Die europäische Luftfahrtindustrie steht vor einer ihrer schwersten Bewährungsproben seit Jahrzehnten. Infolge der militärischen Eskalation im Nahen Osten und der damit verbundenen Blockade der Straße von Hormus ist die Versorgungskette für Erdölprodukte nahezu zum Erliegen gekommen. Fatih Birol, der Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), warnte eindringlich vor den Konsequenzen dieser Unterbrechung und bezeichnete die aktuelle Situation als die größte Energiekrise der modernen Geschichte.
Besonders kritisch stellt sich die Lage beim Flugtreibstoff Kerosin dar. Da Europa in hohem Maße von Importen aus der Golfregion abhängig ist, schrumpfen die vorhandenen Vorräte rapide. Aktuellen Schätzungen zufolge reichen die Kerosinreserven auf dem europäischen Kontinent nur noch für etwa sechs Wochen aus. Diese Entwicklung hat bereits zu einer massiven Teuerung geführt; die Preise für Jet-Fuel haben sich innerhalb kürzester Zeit mehr als verdoppelt. Als unmittelbare Reaktion darauf haben große Fluggesellschaften wie die Lufthansa bereits begonnen, ihre Flugpläne auszudünnen und ältere, treibstoffintensive Maschinen vorzeitig aus dem Betrieb zu nehmen.
Die strategische Bedeutung der Straße von Hormus für den Luftverkehr
Die Straße von Hormus gilt als die wichtigste maritime Schlagader der Weltwirtschaft. Durch diese schmale Meerenge zwischen dem Iran und Oman wird rund ein Fünftel der weltweiten Ölproduktion transportiert. Für die europäische Luftfahrt ist dieser Seeweg von existenzieller Bedeutung, da ein signifikanter Teil des in Europa verbrauchten Kerosins entweder direkt aus den Raffinerien am Persischen Golf stammt oder aus Rohöl produziert wird, das diesen Weg nehmen muss. Die Blockade führt dazu, dass Tanker entweder feststecken oder extrem zeitaufwendige und kostspielige Umwege um das Kap der Guten Hoffnung in Kauf nehmen müssen.
Dieser logistische Mehraufwand spiegelt sich unmittelbar in den Preisen an den Rohstoffbörsen wider. Da Kerosin im Gegensatz zu Diesel oder Heizöl spezifischen Qualitätsstandards entsprechen muss und die Raffineriekapazitäten in Europa in den letzten Jahren nicht erweitert wurden, gibt es kaum kurzfristige Ausweichmöglichkeiten. Der Preissprung trifft die Fluggesellschaften zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Branche gerade erst von den wirtschaftlichen Folgen vergangener Krisen erholt hatte. Die Treibstoffkosten machen bei vielen Airlines mittlerweile über 30 Prozent der Gesamtausgaben aus, was die Gewinnmargen vollständig aufzehrt.
Forderungen nach einer strategischen Kerosinreserve der Europäischen Union
Angesichts der drohenden Versorgungsengpässe haben die führenden Branchenverbände die Initiative ergriffen. Der Flughafenverband Airports Council International (ACI) Europe und der Airlineverband Airlines for Europe (A4E) fordern von der Europäischen Kommission in Brüssel ein entschlossenes Gegensteuern. Im Zentrum der Forderungen steht der Aufbau einer strategischen Kerosinreserve nach dem Vorbild der nationalen Rohölreserven. Ziel ist es, einen Vorrat anzulegen, der den Bedarf für mindestens 90 Tage abdeckt, um kurzfristige Lieferstopps abzufedern.
Darüber hinaus schlagen die Verbände vor, den Einkauf von Flugtreibstoff auf EU-Ebene zu zentralisieren. Ein gemeinsames Beschaffungswesen soll die Verhandlungsposition gegenüber den Produzentenländern stärken und eine gerechtere Verteilung der knappen Ressourcen innerhalb der Mitgliedstaaten sicherstellen. Ein begleitendes Monitoring-System soll zudem in Echtzeit über die Lagerbestände an den großen europäischen Drehkreuzen wie Frankfurt, Paris-Charles-de-Gaulle und London-Heathrow informieren, um bei drohenden lokalen Engpässen frühzeitig intervenieren zu können. Bisher unterliegt die Bevorratung von Kerosin weitgehend privatwirtschaftlichen Entscheidungen der Flughafenbetreiber und Mineralölkonzerne, was sich in der aktuellen Krisensituation als Sicherheitsrisiko erweist.
Operative Konsequenzen für Fluggesellschaften und Passagiere
Die ersten Auswirkungen der Krise sind für die Reisenden bereits spürbar. Die Lufthansa-Gruppe hat als einer der ersten großen Akteure auf den Preisschock reagiert. Der Konzern beschleunigt den Umbau seiner Flotte und zieht die Ausflottung vierstrahliger Flugzeugtypen wie dem Airbus A340 und der Boeing 747-400 vor. Diese Maschinen gelten als besonders spritdurstig und sind unter den aktuellen Preisbedingungen nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. Gleichzeitig führt die Verknappung des Treibstoffs zu einer Reduzierung des angebotenen Flugprogramms.
Flüge mit geringer Auslastung werden gestrichen oder mit anderen Verbindungen zusammengelegt, um die Effizienz pro verbrauchtem Liter Kerosin zu maximieren. Branchenexperten gehen davon aus, dass auch andere europäische Fluggesellschaften wie Air France-KLM und die IAG-Gruppe diesem Beispiel folgen werden. Für die Passagiere bedeutet dies nicht nur weniger Auswahl und potenziell längere Reisezeiten, sondern vor allem drastisch steigende Ticketpreise. Die Airlines geben die massiv gestiegenen Kosten über Treibstoffzuschläge direkt an die Kunden weiter. In einigen Marktsegmenten wird bereits mit Preissteigerungen von 20 bis 40 Prozent gerechnet.
Gefahr für die globale Versorgungssicherheit
Die Warnung von IEA-Chef Fatih Birol geht über die bloße Preisproblematik hinaus. Es steht die physische Verfügbarkeit von Treibstoff in Frage. Sollte die Blockade der Straße von Hormus über die kommenden sechs Wochen hinaus anhalten, könnten europäische Flughäfen gezwungen sein, das sogenannte Tankering einzuschränken. Dabei betanken Flugzeuge ihre Maschinen an fernen Zielen so weit, dass der Treibstoff auch für den Rückflug reicht, um teure oder knappe Bestände am Zielort zu meiden. Dies erhöht jedoch das Abfluggewicht und damit den Gesamtverbrauch.
Die internationale Staatengemeinschaft bemüht sich derzeit auf diplomatischer Ebene um eine Deeskalation im Nahen Osten, um die Schifffahrtswege wieder freizugeben. Doch solange keine gesicherte Passage durch die Meerenge möglich ist, bleibt die europäische Luftfahrt im Krisenmodus. Die Abhängigkeit von fossilen Importen aus instabilen Regionen wird durch die aktuelle Blockade so deutlich wie nie zuvor. Ohne eine grundlegende Neuordnung der Bevorratungsstrategie und eine Diversifizierung der Bezugsquellen droht dem Luftverkehrsstandort Europa ein dauerhafter Wettbewerbsnachteil gegenüber Regionen, die über eigene Ressourcen verfügen.