Sharklet Airbus A321LR (Foto: Steffen Lorenz).
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Strategischer Bieterwettstreit um TAP Air Portugal: Lufthansa und Air France-KLM im Rennen

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Der Konsolidierungsprozess in der europäischen Luftfahrtindustrie erreicht eine neue Phase. Nachdem die portugiesische Regierung den Prozess zur Teilprivatisierung der nationalen Fluggesellschaft TAP Air Portugal formal eingeleitet hat, kristallisieren sich zwei Schwergewichte der Branche als Hauptinteressenten heraus.

Sowohl der deutsche Lufthansa-Konzern als auch das französisch-niederländische Bündnis Air France-KLM haben unverbindliche Gebote für das ausgeschriebene Aktienpaket eingereicht. Während die International Airlines Group (IAG), Muttergesellschaft von British Airways und Iberia, ihr Interesse vorerst zurückgezogen hat, untermauern die jüngsten Geschäftszahlen der TAP die Attraktivität des Unternehmens. Trotz eines deutlichen Gewinnrückgangs im Vergleich zum Vorjahr verblieb die Fluggesellschaft 2025 in der Gewinnzone und konnte die Passagierzahlen moderat steigern. Für die potenziellen Käufer steht vor allem die strategische Bedeutung des Drehkreuzes Lissabon als Tor nach Südamerika im Fokus der Überlegungen. Der portugiesische Staat plant, zunächst 44,9 Prozent der Anteile an einen Investor abzugeben, während die Mehrheit vorerst in öffentlicher Hand verbleiben soll.

Finanzielle Performance und operative Kennzahlen der TAP Air Portugal

Die Veröffentlichung der Bilanz für das Geschäftsjahr 2025 lieferte wichtige Daten für das laufende Bieterverfahren. TAP Air Portugal schloss das vergangene Jahr mit einem Nettogewinn von 4,1 Millionen Euro ab. Auf den ersten Blick markiert dies einen massiven Einbruch um 92 Prozent gegenüber dem Vorjahresergebnis, doch die Unternehmensführung betonte, dass dieser Rückgang primär auf einen einmaligen Steuereffekt zurückzuführen sei und nicht auf eine Verschlechterung der operativen Leistungsfähigkeit. Operativ zeigt die Kurve hingegen nach oben: Die Anzahl der beförderten Passagiere stieg um 3,4 Prozent auf insgesamt 16,7 Millionen Reisende.

Diese Stabilität ist für den Privatisierungsprozess von entscheidender Bedeutung. Nach der Wiederverstaatlichung im Zuge der globalen Krise des Jahres 2020 musste die Airline umfassend restrukturiert werden. Die aktuellen Zahlen belegen, dass die Sanierungsmassnahmen gegriffen haben und das Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Marktumfeld profitabel agieren kann. Analysten bewerten das zur Disposition stehende Anteilspaket von knapp 45 Prozent derzeit mit einem Marktwert von bis zu 700 Millionen Euro. Dieser Preis spiegelt nicht nur den aktuellen Buchwert wider, sondern vor allem die strategische Prämie für den Zugang zu den lukrativen Routen über den Südatlantik.

Die strategische Vision der Lufthansa Group

Für den Lufthansa-Konzern unter der Leitung von Carsten Spohr stellt eine Beteiligung an TAP eine logische Erweiterung des bestehenden Netzwerks dar. Bisher ist der Konzern vor allem über seine Drehkreuze in Frankfurt, München, Wien und Zürich stark auf den Nordatlantik sowie den asiatischen Raum ausgerichtet. Südamerika gilt traditionell als eine Region, in der die Lufthansa im Vergleich zu Wettbewerbern wie der IAG Aufholbedarf hat. Die Eingliederung der TAP würde dieses Defizit mit einem Schlag beheben, da die Portugiesen über eine hervorragende Marktposition in Brasilien und anderen südamerikanischen Staaten verfügen.

Spohr skizzierte bereits Pläne, Lissabon zu einem zentralen atlantischen Drehkreuz innerhalb des Konzernverbunds auszubauen. Dabei betonte er, dass die portugiesische Identität der Airline gewahrt bleiben solle, während gleichzeitig die globale Anbindung des Landes gestärkt werde. Da TAP bereits Mitglied der Star Alliance ist, würde eine Integration in den Lufthansa-Konzern operativ und technisch weniger Reibungsverluste verursachen als bei einem Wechsel der Allianz. Synergieeffekte werden insbesondere beim gemeinsamen Einkauf, der Wartung und der Abstimmung der Flugpläne erwartet, was die Rentabilität der TAP langfristig sichern könnte.

