Ein plötzlicher und heftiger Wetterumschwung hat am vergangenen Sonntag den Flugplan in Deutschland empfindlich durcheinandergebracht und zu massiven Einschränkungen im internationalen und nationalen Flugverkehr geführt.
Besonders schwer getroffen wurden die beiden zentralen Drehkreuze der Lufthansa Group, die Flughäfen Frankfurt am Main und München. Aufgrund schwerer Gewitterzellen, die über das jeweilige Flughafengelände zogen, mussten zeitweise behördlich angeordnete Abfertigungsstopps verhängt werden. Dies führte zu einer Kaskade von Verzögerungen, Flugumleitungen und vollständigen Streichungen, von denen Tausende Passagiere betroffen waren. An den Serviceschaltern der Fluggesellschaften bildeten sich innerhalb kürzester Zeit lange Warteschlangen, da Fluggäste auf alternative Verbindungen oder die Schiene umgebucht werden mussten. Der Vorfall verdeutlicht erneut die hohe Verwundbarkeit der eng getakteten europäischen Luftfahrtinfrastruktur bei extremen meteorologischen Ereignissen, die den operativen Betrieb am Boden und in der Luft innerhalb weniger Minuten lahmlegen können.
Die Situation am Flughafen Frankfurt am Main
Am größten deutschen Verkehrsflughafen in Frankfurt am Main begann die Lage sich am Nachmittag zuzuspitzen, als eine ausgeprägte Gewitterfront das Rhein-Main-Gebiet erreichte. Aus Sicherheitsgründen war der Betreiber Fraport gezwungen, die sogenannte Bodenabfertigung mehrfach vollständig einzustellen. Bei akutem Blitzschlagrisiko im Umkreis des Flughafens darf das Bodenpersonal das Vorfeld aus Arbeitsschutzgründen nicht betreten. Das bedeutet, dass Flugzeuge weder be- oder entladen noch betankt werden können. Auch das sogenannte Pushback, das Zurückrollen der Maschinen von den Gates, ist in dieser Zeit untersagt.
Dies hatte zur Folge, dass bereits gelandete Maschinen auf den Rollbahnen parken mussten und die Passagiere das Flugzeug nicht verlassen konnten, da keine Gangways oder Busse herangeführt werden durften. Gleichzeitig konnten ankommende Flüge teilweise nicht mehr landen, da die Kapazitäten am Boden blockiert waren. Die Deutsche Flugsicherung koordinierte in dieser Phase zahlreiche Warteschleifen im Luftraum über Hessen und leitete mehrere Lang- und Mittelstreckenflüge zu umliegenden Flughäfen wie Düsseldorf, Köln/Bonn oder Nürnberg um. Erst nach dem Abziehen der Gewitterzellen konnte der Betrieb schrittweise und unter erheblichen Verzögerungen wieder aufgenommen werden.
Massive Wartezeiten und Schlangen am Drehkreuz München
Ähnlich dramatisch gestaltete sich die Situation am Flughafen München im Erdinger Moos. Das bayrische Drehkreuz, das insbesondere für die Abwicklung des transatlantischen und asiatischen Umsteigeverkehrs der Lufthansa von zentraler Bedeutung ist, litt ebenfalls unter den Folgen von Starkregen und Blitzschlag. Da der Flughafen München über ein hohes Aufkommen an Passagieren verfügt, die kurze Umsteigezeiten gebucht haben, führten die wetterbedingten Verspätungen zu einem massiven Kontrollverlust bei den Anschlussflügen.
In den Terminals 2 und dem dazugehörigen Satellitengebäude bildeten sich rasch lange Schlangen vor den Transfer- und Serviceschaltern. Viele Reisende verpassten ihre Anschlussflüge, da die Zubringermaschinen verspätet eintrafen oder im Sinkflug auf München wertvolle Zeit verloren hatten. Das Bodenpersonal stieß bei der Bewältigung der Umbuchungswünsche an seine kapazitären Grenzen. Da auch umliegende Hotels aufgrund der hohen Anzahl gestrandeter Passagiere schnell ausgebucht waren, mussten für einige Reisende provisorische Übernachtungsmöglichkeiten im Transitbereich geschaffen werden. Lufthansa bemühte sich, durch den verstärkten Einsatz von digitalem Kundenservice und automatisierten Umbuchungen per App den Druck von den physischen Schaltern zu nehmen, was jedoch aufgrund der schieren Masse an Betroffenen nur teilweise gelang.
