Heckflossen von Eurowings und Lufthansa (Foto: Robert Spohr).
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Lufthansa bereitet sich auf Versorgungsengpässe beim Flugkraftstoff vor

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Die Lufthansa Group hat angesichts drohender Engpässe bei der Versorgung mit Flugkraftstoff in der zweiten Jahreshälfte 2026 umfassende Notfallpläne initiiert. Während die Konzernführung für das laufende zweite Quartal noch eine stabile Versorgungslage an den Hauptdrehkreuzen Frankfurt und München prognostiziert, wächst die Besorgnis über die Verfügbarkeit von Kerosin ab Juli 2026.

Finanzvorstand Till Streichert bestätigte, dass das Unternehmen operative Anpassungen prüft, die unter anderem zusätzliche Tankstopps an Standorten mit gesicherter Versorgung vorsehen könnten. Parallel dazu richtete Konzernchef Carsten Spohr einen dringenden Appell an die Europäische Kommission, regulatorische Hürden temporär abzubauen. Konkret fordert die Lufthansa die Zulassung des US-amerikanischen Kraftstoffstandards Jet A ohne die bisher obligatorische zusätzliche Raffinierung auf den europäischen Jet A1 Standard sowie die Aussetzung von Anti-Tankering-Vorschriften. Diese Maßnahmen sollen sicherstellen, dass der Flugbetrieb trotz potenzieller logistischer Störungen im globalen Energiemarkt aufrechterhalten werden kann.

Analyse der aktuellen Versorgungslage und kurzfristige Prognosen

Innerhalb der Führungsetage der Lufthansa herrscht derzeit eine geteilte Einschätzung der zeitlichen Dimension der Krise. Till Streichert betonte in einer Mitteilung an Investoren, dass der Konzern bis Ende Juni keine unmittelbaren Defizite erwartet. Die Lagerkapazitäten an den zentralen Hubs seien ausreichend gefüllt, um den geplanten Sommerflugplan im ersten Halbjahr ohne Einschränkungen abzuwickeln. Diese Stabilität ist für den Konzern von elementarer Bedeutung, da die Monate Mai und Juni traditionell zu den aufkommensstärksten Zeiten gehören und die operative Zuverlässigkeit in dieser Phase die finanzielle Performance des Gesamtjahres maßgeblich beeinflusst.

Dennoch blickt das Management mit Sorge auf das dritte und vierte Quartal 2026. Die Unsicherheiten in den globalen Lieferketten, die durch geopolitische Spannungen und Raffineriekapazitäten in Europa verschärft werden, könnten zu einer Verknappung führen, die über das übliche Maß an Marktschwankungen hinausgeht. Um auf dieses Szenario vorbereitet zu sein, werden derzeit verschiedene operative Modelle durchgespielt. Dazu gehören Routenanpassungen, bei denen Langstreckenflüge planmäßige Zwischenlandungen an Flughäfen einlegen könnten, die über direkten Zugang zu Pipelines oder Seehäfen mit besserer Versorgungslage verfügen.

Forderung nach regulatorischer Flexibilität bei Kraftstoffstandards

Ein zentraler Aspekt der Lufthansa-Strategie ist die Forderung nach einer Harmonisierung der internationalen Kraftstoffstandards. Carsten Spohr plädierte öffentlich dafür, dass die Europäische Kommission den Einsatz von Jet A Kraftstoff ermöglicht. Dieser Standard wird primär in den Vereinigten Staaten verwendet und unterscheidet sich vom europäischen Jet A1 hauptsächlich durch einen etwas höheren Gefrierpunkt. Im normalen Flugbetrieb über dem europäischen Kontinent stellt dies technisch kaum ein Hindernis dar, doch die aktuellen EU-Vorschriften verlangen eine aufwendige Nachbearbeitung, bevor Jet A in europäische Tanks gefüllt werden darf.

Durch die Anerkennung des US-Standards könnte die Lufthansa flexibler auf dem Weltmarkt agieren und Kerosinkontingente aus Nordamerika importieren, ohne auf die begrenzten Kapazitäten europäischer Sekundärraffinerien angewiesen zu sein. Spohr argumentiert, dass in einer Ausnahmesituation die Versorgungssicherheit Vorrang vor rein formalen Standards haben müsse. Die Zulassung würde es ermöglichen, die transatlantische Logistikkette direkter zu nutzen und die Abhängigkeit von Lieferungen aus dem Osten oder aus instabilen Regionen zu verringern.