Air France-KLM als Herausforderer im Bieterstreit

Air France-KLM sieht in TAP Air Portugal ebenfalls eine ideale Ergänzung. Das Konsortium, das bereits über starke Verbindungen nach Afrika und Südamerika verfügt, könnte durch den Standort Lissabon seine Kapazitäten im Südatlantik signifikant erweitern. Lissabon liegt geografisch ideal für Verbindungen aus ganz Europa nach Südamerika und bietet kürzere Flugzeiten als nördlichere Drehkreuze. Für Air France-KLM geht es in diesem Bieterstreit auch darum, dem Expansionsdrang der Lufthansa in Europa Einhalt zu gebieten.

Die Wettbewerbssituation verschärft sich dadurch, dass die EU-Wettbewerbshüter Konsolidierungen in der Luftfahrtbranche zunehmend kritisch prüfen. Ein Einstieg der Lufthansa oder von Air France-KLM müsste voraussichtlich mit Auflagen verbunden werden, wie etwa der Abgabe von Start- und Landerechten an zentralen Flughäfen. Dennoch signalisieren beide Konzerne Entschlossenheit. Die Expertise beider Unternehmen bei der Integration ehemals staatlicher Carrier in eine Holdingstruktur macht sie aus Sicht der portugiesischen Regierung zu validen Partnern für die Teilprivatisierung.

Staatliche Interessen und der Zeitplan der Privatisierung

Die portugiesische Regierung verfolgt mit der Teilprivatisierung ein klares Ziel: Sie möchte die unternehmerische Verantwortung und das finanzielle Risiko teilweise auf einen privaten Partner übertragen, ohne dabei die volle Kontrolle über die nationale Fluggesellschaft zu verlieren. Der Plan sieht vor, dass 50,1 Prozent der Anteile im Staatsbesitz bleiben. Zudem sollen fünf Prozent der Aktien den Mitarbeitern der TAP angeboten werden, um die Akzeptanz des Prozesses innerhalb der Belegschaft zu erhöhen.

Die staatliche Beteiligungsgesellschaft Parpublica spielt in diesem Verfahren die zentrale Rolle. Bis Anfang Mai sollen die vorliegenden unverbindlichen Gebote und die damit verbundenen Konzepte im Detail ausgewertet werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei nicht nur auf dem gebotenen Kaufpreis, sondern auch auf den Zusagen zur Standortsicherung in Lissabon und Porto sowie zur Beibehaltung der Langstreckenrouten. Nach dieser ersten Evaluierungsphase haben die verbleibenden Bieter 90 Tage Zeit, um eine detaillierte Prüfung der Bücher (Due Diligence) durchzuführen und anschliessend ein bindendes Angebot abzugeben. Eine endgültige Entscheidung über den neuen Partner der TAP wird für das zweite Halbjahr 2026 erwartet.

Marktdynamik und regionale Bedeutung des Drehkreuzes Lissabon

Lissabon hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Luftverkehrsknotenpunkte in Südeuropa entwickelt. Die geografische Lage Portugals am westlichen Rand des europäischen Festlandes prädestiniert das Land für den Transatlantikverkehr. TAP nutzt diesen Standortvorteil konsequent aus und hat sich als Marktführer für Verbindungen nach Brasilien etabliert. Diese Marktstellung ist es, die TAP trotz ihrer im Vergleich zu den Branchenriesen geringeren Grösse zu einem begehrten Übernahmeziel macht.

Die Konkurrenz durch Billigflieger auf der Kurzstrecke innerhalb Europas hat den Druck auf TAP erhöht, das Langstreckengeschäft weiter zu professionalisieren. Ein starker Partner im Hintergrund könnte der Airline helfen, die Flottenmodernisierung schneller voranzutreiben und die operative Effizienz zu steigern. Unabhängig davon, wer am Ende den Zuschlag erhält, wird die Teilprivatisierung der TAP Air Portugal die Machtverhältnisse im europäischen Luftraum nachhaltig verschieben. Lissabon wird unter neuer Führung voraussichtlich eine noch zentralere Rolle im weltweiten Netzwerk einer der grossen Airline-Holdings einnehmen.

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