Der kubanische Tourismussektor steht vor den Trümmern seiner jüngeren Entwicklungsgeschichte und durchlebt die schwerste Krise seit mehreren Jahrzehnten. Eine ab dem 5. Juni in Kraft tretende Verordnung der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika zwingt die bedeutendsten internationalen Hotelgesellschaften dazu, ihre Aktivitäten in dem sozialistischen Inselstaat mit sofortiger Wirkung radikal einzustellen.
Die unterzeichnende Executive Order Nummer 14404 von US-Präsident Donald Trump droht ausländischen Unternehmen, die mit dem kubanischen Militärkonglomerat Gaesa kooperieren, drakonische Strafen an. Diese reichen von der totalen Sperrung und Beschlagnahmung von Vermögenswerten auf amerikanischem Territorium bis hin zum vollständigen Ausschluss aus dem internationalen Banken-Zahlungsverkehrssystem Swift. Da die Tourismustochter des Militärs, Gaviota, den Großteil der Hotelinfrastruktur des Landes besitzt, führt für europäische und asiatische Hotelkonzerne kein Weg an einer Beendigung ihrer Verträge vorbei, um das eigene globale Geschäft nicht zu gefährden. Der erzwungene Rückzug trifft die kubanische Wirtschaft inmitten einer verheerenden Phase aus anhaltender Treibstoffknappheit, einer kollabierenden Energieversorgung und einem massiven Einbruch der internationalen Passagierzahlen.
Das finanzpolitische Daumenschrauben-System der neuen Executive Order
Die juristische und wirtschaftliche Sprengkraft der neuen amerikanischen Verordnung liegt in ihrem extraterritorialen Charakter. Das jahrzehntelange US-Embargo gegen Kuba wurde durch die Executive Order Nummer 14404 in einer Weise verschärft, die drittländische Unternehmen direkt ins Visier nimmt. Das amerikanische Finanzministerium wurde ermächtigt, gegen jede ausländische Firma vorzugehen, die geschäftliche Beziehungen zu Körperschaften unterhält, die unter der Kontrolle des kubanischen Verteidigungsministeriums stehen. Im Zentrum dieser Struktur steht die Grupo de Administracion Empresarial S.A., besser bekannt als Gaesa.
Dieses militärische Wirtschaftskonglomerat kontrolliert schätzungsweise bis zu achtzig Prozent der kubanischen Devisenwirtschaft. Über die Konzerntochter Gaviota ist das Militär der größte Hotelbesitzer der Insel und verfügt über mehr als einhundert Hotelkomplexe mit rund fünfzigtausend Zimmern. Da das kubanische Recht ausländischen Hotelketten den Direkterwerb von Grund und Eigentum untersagt, basierte das bisherige Tourismusmodell fast ausschließlich auf Management- und Vermarktungsverträgen. Diese wurden in der Regel als Joint Ventures konzipiert, bei denen Gaviota mindestens einundfünfzig Prozent der Anteile hielt und die ausländischen Hotelketten maximal neunundvierzig Prozent beisteuerten. Einzige nennenswerte Ausnahme war das Hotel Iberostar Origin Laguna Azul in Varadero, für das im Jahr 2025 ein reiner Pachtvertrag ausgehandelt werden konnte. Durch die Verknüpfung der Verträge mit Gaviota fallen die internationalen Ketten nun unmittelbar unter die Sanktionsbestimmungen der USA. Ein Weiterbetrieb der Resorts würde für Konzerne wie die spanische Melia-Gruppe oder Iberostar bedeuten, dass sie jeglichen Zugang zum US-amerikanischen Markt, zu amerikanischen Banken und zu ihren dortigen Vermögenswerten einbüßen.
Der radikale Kahlschlag bei den Marktführern Melia und Iberostar
Die wirtschaftlichen Konsequenzen für die touristische Landkarte Kubas sind unmittelbar sichtbar. Die spanische Hotelgruppe Melia, die als zweitgrößter Akteur auf der Insel galt und dreiunddreißig Hotels bewirtschaftete, kündigte die sofortige Beendigung der Verträge für fast die Hälfte ihres Portfolios an. Insgesamt fünfzehn Hotels der Marken Paradisus, Melia und Sol werden mit sofortiger Wirkung aus dem System genommen. Darunter befinden sich renommierte Luxusresorts in den Urlaubsregionen Varadero, Cayo Santa Maria und Holguin. Auch prominente Stadthotels in der Hauptstadt Havanna sind betroffen, wie das erst kürzlich eröffnete Innside Catedral Habana und das geschichtsträchtige Gran Hotel Bristol Habana Vieja, das sich in unmittelbarer Nähe zum Capitol befindet. In einer offiziellen Mitteilung verwies das Management des Konzerns auf die unhaltbaren geopolitischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, räumte jedoch gleichzeitig ein, dass viele dieser Betriebe aufgrund der prekären Energiekrise und der ohnehin schwachen Nachfrage bereits zuvor kaum noch rentabel zu betreiben waren.