Operative Herausforderungen für die Fluggesellschaften
Für die Fluggesellschaften, allen voran die Lufthansa als Hauptnutzer der beiden betroffenen Flughäfen, bedeutet ein solches Wetterereignis eine logistische Meisterleistung und eine enorme finanzielle Belastung. Die Dienstpläne von Pilotinnen, Piloten und der Kabinenbesatzung geraten durch die Verzögerungen aus den gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeitregelungen. Dies führt oft dazu, dass Crews ihre maximale Arbeitszeit überschreiten und Flüge am Folgetag gestrichen werden müssen, obwohl das Wetter sich bereits wieder beruhigt hat.
Zudem müssen die Flugzeuge strategisch so positioniert werden, dass der Flugplan am Montag zum Wochenstart wieder reibungslos anlaufen kann. Wenn eine Maschine nach Düsseldorf oder Nürnberg umgeleitet wurde, fehlt sie am nächsten Morgen in Frankfurt oder München für den geplanten Weiterflug. Die Netzmanagement-Zentren in Frankfurt und München arbeiteten die gesamte Nacht zum Montag durch, um Flugzeuge und Besatzungen mittels Leerflügen neu zu koordinieren. Die wirtschaftlichen Schäden durch solche unverschuldeten Unwetterereignisse sind erheblich, da neben den Logistikkosten auch Verpflegungs- und Beherbergungsleistungen für die Passagiere anfallen.
Die Rolle der Flugsicherung und des Luftraummanagements
In Situationen mit schweren Gewittern kommt der Deutschen Flugsicherung (DFS) eine Schlüsselrolle zu. Gewitterzellen im Sommer zeichnen sich durch enorme vertikale Ausdehnungen und extreme Auf- und Abwinde aus, die für Flugzeuge im Reiseflug und insbesondere in der Start- und Landephase eine erhebliche Gefahr darstellen. Piloten müssen diese Zellen weiträumig umfliegen. Dies führt zu einer massiven Verdichtung des Verkehrs in den verbleibenden, wetterstabilen Luftraumsektoren.
Die Fluglotsen müssen in solchen Phasen die Abstände zwischen den Flugzeugen vergrößern, was die Aufnahmekapazität des Luftraums pro Stunde drastisch reduziert. Es werden sogenannte Zuflussregelungen (Slots) verhängt. Flugzeuge, die noch an ihren europäischen Ausgangsorten stehen, erhalten dann gar nicht erst die Erlaubnis zum Start, um ein Überlaufen des Luftraums über Deutschland zu verhindern. Dies erklärt, warum ein Gewitter in Frankfurt auch zu stundenlangen Verspätungen für Passagiere in London, Paris oder Rom führen kann, deren Flüge nach Deutschland geplant sind.
Ausblick auf die Stabilisierung des Flugbetriebs
Nachdem die Unwetterfront in der Nacht zum Montag nach Osten abgezogen war, beruhigte sich die meteorologische Lage im Großteil Deutschlands wieder. Dennoch waren die Nachwirkungen des chaotischen Sonntags auch am Folgetag noch spürbar. Vereinzelte Folgeverspätungen und vereinzelte Flugstreichungen ließen sich nicht vermeiden, da die Rotation der Flugzeuge erst wieder in den regulären Takt gebracht werden musste.
Die Flughafenbetreiber und Fluggesellschaften zogen eine gemischte Bilanz: Während die Sicherheitsketten und die automatischen Abfertigungsstopps zum Schutz des Personals einwandfrei funktionierten, bleibt die logistische Bewältigung der Passagierströme bei solch großflächigen Störungen eine dauerhafte Herausforderung für das Krisenmanagement der Luftfahrtbranche.