Lufthansa-Winglet (Foto: Mark König/Unsplash).
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Strategien gegen die drohende Treibstoffknappheit: Lufthansa fordert politisches Handeln in Brüssel

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Die europäische Luftfahrtindustrie steuert auf einen schwierigen Sommer zu, in dem die Sicherung der Treibstoffversorgung zu einer zentralen operativen Herausforderung wird. Vor dem Hintergrund massiver Verschiebungen in den globalen Lieferketten hat die Lufthansa Group einen dringenden Appell an die Europäische Union gerichtet, regulatorische Hürden abzubauen und die Risikovorsorge zu intensivieren.

Während der Konzern für die unmittelbare Zukunft bis Mitte Juni keine physischen Engpässe bei der Kerosinversorgung prognostiziert, bereitet sich das Management unter Führung von Carsten Spohr bereits auf Szenarien vor, die den regulären Flugbetrieb erheblich beeinflussen könnten. Um die Stabilität des Netzwerks zu gewährleisten, schlägt die größte deutsche Fluggesellschaft eine Reihe pragmatischer Maßnahmen vor, die von der Zulassung US-amerikanischer Treibstoffsorten bis hin zur Anpassung internationaler Flugrouten reichen. Der Fokus liegt dabei auf der Sicherstellung der Mobilität in einer Zeit, in der die traditionellen Importwege aus der Golfregion zunehmend unter Druck geraten.

Verschiebungen der globalen Importströme und die Rolle der Reserven

Europa sah sich in den vergangenen Monaten gezwungen, seine Energiebezugsquellen grundlegend neu zu bewerten. Bisher stammten rund 25 Prozent der europäischen Kerosinimporte aus der Golfregion. Dieser Anteil muss nun aufgrund geopolitischer Instabilitäten und logistischer Hindernisse ersetzt werden. Laut Konzernchef Carsten Spohr wird derzeit etwa die Hälfte dieser wegfallenden Mengen durch verstärkte Importe aus den USA und insbesondere aus Nigeria kompensiert. Diese Diversifizierung der Lieferanten ist ein notwendiger Schritt, um die Abhängigkeit von einzelnen Regionen zu verringern, bringt jedoch neue logistische Anforderungen mit sich.

Die andere Hälfte des Bedarfs kann laut Lufthansa noch mindestens bis Mitte Juni durch den Rückgriff auf kommerzielle Lagerreserven gedeckt werden. Diese Prognose stützt sich auf die aktuell verfügbaren Mengen in den privaten Lagern der Mineralölgesellschaften und Flughäfen. Wichtig ist hierbei die Feststellung, dass in diesen Kalkulationen die nationalen strategischen Reserven der europäischen Mitgliedstaaten noch nicht berücksichtigt sind. Diese staatlichen Puffer dienen als letzte Verteidigungslinie im Falle einer tatsächlichen physischen Knappheit. Dennoch mahnt der Konzern zur Wachsamkeit, da ein Aufzehren der kommerziellen Vorräte ohne entsprechenden Nachschub ab dem Hochsommer zu kritischen Situationen führen könnte.

Regulatorische Hebel und die Zulassung von Jet-A

Ein zentraler Punkt im Forderungskatalog der Lufthansa ist die Vereinfachung der Importregeln für Treibstoff aus Übersee. Konkret geht es um die Zulassung der in den USA gebräuchlichen Sorte Jet-A. Bisher unterliegt dieser Treibstoff in Europa strikten Beschränkungen. Jede importierte Tonne muss derzeit in europäischen Raffinerien einen zusätzlichen Prozess durchlaufen, um die hiesige Norm Jet-A1 zu erfüllen. Carsten Spohr bezeichnet diesen Vorgang als unnötige Belastung für die ohnehin knappen Raffineriekapazitäten. Nach Ansicht der Lufthansa sollte dieser Prozess eingespart werden, da die europäische Flugsicherheitsbehörde EASA bereits signalisiert hat, dass eine Direktvertankung technisch unbedenklich ist.

Durch die Anerkennung von Jet-A als gleichwertig könnten die europäischen Raffinerien ihre Kapazitäten sinnvoller nutzen, indem sie die Gesamtproduktion von Kerosin steigern, anstatt Zeit und Energie für die Aufwertung bereits fertigen Treibstoffs aufzuwenden. Dies würde nicht nur die Versorgungssicherheit erhöhen, sondern auch die Logistikketten beschleunigen, da der Treibstoff direkt von den Schiffen in die Tanksysteme der Flughäfen geleitet werden könnte. Die Lufthansa sieht hier die EU-Kommission in der Pflicht, schnellstmöglich die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine unkomplizierte Einfuhr zu schaffen.

