steigt, da technische Probleme an den Maschinen direkt durch stationiertes Personal behoben werden können, ohne auf Ersatzteile aus dem Ausland warten zu müssen. Diese Neuerung wird voraussichtlich zu einer deutlichen Ausweitung des Flugangebots führen, da stationierte Flugzeuge pro Tag mehr Rotationen fliegen können als Maschinen, die lediglich Pendelflüge absolvieren.

Wizz Air als Vorreiter der neuen Marktordnung

Unter den internationalen Akteuren positioniert sich Wizz Air am deutlichsten für den israelischen Markt. Die ungarische Fluggesellschaft hat bereits für das Jahr 2025 beeindruckende Zahlen vorgelegt und beförderte rund 1,2 Millionen Passagiere von und nach Tel Aviv, was sie zum viertgrößten Anbieter am Standort machte. Für das laufende Jahr 2026 hat das Unternehmen seine Ambitionen massiv nach oben geschraubt und plant mit einer Kapazität von über 1,7 Millionen Sitzplätzen. Die Einrichtung einer festen Basis, die nach internen Planungen bereits im März oder April erfolgen könnte, ist der logische nächste Schritt dieser Wachstumsstrategie.

Dieser Vorstoß ist jedoch vor dem Hintergrund einer schwierigen wirtschaftlichen Gesamtsituation der Airline zu sehen. Wizz Air befindet sich in einem schmerzhaften Umbauprozess. Unrentable Standorte wurden konsequent geschlossen, darunter der ehemals prestigeträchtige Außenposten in Abu Dhabi. Auch der Rückzug aus Wien markiert ein Ende der aggressiven Expansion in Zentraleuropa. Zudem musste die Airline ihre Langstreckenpläne revidieren: Die zuvor als Eckpfeiler der Strategie gefeierten Airbus A321XLR wurden zum großen Teil abbestellt oder weiterverkauft. Umso bedeutender wird Israel als stabiler Ertragsbringer im Kurz- und Mittelstreckensegment. Die Stationierung in Tel Aviv soll die operative Marge verbessern, indem die Effizienz der eingesetzten Flotte durch lokale Stationierung maximiert wird.

Widerstand beim nationalen Platzhirsch El Al

Die Ankündigung der Regierung hat bei El Al für erhebliche Unruhe gesorgt. Die nationale Fluggesellschaft, die sich traditionell als Sicherheitsgarant und Rückgrat der israelischen Luftfahrt versteht, sieht in der Zulassung ausländischer Basen eine Wettbewerbsverzerrung. Das Management von El Al weist darauf hin, dass einheimische Unternehmen unter deutlich strengeren Sicherheitsauflagen und höheren Versicherungskosten operieren als internationale Billigflieger. Eine Gleichstellung bei der Vergabe von Slot-Prioritäten und Stationierungsrechten ohne Berücksichtigung dieser Mehrbelastungen wird als existenzbedrohend eingestuft.

Die Fluggesellschaft hat bereits angekündigt, das Gespräch mit der Regierung zu suchen, um regulatorische Ausgleiche zu fordern. Dabei geht es nicht nur um die wirtschaftliche Konkurrenz, sondern auch um die langfristige Sicherung von Arbeitsplätzen für israelisches Flugpersonal. El Al befürchtet, dass Anbieter wie Wizz Air durch niedrigere Lohnstrukturen und flexiblere Arbeitszeitmodelle Preise anbieten können, die für ein traditionelles Unternehmen mit lokaler Tarifbindung nicht zu unterbieten sind. Der Ausgang dieser Verhandlungen wird entscheidend dafür sein, ob die Liberalisierung wie geplant umgesetzt wird oder ob zusätzliche Auflagen für ausländische Basen eingeführt werden.

Logistische Herausforderungen und Kapazitätsgrenzen am Flughafen Ben Gurion

Die Ansiedlung ausländischer Basen stellt auch die Flughafenbetreiber vor große Herausforderungen. Ben Gurion arbeitet bereits nahe an seiner Kapazitätsgrenze, insbesondere was die Anzahl der verfügbaren Standplätze und die Abfertigungskapazitäten in den Terminals betrifft. Eine dauerhafte Stationierung von Flugzeugen erfordert zusätzliche Wartungshangars, Büroräume für die Verwaltung und soziale Einrichtungen für das Boden- und Kabinenpersonal der neuen Betreiber.

Zudem muss die Flugsicherung die veränderten Verkehrsströme koordinieren. Wenn künftig nicht mehr nur El Al und Arkia am frühen Morgen in Wellen starten, sondern auch zahlreiche Maschinen internationaler Carrier, führt dies zu einer massiven Verdichtung des Luftraums. Es wird erwartet, dass die Flughafenbehörde neue Gebührenmodelle einführen wird, um die Stationierungskosten fair zu verteilen und Anreize für eine Nutzung der Nebenzeiten zu schaffen. Die Modernisierung der Terminals und der Ausbau der Rollwege sind bereits im Gange, müssen aber beschleunigt werden, um dem prognostizierten Anstieg der Flugbewegungen im Jahr 2026 gerecht zu werden.

Wirtschaftliche Folgen für den Passagierverkehr

Für die Reisenden verspricht die Neuregelung zunächst positive Effekte. Ein breiteres Angebot an frühen Direktflügen erhöht die Flexibilität bei der Reiseplanung. Durch den verstärkten Wettbewerb zwischen dem etablierten Full-Service-Modell von El Al und dem Low-Cost-Ansatz von Wizz Air und möglicherweise weiteren Anbietern ist mit einem attraktiveren Preisgefüge auf den Hauptrouten nach Europa zu rechnen. Besonders die Anbindung an osteuropäische Metropolen und wichtige Umsteigeknoten könnte durch die Stationierung lokaler Kapazitäten verbessert werden.

Allerdings warnen Marktanalysten auch vor einer möglichen Überkapazität, die bei einer wirtschaftlichen Eintrübung zu schnellen Rückzügen der Billigflieger führen könnte. Da ausländische Airlines weniger eng mit dem Standort verbunden sind als der nationale Carrier, reagieren sie oft empfindlicher auf Schwankungen der Nachfrage. Die israelische Regierung muss daher einen Balanceakt vollziehen: Einerseits den Markt für gesundes Wachstum öffnen, andererseits sicherstellen, dass die strategische Luftfahrtinfrastruktur des Landes nicht durch einen ruinösen Preiskampf beschädigt wird. Das Jahr 2026 wird somit zum Testlauf für eine neue Ära der israelischen Luftfahrtpolitik.

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