Die Debatte um das Anti-Tankering-Verbot

Ein weiteres Instrument der Krisenbewältigung sieht die Lufthansa in der Aussetzung der sogenannten Anti-Tankering-Regeln. Unter normalen Wettbewerbsbedingungen sind Fluggesellschaften angehalten, an jedem Flughafen nur die Menge an Kraftstoff aufzunehmen, die für den jeweiligen Flugabschnitt plus Sicherheitsreserven notwendig ist. Dies soll verhindern, dass Airlines große Mengen billigen Treibstoffs an einem Standort bunkern, um an teureren Standorten nicht tanken zu müssen, was den Wettbewerb verzerren würde.

In einer Mangelsituation verkehrt sich diese Regelung laut Lufthansa jedoch ins Gegenteil. Wenn an einem Flughafen die Versorgung unsicher ist, müssten Flugzeuge in der Lage sein, an ihrem Heimatdrehkreuz oder an anderen gesicherten Standorten so viel Kerosin aufzunehmen, dass sie den Rückflug oder Weiterflüge ohne zusätzliches Tanken an gefährdeten Zielorten bestreiten können. Die Aussetzung dieser Regeln würde zwar das Abfluggewicht der Maschinen erhöhen, aber gleichzeitig das Risiko minimieren, dass Flugzeuge an Außenstationen aufgrund von Kerosinmangel festsitzen.

Wirtschaftliche Implikationen zusätzlicher Tankstopps

Die Planung von zusätzlichen Zwischenlandungen zur Treibstoffaufnahme ist für eine Fluggesellschaft der Größenordnung der Lufthansa ein hochkomplexes Unterfangen. Jeder zusätzliche Stopp verursacht erhebliche Kosten durch Flughafengebühren, erhöhten Personalaufwand und eine verlängerte Umlaufzeit der Maschinen. Zudem leidet die Konnektivität an den Drehkreuzen, wenn Anschlussflüge aufgrund von verspäteten Ankünften nicht erreicht werden können. Dennoch betrachtet der Finanzvorstand diese Option als das kleinere Übel gegenüber kompletten Flugausfällen.

Operativ könnten Standorte in Nordeuropa oder im Mittelmeerraum als solche Tank-Hubs fungieren, sofern dort die Anbindung an die Schifffahrtswege eine stabilere Belieferung garantiert. Die Lufthansa prüft in diesem Zusammenhang auch die Zusammenarbeit mit Partnergesellschaften innerhalb der Star Alliance, um gegenseitigen Zugriff auf Treibstoffreserven zu erhalten. Diese Form der logistischen Kooperation könnte in der zweiten Jahreshälfte zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.

Reaktion der europäischen Behörden und Ausblick

Bisher hat sich die Europäische Kommission zu den spezifischen Forderungen der Lufthansa verhalten geäußert. Es wird erwartet, dass Brüssel zunächst die allgemeine Versorgungslage im gesamten Wirtschaftsraum prüft, bevor punktuelle Ausnahmen von Sicherheits- oder Wettbewerbsstandards gewährt werden. Kritiker geben zu bedenken, dass eine einseitige Bevorzugung großer Netzgesellschaften die Marktbalance stören könnte. Die Lufthansa hält jedoch dagegen, dass die Aufrechterhaltung der globalen Luftverkehrsknotenpunkte im Interesse der gesamten europäischen Wirtschaft liege.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob die diplomatischen Bemühungen der Konzernleitung Früchte tragen. Sollte die Kommission keine Zugeständnisse machen, wird die Lufthansa gezwungen sein, ihre Notfallpläne auf rein operativer Ebene umzusetzen. Für Passagiere könnte dies ab dem Sommer längere Reisezeiten auf bestimmten Strecken bedeuten. Der Konzern bereitet sich darauf vor, seine Kunden frühzeitig über mögliche Änderungen im Flugplan zu informieren, um die Auswirkungen auf den Reiseverkehr so gering wie möglich zu halten. Die strategische Bevorratung und die Diversifizierung der Bezugsquellen bleiben dabei die wichtigsten Säulen, um das Unternehmen durch eine potenziell turbulente zweite Jahreshälfte zu steuern.

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