Aussetzung der Anti-Tankering-Regeln und Flexibilisierung der Slots

Ein weiterer Vorschlag zur Entlastung der europäischen Versorgungslage betrifft das sogenannte Tankering. Normalerweise verpflichtet die EU Fluggesellschaften durch die Anti-Tankering-Regelung dazu, nur so viel Treibstoff aufzunehmen, wie für den jeweiligen Flugabschnitt notwendig ist. Damit soll verhindert werden, dass Airlines aus Preisgründen große Mengen Kerosin von günstigeren Standorten in teurere Regionen transportieren, was das Gesamtgewicht der Flugzeuge und damit den Verbrauch erhöht. In der aktuellen Krisensituation fordert Lufthansa jedoch, diese Regelung temporär auszusetzen.

Dies würde es den Fluggesellschaften ermöglichen, gerade auf Kurzstrecken den Treibstoff für den Rückflug bereits am Abflugort mitzunehmen. Wenn ein Flugzeug beispielsweise an einem gut versorgten Standort startet, könnte es dort vollgetankt werden, um am Zielort, an dem möglicherweise Knappheit herrscht, keine Vorräte beanspruchen zu müssen. Ergänzend dazu fordert die Lufthansa eine Lockerung der Slotregulierung nach britischem Vorbild. Dies würde den Fluggesellschaften mehr Spielraum geben, Flugpläne kurzfristig anzupassen, ohne den Verlust wertvoller Start- und Landerechte befürchten zu müssen, falls operative Einschränkungen durch die Treibstofflage dies notwendig machen.

Alternative Szenarien und die Notwendigkeit von Tankstopps

Trotz der Hoffnung auf politische Unterstützung bereitet sich die Lufthansa unter Finanzvorstand Till Streichert auf alternative operative Szenarien vor. Sollte es im Laufe des Sommers tatsächlich zu lokalen Engpässen an großen europäischen Drehkreuzen kommen, müssten unkonventionelle Maßnahmen ergriffen werden. Eine dieser Optionen ist die Durchführung von Zwischenlandungen zur Betankung auf Langstreckenflügen nach Asien und Afrika. Normalerweise werden diese Routen nonstop bedient, doch im Falle einer Kerosinknappheit am Heimatflughafen könnte es notwendig werden, die Flugzeuge nur mit einer minimalen Treibstoffmenge starten zu lassen.

Ein technischer Tankstopp an einem gut versorgten Flughafen außerhalb Europas würde es ermöglichen, die Maschinen dort für den Rest der Strecke zu betanken. Obwohl solche Zwischenstopps die Flugzeit verlängern und zusätzliche Gebühren verursachen, werden sie als notwendiges Übel betrachtet, um die Flugverbindungen überhaupt aufrechtzuerhalten. Die Lufthansa betont jedoch, dass dies derzeit lediglich Vorsorgeplanungen sind und man alles daransetze, den Nonstop-Betrieb durch eine verbesserte allgemeine Versorgungslage zu sichern. Das Management beobachtet die Lagerbestände an den Hubs Frankfurt und München sowie an den internationalen Stationen täglich, um auf kleinste Veränderungen sofort reagieren zu können.

Ausblick auf die Sommersaison im Luftverkehr

Die kommenden Wochen werden entscheidend dafür sein, ob die EU auf die Forderungen der Industrie reagiert. Die Luftfahrtbranche benötigt Planungssicherheit, um den erwarteten Ansturm der Sommerreisenden bewältigen zu können. Ein stabiler Flugbetrieb ist nicht nur für die Urlaubsreisen der Bürger, sondern auch für den internationalen Wirtschaftsverkehr von zentraler Bedeutung. Die Lufthansa hat mit ihrem Vorstoß klar gemacht, dass die Verantwortung für eine störungsfreie Saison nicht allein bei den Fluggesellschaften liegt, sondern auch eine proaktive Energiepolitik auf europäischer Ebene erfordert.

Solange die physischen Reserven halten, bleibt die Lage stabil, doch der Puffer wird kleiner. Die Diversifizierung der Importe aus den USA und Nigeria ist ein wichtiger Baustein, kann aber die regulatorischen Erleichterungen nicht vollständig ersetzen. Die Branche blickt nun gespannt nach Brüssel, wo die Entscheidung über die Zulassung von Jet-A und die Aussetzung von Tankering-Verboten den Ausschlag darüber geben könnte, ob der europäische Luftverkehrssommer 2026 ohne größere Einschränkungen verlaufen wird.

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