Fast ein Jahr nach dem schweren Unglück von Air India Flug 171 in Ahmedabad verdichten sich die Hinweise auf ein menschliches Versagen im Cockpit, während zwischen den beteiligten internationalen Behörden erhebliche Meinungsverschiedenheiten bestehen.
Am 12. Juni 2025 stürzte eine Boeing 787-8 unmittelbar nach dem Start bei extremer Hitze in ein Wohnheim, wobei 260 Menschen ums Leben kamen. Einzig ein Passagier überlebte die Katastrophe. Der bevorstehende Zwischenbericht der indischen Flugunfallbehörde AAIB wird die Akte voraussichtlich noch nicht schließen, da die Interpretation der vorliegenden Daten des Stimmenrekorders und der physischen Beweise am Wrack zu diplomatischen Spannungen zwischen den USA und Indien führt.
Im Zentrum der Untersuchungen stehen die sogenannten Engine Fuel Control Switches, die sich unmittelbar unter den Schubhebeln befinden. Diese Schalter regulieren die Treibstoffzufuhr und verfügen über eine mechanische Sicherung, die ein versehentliches Umlegen verhindern soll. Während US-amerikanische Ermittler einen technischen Defekt am Flugzeug oder an den Triebwerken mittlerweile nahezu ausschließen, konzentrieren sie sich auf die These einer bewussten oder grob fahrlässigen Betätigung dieser Schalter durch den erfahrenen Kapitän Sumeet S. Aufzeichnungen des Cockpit Voice Recorders belegen einen dramatischen Wortwechsel, in dem der 32-jährige Erste Offizier den Kapitän fragt, warum er die Triebwerke abgestellt habe, was dieser jedoch verneinte.
Die indischen Behörden zeigen sich gegenüber der Theorie einer absichtlichen Handlung skeptisch und bringen stattdessen die Möglichkeit einer fatalen Verwechslung ins Spiel. Indische Experten argumentieren, der Kapitän habe im Stress der Startphase die Treibstoffschalter mit den Hebeln für das Fahrwerk oder die Landeklappen verwechselt. Diese Theorie wird jedoch von Fachleuten kritisch gesehen, da die Bedienmechanismen der verschiedenen Hebel bewusst unterschiedlich gestaltet sind, um haptische Verwechslungen auszuschließen. Dass das Fahrwerk zum Zeitpunkt des Aufpralls noch ausgefahren war, stützt zwar die Annahme einer unvollständigen Startsequenz, erklärt jedoch nicht zwangsläufig das Abschalten der Triebwerksleistung.
Das gegenseitige Misstrauen der Ermittlungsteams trat zuletzt bei technischen Tests in den USA offen zutage, zu denen die indische Seite eigene Beobachter entsandte. Während die US-Seite auf eine klare Beweislage hinsichtlich der Schalterstellung drängt, warnt Indien vor voreiligen Schlüssen, die einem Mordvorwurf gleichkämen. Der Fall Air India 171 bleibt somit ein hochsensibles Verfahren, bei dem es nicht nur um die technische Aufklärung eines der schwersten Luftfahrtunglücke der letzten Jahre geht, sondern auch um die Reputation der nationalen Fluggesellschaft und ihrer Ausbildungsprogramme für Pilotenschulungen unter extremen klimatischen Bedingungen.