Eine ähnlich drastische Reduktion vollzieht die Hotelkette Iberostar. Von den ehemals neunzehn unter ihrer Führung stehenden Hotels sind auf den offiziellen Buchungsplattformen der Gesellschaft nur noch sechs Häuser verfügbar. Zu den verbleibenden Betrieben gehören das Parque Central und das Marques del Torre in Havanna sowie das Grand Trinidad in der gleichnamigen Unesco-Welterbestadt. Auch die kanadische Unternehmensgruppe Blue Diamond Resorts, an der der deutsche Touristikkonzern TUI eine Beteiligung von neunundvierzig Prozent hält und die zweiundsechzig Hotels auf Kuba betrieb, bestätigte den vollständigen Rückzug ihrer Marken Royalton, Memories, Starfish und Mystique. Ebenso zieht sich die asiatische Kette Archipelago mit der Marke Aston zurück. Kleinere spanische Anbieter wie Valentin und Blau haben ihre Buchungssysteme für kubanische Destinationen ebenfalls stillschweigend abgeschaltet, ohne bisher formelle Erklärungen abzugeben.
Kollaps der Passagierzahlen und der Transportinfrastruktur
Die Sanktionswelle trifft auf eine kubanische Wirtschaft, die sich in einem Zustand fortgeschrittener Zerrüttung befindet. Das Land leidet unter einer chronischen Energiekrise, die auf überaltete Wärmekraftwerke und mangelnde Wartung zurückzuführen ist, was im Alltag zu stundenlangen, flächendeckenden Stromausfällen führt. Diese Ausfälle betreffen zunehmend auch die touristischen Zonen, da die Generatoren der Hotels aufgrund der extremen Treibstoffknappheit nicht mehr durchgehend mit Diesel versorgt werden können. Die marode Infrastruktur bei der Wasser- und Lebensmittelversorgung erschwert den Hotelbetrieb zusätzlich.
Diese Bedingungen haben zu einem drastischen Einbruch des Interesses internationaler Reisender geführt. In den ersten vier Monaten des Jahres 2026 verzeichnete Kuba einen Rückgang der ausländischen Gäste um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Zwischen Januar und April reisten lediglich knapp dreihundertneunundzwanzigtausend internationale Urlauber auf die Insel. Dies ist ein schwerer Schlag für den Staatshaushalt, da der Tourismus als wichtigster Devisenbringer des Landes gilt. Parallel dazu hat sich die internationale Fluganbindung drastisch ausgedünnt. Derzeit wird die Verbindung zwischen Europa und Havanna im Linienverkehr ab Madrid im Wesentlichen nur noch von Air Europa und Air China aufrechterhalten. Zwar planen kleinere Anbieter wie die italienische Neos für den Frühsommer neue Flugverbindungen von Rom nach Havanna und Holguin, doch in Branchenkreisen wird bezweifelt, ob diese Strecken angesichts der massiven Schließung von Hotelkapazitäten wirtschaftlich ausgelastet werden können.
Scharfe Kritik aus Havanna an der Blockadepolitik
Die kubanische Führung reagierte mit deutlicher Verurteilung auf die Maßnahmen aus Washington. Das kubanische Fremdenverkehrsamt kritisierte in einer offiziellen Verlautbarung den völkerrechtswidrigen und extraterritorialen Charakter der Executive Order. Ziel der US-Regierung sei es, die Wirtschaft des Landes gezielt zu strangulieren und Drittstaaten sowie deren Unternehmen durch Einschüchterung und wirtschaftliche Abschreckung von legitimen Handelsbeziehungen abzuhalten. Kein anderes Tourismusziel auf der Welt sei mit derart asymmetrischen politischen und wirtschaftlichen Hürden konfrontiert.
Durch den erzwungenen Rückzug des ausländischen Know-hows und der internationalen Vermarktungskanäle steht Kuba vor der Herausforderung, die Verwaltung der betroffenen Hotels komplett in staatliche oder militärische Eigenregie zu übernehmen. Fachleute bezweifeln jedoch, dass das Land ohne die logistischen Netzwerke und den Markennamen der europäischen Konzerne in der Lage sein wird, das Qualitätsniveau zu halten und internationale Gäste in ausreichender Zahl anzusprechen. Damit droht dem Land eine anhaltende Isolation auf dem internationalen Reisemarkt, während konkurrierende Destinationen in der Karibik wie die Dominikanische Republik oder die mexikanische Riviera Maya die Marktanteile Kubas weiter übernehmen dürften.