Airbus A320neo (Foto: Lufthansa).
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Verdi-Tarifabschluss für City Airlines erwartet

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Die strukturelle Umgestaltung des Lufthansa-Konzerns erreicht eine entscheidende Phase. Nach intensiven Verhandlungen steht die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi nach eigenen Angaben kurz vor einem Abschluss zur Ersttarifierung der neuen Tochtergesellschaft Lufthansa City Airlines. Das Vorhaben, die Drehkreuze Frankfurt und München mit einer kosteneffizienteren Struktur zu vernetzen, rückt damit in greifbare Nähe.

Nachdem die Gespräche im Januar 2026 durch kurzfristige Angebotsrücknahmen seitens der Arbeitgeberseite ins Stocken geraten waren, deutet nun alles auf eine Einigung in der laufenden Woche hin. Dieser Abschluss ist von besonderer strategischer Bedeutung, da City Airlines langfristig die bisherige Tochtergesellschaft Cityline ersetzen soll. Für die etablierten Fachgewerkschaften Vereinigung Cockpit und Ufo stellt die Verhandlungsführung durch Verdi eine Zäsur dar, da sie traditionell die Interessen des fliegenden Personals im Konzern vertreten. Mit der neuen Tarifstruktur zielt die Lufthansa darauf ab, die Personalkosten im Zubringerverkehr durch eine engere Orientierung an internationalen Mindeststandards und Gehaltstabellen von Konzerntöchtern wie Discover Airlines zu optimieren.

Die strategische Rolle der City Airlines im Konzerngefüge

Lufthansa City Airlines wurde mit dem klaren Auftrag gegründet, die Wettbewerbsfähigkeit auf der Kurz- und Mittelstrecke zu sichern. Das bisherige Modell der Lufthansa Cityline, das über Jahrzehnte die Zubringerflüge für die großen Hubs leistete, gilt innerhalb des Konzernmanagements aufgrund gewachsener Tarifstrukturen als zu kostenintensiv. Der Plan sieht vor, Cityline sukzessive zu verkleinern und bis spätestens 2027 vollständig durch City Airlines abzulösen. Dieser Prozess findet vor dem Hintergrund eines harten Verdrängungswettbewerbs an den europäischen Drehkreuzen statt.

Die Neuaufstellung erlaubt es dem Konzern, Arbeitsbedingungen und Gehaltsstrukturen von Grund auf neu zu definieren. Während Cityline an komplexe Tarifverträge mit den Fachgewerkschaften gebunden war, bietet die Ersttarifierung von City Airlines die Möglichkeit, modernere und flexiblere Einsatzmodelle zu etablieren. Dies betrifft insbesondere die Verknüpfung von Flugstunden, Ruhezeiten und der allgemeinen Dienstplangestaltung, die für die Wirtschaftlichkeit eines Kurzstreckennetzwerkes von zentraler Bedeutung sind.

Verhandlungsverlauf und die Hürden im Januar

Der Weg zum jetzigen Verhandlungsstand war von taktischen Manövern geprägt. Im Januar 2026 kam es zu einem signifikanten Rückschlag, als die Geschäftsleitung von City Airlines ein bereits unterbreitetes Angebot zur Vergütungserhöhung überraschend zurückzog. Als Begründung wurden Vergleichsrechnungen mit anderen Flugbetrieben angeführt, die offenbar zeigten, dass die angebotenen Konditionen über dem angestrebten Kostenniveau lagen. Diese Kehrtwende führte zu einer mehrwöchigen Verzögerung und einer Verschärfung des Tons zwischen den Tarifparteien.

Verdi verweist in einem aktuellen internen Memo jedoch auf „signifikante Fortschritte“, die in den letzten Tagen erzielt wurden. Es gehe nur noch um letzte Details, um das Gesamtpaket abzurunden. Dass Verdi hierbei sowohl für die Flugbegleiter als auch für die Piloten verhandelt, ist eine Besonderheit. Üblicherweise sind diese Berufsgruppen im Lufthansa-Konzern strikt getrennt durch Ufo und die Vereinigung Cockpit organisiert. Die Entscheidung der Lufthansa, Verdi als Partner für das gesamte Cockpit- und Kabinenpersonal von City Airlines zu akzeptieren, wird in Branchenkreisen als Versuch gewertet, die Verhandlungsmacht der spezialisierten Fachgewerkschaften zu schwächen.

Orientierung an Discover Airlines und regulatorischen Mindeststandards

Als inhaltlicher Maßstab für die neuen Vergütungstabellen dienen die Strukturen von Discover Airlines. Die ebenfalls junge Konzerntochter verfügt über ein Lohnniveau, das unterhalb der klassischen Lufthansa-Passage liegt, aber über den Sätzen von Low-Cost-Anbietern angesiedelt ist. Für das Personal bei City Airlines bedeutet dies eine Bezahlung, die sich strikt an der Marktpositionierung der Airline als spezialisierter Zubringer orientiert.

Ein weiterer Eckpfeiler des neuen Tarifwerks sind die Dienstregeln. Lufthansa strebt für City Airlines einen Manteltarifvertrag an, der sich in vielen Punkten eng an den Vorgaben der European Union Aviation Safety Agency (EASA) bewegt. Während traditionelle Tarifverträge im Konzern oft Schutzbestimmungen enthalten, die weit über diese gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen, sollen die Regeln bei City Airlines die gesetzlichen Spielräume maximal ausnutzen. Dies ermöglicht eine höhere Produktivität des Personals, etwa durch kürzere Ruhezeiten innerhalb der gesetzlichen Grenzen oder eine flexiblere Planung von Mehrarbeit.

Konkurrenzkampf der Gewerkschaften

Die sich abzeichnende Einigung zwischen Lufthansa und Verdi sorgt bei den Fachgewerkschaften für erhebliche Unruhe. Für die Vereinigung Cockpit und Ufo steht viel auf dem Spiel: Sollte sich das Modell einer Einheitsgewerkschaft bei City Airlines bewähren, könnte dies als Blaupause für künftige Neugründungen oder Umstrukturierungen innerhalb der Lufthansa Group dienen. Die Fachgewerkschaften befürchten eine Erosion der über Jahrzehnte erkämpften Standards.

Bisher stellen Cockpit und Ufo die Tarifpartner bei der auslaufenden Cityline. Dass sie bei der Nachfolgegesellschaft City Airlines faktisch an den Rand gedrängt werden, empfinden die Verreter der Fachgewerkschaften als gezielte Marginalisierung. Verdi hingegen sieht die Chance, ihre Präsenz im Bereich des fliegenden Personals massiv auszubauen und sich als pragmatischer Partner für Ersttarifierungen zu positionieren. Der Wettbewerb zwischen den Arbeitnehmervertretern spielt dem Management der Lufthansa in die Karten, da unterschiedliche Forderungskataloge und strategische Ausrichtungen der Gewerkschaften die Bildung einer geschlossenen Front erschweren.

Operative Umsetzung und Ausblick bis 2027

Die operative Einführung der City Airlines erfolgt schrittweise. Mit dem Erreichen der Eckpunkte für den Tarifvertrag ist der Weg frei für die Rekrutierung und den Transfer von Personal. Ein Teil der Belegschaft könnte von der schrumpfenden Cityline zur neuen Tochter wechseln, sofern sie bereit sind, die neuen vertraglichen Bedingungen zu akzeptieren. Das Ziel bleibt unverändert: Die Drehkreuze in Frankfurt und München sollen ab 2027 ausschließlich durch die kostengünstigere City Airlines bedient werden.

Sollten die letzten Details in dieser Woche wie geplant geklärt werden, könnte die feierliche Unterzeichnung des Tarifvertrags bereits in Kürze erfolgen. Dies würde der Lufthansa die notwendige Planungssicherheit geben, um die Flottenplanung und die Slot-Zuweisungen für die kommenden Flugplanperioden final abzuschließen. Der Erfolg von City Airlines wird maßgeblich davon abhängen, ob das neue Tarifgefüge stabil genug ist, um den operativen Betrieb ohne die bei der Lufthansa sonst üblichen Arbeitskämpfe zu gewährleisten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Belegschaft das von Verdi ausgehandelte Paket annimmt oder ob die Fachgewerkschaften versuchen werden, über gerichtliche Wege oder gezielte Mitgliederwerbung ihren Einfluss bei der neuen Airline doch noch geltend zu machen.

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